Unter dem Wal im Forum Wissen sprach Michael Kunze über den Rechtswissenschaftler Rudolf von Jhering – einen Denker, der das Recht als lebendiges, gesellschaftliches Prinzip begriff. In einer fast ausverkauften Veranstaltung spannte Kunze den Bogen zwischen Schicksal, Wissenschaft und humanistischem Denken.
Ein nahezu ausverkaufter Saal unter dem großen Wal im Forum Wissen bildete den Rahmen für einen besonderen Abend des Göttinger Literaturherbstes. Nach der Begrüßung durch Maria Jähde vom Festival bedauerte sie die krankheitsbedingte Absage von Inge Hanewinkel, Juristin und Vizepräsidentin der Universität Göttingen, die ursprünglich am Gespräch teilnehmen sollte.
Thedel von Wallmoden, Verleger und Moderator des Abends, stellte den Gast Michael Kunze vor – vielen bekannt als Liedtexter, Librettist und Produzent zahlreicher Musicals und Schlager für Künstler wie Udo Jürgens. Doch an diesem Abend stand seine andere Seite im Mittelpunkt: der Historiker und Jurist, der sich seit Jahrzehnten mit dem Werk Rudolf von Jherings beschäftigt.
Kunze erhielt 2016 die Brüder-Grimm-Medaille der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen für seine Arbeit über Jhering und die Ordnung von dessen umfangreichem Nachlass, der heute öffentlich zugänglich ist. Mit dem berühmten Rechtsgelehrten – geboren 1818 in Aurich, gestorben 1892 in Göttingen – beschäftigt er sich seit über dreißig Jahren. Seine nun im Wallstein Verlag erschienene Biografie ist entsprechend umfangreich und detailreich geworden.
Während der Lesung wählte Kunze einen besonders bewegenden Abschnitt: Jherings Rostocker Zeit, die Heirat mit Helene, der Verlust der Zwillinge, Helenes Tod nach einer erneuten Geburt und der Tod des Kindes wenige Monate später. Diese Schicksalsschläge führten dazu, dass sich Jhering mit umso größerem Eifer in seine wissenschaftliche Arbeit stürzte.
Kunze betonte, dass er „im Romanstil“ schreibe, ohne Fiktion hinzuzufügen. Sein Ziel sei es, das Leben und Denken eines der bedeutendsten Juristen des 19. Jahrhunderts lebendig zu vermitteln. „Er hatte sich vorgenommen, der berühmteste Jurist zu werden“, zitiert Kunze – ein Vorsatz, den Jhering mit Disziplin und Schaffenskraft erfüllte.
Jhering, so Kunze, war nicht nur ein scharfer Denker, sondern auch humorvoll, musikalisch und streitlustig. Er liebte die Gesellschaft und die Auseinandersetzung. Gleichzeitig war er tief religiös, lebte jedoch in einer Zeit, in der die Naturwissenschaften den Glauben zunehmend verdrängten. Diese Spannung prägte sein Denken über das Recht: Für Jhering war es kein starres System abstrakter Begriffe, sondern ein lebendiges Instrument, das sich an den Bedürfnissen der Gesellschaft orientieren muss – ein revolutionärer Gedanke seiner Zeit.
Mit zahlreichen Fragen aus dem Publikum und einer lebhaften Signierstunde endete ein Abend, der eindrucksvoll zeigte, wie aktuell Jherings Gedankengut auch heute noch ist: Das Recht als Ausdruck des gesellschaftlichen Bewusstseins – jenseits von Gott und Gesetz.