Am Sonntag, dem 26. Oktober 2025, wurde im Alten Rathaus Göttingen die Schriftstellerin Nora Bossong mit dem Edith-Stein-Preis des Edith‑Stein‑Kreis e.V. in Göttingen ausgezeichnet. Der Preis wurde ihr zugesprochen „weil es ihr gelingt, in ihren Romanen, Reportagen und Gedichten aus einer unaufdringlichen und lebendigen christlichen Überzeugung sozialkritische Sensibilität, Neugier und künstlerische Meisterschaft zu verbinden.“ Zum ersten Mal fand die Preisverleihung im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes statt, was den literarischen Anspruch und die Breitenwirkung des Preises unterstreicht.
Nach einer Begrüßung durch den Vorsitzenden des Edith-Stein-Kreises, Heiner J. Willen, folgte an Stelle der sonst üblichen Laudatio das Gespräch von Heinrich Detering mit der Preisträgerin. Bossong las Passagen aus ihrem Roman Reichskanzlerplatz, in dem sie die Figur Magda Goebbels literarisch beleuchtet, sowie zum Abschluss zwei ihrer Gedichte und ließ den Saal in ihre intensive, oft provozierende literarische Welt eintauchen. Auch ihre anderen Romane, insbesondere Schutzzone und Rotlicht waren Teil des Gesprächs. Sie bewegt sich mit den Themen ihrer Romane aus der Komfortzone an die Peripherie – in die Herzkammern der Finsternis und schafft es in einem Satz die Enzyklika Deus caritas est mit dem Rotlichtmilieu zu verbinden.
Der Edith-Stein-Preis – mit 5.000 Euro dotiert – würdigt Persönlichkeiten, die über nationale, konfessionelle und religiöse Grenzen hinaus wirken. Im Fall von Nora Bossong wurde insbesondere ihr Werk hervorgehoben, das sich nicht scheut, Fragen von Schuld, Glaube, Gesellschaft und Geschichte aufzugreifen. Darüber hinaus hebt der Edith-Stein-Kreis ihr Engagement im kirchlichen Kontext und ihre Offenheit gegenüber Fragen des Glaubens hervor: „Sie schreibe in ihren Werken über Situationen in der Welt, in denen man Jesus Christus begegnen könne.“ so Heinrich Detering.
Göttingen als Literatur- und Kulturbühne wird durch diese Verleihung aufs Neue als Standort gedacht- und gesprächswürdiger Literaturpolitik sichtbar. Der Preis zieht Aufmerksamkeit über die Stadt hinaus: Er verbindet lokal-kirchliches Engagement mit zeitgenössischer Literatur und öffnet Räume für Debatten über Erinnerungskultur, Religion und demokratisches Bewusstsein. Für die Literaturstadt Göttingen markiert dieser Abend ein Zeichen: Kultur meint nicht nur ästhetischen Konsum, sondern wachsame Reflexion – eine Haltung, die Bossong in ihrem Werk exemplarisch praktiziert. Wer Bossongs Werk bislang nur literarisch verfolgt hat, bekommt hier neue Zugänge: In Göttingen wurde sichtbar, wie Literatur, Glaube und Gesellschaft ineinander greifen können.
Im Anschluss bleibt die Frage: Was folgt aus dieser Auszeichnung? Für Bossong kann sie Ansporn sein, weiterhin Grenzen zu überschreiten – formal wie thematisch. Für die Göttinger Kulturschaffenden könnte es die Aufforderung sein, solche literarischen Abende nicht nur zu begehen, sondern zu begleiten – im Dialog mit Leserinnen und Lesern, Studierenden und der literarischen Öffentlichkeit.