Eine Frau wacht auf – und die Welt jenseits der Berghütte ist verstummt. Eine unsichtbare Wand trennt sie von allem, was war. Was folgt, ist kein Thriller, sondern etwas Eindringlicheres: eine Erkundung dessen, was vom Menschen bleibt, wenn die Gesellschaft wegfällt. Das Deutsche Theater zeigt Marlen Haushofers Romanklassiker als atmosphärisch dichte Theaterinszenierung, in der Marie Seiser das Publikum von der ersten Minute an in ihren Bann zieht. Neunzig Minuten, eine Figur, eine existenzielle Ausnahmesituation.
Marlen Haushofers Roman »Die Wand«, 1963 erschienen, gilt als eines der bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Am Deutschen Theater Göttingen bringt Regisseur Daniel Foerster ihn in einer konsequent reduzierten Bühnenfassung auf die Bühne des dt.2 – mit einer Premiere im Juni 2025, die das Göttinger Publikum seitdem nachhaltig beeindruckt.
Die Ausgangssituation: Eine Frau will mit ihrer Cousine und deren Mann einige Tage in einer Jagdhütte in den Bergen verbringen. Das Paar geht noch einmal kurz ins Dorf – und kehrt nicht zurück. Als die Frau am nächsten Morgen aufwacht, ist sie allein: getrennt von der Außenwelt durch eine unsichtbare, endlos wirkende Wand, hinter der kein Leben mehr zu existieren scheint. Was ihr bleibt, sind ein Hund namens Luchs, zugelaufene Katzen, eine Kuh und die umgebende Natur. Es beginnt eine Gefangenschaft, die in ihrem Unglück auch eine neue Form der Freiheit birgt.
Der Stoff entzieht sich einfachen Genrezuordnungen. Haushofers Text erzählt weniger von der Katastrophe selbst als von deren Folgen: von Einsamkeit, von der Beziehung zwischen Mensch und Natur, von der Frage, wie Identität entsteht, wenn soziale Strukturen wegfallen. Gelesen wird der Roman als feministische Selbstermächtigung ebenso wie als radikale Zivilisationskritik – seine Vieldeutigkeit macht ihn bis heute lebendig.
Foersters Inszenierung – Bühne und Kostüme: Lise Kruse, Dramaturgie: Theresa Leopold – setzt auf körperliche und sprachliche Präsenz statt auf Effekte. Marie Seiser trägt den Abend mit atemberaubender Intensität, Gerd Zinck als Hund Luchs und Lou von Gündell als Katze flankieren sie präzise. Das Göttinger Tageblatt bescheinigte Foerster nach der Premiere eine »atmosphärisch ungemein dichte Inszenierung«, die »den Spannungsbogen bis zum Schluss aufrecht« hält.
[ecr=38,47,48,53]Marlen Haushofer – Autorin
Marlen Haushofer, geboren 1920 als Marie Helene Frauendorfer im oberösterreichischen Frauenstein, wuchs als Tochter eines Försters in ländlicher Umgebung auf – ein Hintergrund, der ihre intensive Naturwahrnehmung mitgeprägt haben dürfte. Sie studierte Germanistik in Wien und Graz, heiratete den Zahnarzt Manfred Haushofer und arbeitete neben dem Schreiben als Assistentin in seiner Praxis. Ihr literarisches Werk entstand überwiegend zwischen 1953 und 1970; es umfasst Romane, Erzählungen und Hörspiele. 1970 starb sie in Wien an Knochenkrebs.
Zu Lebzeiten blieb Haushofer im literarischen Betrieb eine Außenseiterin. »Die Wand« (1963, Claassen Verlag) war zunächst kein Publikumserfolg. Erst in den 1980er Jahren wurde der Roman wiederentdeckt – im Zuge von Frauenliteraturbewegung, Ökologiedebatte und wachsendem Interesse an österreichischer Literatur. Heute gilt er als Klassiker und ist in viele Sprachen übersetzt. Das Deutsche Theater Göttingen weist in seinem Begleitmaterial darauf hin, dass Haushofer »zu den wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts« zählt und mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt wurde.
Der Roman und seine Verfilmung
»Die Wand« lässt sich auf mehreren Ebenen lesen: als feministische Utopie (die Hauptfigur befreit sich – unfreiwillig – aus sozialen Rollenzwängen), als ökologische Parabel, als Dystopie und als existenzphilosophische Reflexion. Diese Vieldeutigkeit ist ein wesentlicher Grund für die anhaltende Rezeption des Textes.
2012 verfilmte der österreichische Regisseur Julian Roman Pölsler den Roman mit Martina Gedeck in der Hauptrolle. Der österreichisch-deutsche Film lief auf zahlreichen internationalen Festivals und wurde vielfach ausgezeichnet. Gedeck trägt den Film als nahezu alleinige Darstellerin in Form eines Off-Kommentars – strukturell ähnlich dem, was Marie Seiser auf der Bühne leistet.
Regisseur Daniel Foerster
Daniel Foerster arbeitet als Regisseur am Deutschen Theater Göttingen. Weitere biographische Details sind auf der DT-Profilseite abrufbar, lagen mir für diese Recherche jedoch nicht vollständig vor – hier ggf. ergänzen.
Die Besetzung
Marie Seiser ist festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater Göttingen und hat sich als eine der prägenden Schauspielerinnen des Hauses etabliert. Die Kritiken zur Produktion heben ihre Leistung einhellig hervor: Das Göttinger Tageblatt spricht von »atemberaubender Intensität«, der Scharfer Blick von »einer unglaublichen Kraft«.
Gerd Zinck gehört seit Jahren zum Ensemble und übernimmt hier die körperlich aufwändige Rolle des Hundes Luchs – laut Kritik mit vollem Einsatz: »Er knurrt, springt, kläfft, lässt sich auch gern kraulen.«
Lou von Gündell ist jüngeres Ensemblemitglied des DT Göttingen und spielt die Katze – laut Rezensionen mit viel Spielfreude und körperlicher Präzision.
[/ecr] [ecr=8,38,47,48,53|toggle] +HintergrundDa ist noch mehr.
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