© Manga und Photo von Keanu Demuth
  • Kulturbüro PLUS für Abonnent:innen
Information
Literaturherbst

Hass ist die Antithese der Demokratie

Information
Michel Friedmann appelliert in Göttingen an die Menschlichkeit
von Keanu Demuth, erschienen am 27. Oktober 2025

„Wir leben in einer gefährlichen Übergangszeit. Der Angriff auf unsere freiheitliche Demokratie ist brutal, ist gewalttätig.“ Michel Friedman ist vieles: Jurist, Publizist, Philosoph und Politiker. Aber vor allem ist er ein „verzweifelter Demokrat.“ „Können Sie mir garantieren, dass wir in vier Jahren noch in einer Demokratie leben,“ fragt er das Publikum. Darum fordert Friedman in seinem neuen Buch »Mensch!« dazu auf, die eigene Stimme zu erheben – für Freiheit und Menschenrechte. In einer hitzigen Diskussionsrunde mit Autorin Eva Menasse warnte er vor der größten Gefahr der Demokratie, dem Hass, und machte noch einmal deutlich, dass es nicht zu spät ist, sich für die Freiheit zu engagieren! Im Rahmen des Göttinger Literaturherbsts fand Michel Friedmans und Eva Menasses Diskussionsrunde zu »Mensch!« am 24. Oktober in der Sheddachhalle statt.

menasse friedman650Verstummen ist keine Option

„Ich wollte der Angst keine Nahrung geben,“ erzählt Michel Friedman dem Publikum. Er selbst hat schon zwei Attentatsversuche überlebt. Obwohl er Todesangst empfand, ging der jüdische Publizist auf die Bühne einer Universität, um für unsere demokratischen Werte einzustehen. „Sonst wäre ich für immer verstummt!“ Im dramatischen Gespräch mit Eva Menasse gab es gleich zu Beginn schon Missverständnisse und viel Raum für feurige Diskussionen.

„Ich tue das nicht für meine Eltern,“ widerspricht Friedman der Autorin. „Ich mache das für mich und meine Kinder! Wir müssen reden, und dazu braucht man keinen Mut. Es birgt nur ein Risiko. Und ich will im Nachhinein nämlich nicht sagen müssen, was hätte ich tun können!“ Anschließend erklärte Friedman, dass Demokratie zwar konsumiert werde, aber nicht statisch, sondern dynamisch sei. „Ich warte nicht darauf, dass mir jemand den Mund verbietet,“ entgegnete er Eva Menasse mit scharfer Zunge und präsentierte dabei eine interessante Metapher. „Es ist wie bei Sisyphus. Der Stein bleibt oben... Aber nach 10.000 Jahren entsteht eine Delle. Und ich will nicht derjenige sein, der die Kette aufgehalten hat!“

Schwarzes Loch in der Erinnerungskultur

„Was haben wir falsch gemacht?“ fragt Menasse bezüglich der bröckelnden Demokratie und Michel Friedman antwortet kühl „der 8. Mai 1945.“ Hier schieden sich die Geister. Friedman argumentierte, dass seine Freunde nie mit ihren Eltern über die NS-Vergangenheit gesprochen hätten.  „Unsere Erinnerungskultur hat ein schwarzes Loch,“ so Friedman. Dem widersprach Menasse natürlicherweise: „Es gab eindeutig eine kollektive Auseinandersetzung in den 80ern und 90ern!“ Hierzu konterte der Ex-CDU-Politiker: „Diejenigen, die sich wirklich damit beschäftigt haben, waren nur wenige. Sonst hat das US-Fernsehen mit »Holocaust« diese Aufarbeitung angetrieben. Es wurde einiges ruhen gelassen und meiner Meinung nach können nur die Täter davon erzählen. Und dies wurde nicht erzählt oder erfragt.“

Der Rechtsextremismus, die größte Gefahr der Demokratie

„Es wurde nicht gewagt zu sagen, dass der Rechtsextremismus die größte Gefahr der Demokratie ist!“ Michel Friedman macht ein klares Statement zum Aufstieg der AfD. „Die Würde des Menschen ist unantastbar, aber sie sagen, die Würde ist antastbar! Somit stehen sie auf keinster Weise auf dem Boden des Grundgesetzes!“ Anschließend betonte Michel Friedman nochmal, wie wichtig es ist, seine Stimme zu erheben. „Der größte Fehler ist es, wegzuschauen und Konflikte zu vermeiden! Natürlich habe viele Politiker vieles gemacht, sonst wären wir nicht hier! Aber man muss feststellen, es wurde einiges übersehen!“ Der Publizist ermutigte alle im Saal, Gebrauch von der eigenen Freiheit zu machen. „Das ist das gute an der Freiheit, man kann sie aufhängen in der Garderobe und selbst entscheiden, wann man Gebrauch von ihr macht. Aber ich will danach nicht hören, ‘davon ich habe nichts gewusst’ und sehen, wie sich diese Personen ihre Hände in Unschuld waschen!“

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!

Zum Schluss appellierte Michel Friedman nochmal an die Menschlichkeit. Das Problem sei, dass viele Menschen hassen. „Hass ist die Antithese der Demokratie... Unser Demokratiesystem funktioniert aber noch. Und jetzt kommt die Bewährungsprobe. Denn viele vergessen: Nichts ist eingespeist! Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen... und wird auch nie gesprochen sein in der Demokratie! Der Dialog ist unverzichtbar, auch in Klütz! 40% haben in Klütz die AfD gewählt, 60% nicht. Für diese 60% lohnt es sich hinzugehen und zuzuhören!“

Keine Kommentare

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.