Klimaveränderungen, Landschaftsdegradation, schwindende Artenvielfalt und Kippelemente. Im »Zeitalter der Ökologie« (Radkau 2011; Ulrich 2019) sind es vor allem ökologische Probleme und Fragen, die die gesellschaftliche Agenda bestimmen und Handeln dringend notwendig machen. Klar ist, dass sich etwas ändern muss. Doch in welche Richtung eigentlich? Und auf welchem Weg? Die Komplexität ökologischer Fragestellungen macht vernetztes, interdisziplinäres und gesamtheitliches Systemdenken unabdingbar. Dabei war und ist auch die Ökologie selbst keineswegs rein naturwissenschaftlich zu begreifen. Im Diskurs um eine ökologische Transformation eröffnen sich mannigfaltige Argumentationsstränge und Leitideen, die von naturwissenschaftlichen Grundlagen über soziologische Gesellschaftstheorien bis hin zu philosophischen Andeutungen einer holistischen Umweltethik reichen. Die Idee der Ökologie umfasst damit auch die ihr zugrunde liegenden Wertvorstellungen sowie das Verhältnis des Menschen zur Natur und seine Eingebundenheit in eine globale sozioökonomische Weltordnung.
Gerade vor diesem Hintergrund lohnt es sich, auf der Suche nach Antworten auch die Klassiker gesellschaftskritischen Denkens mit einer »Ökologie-Brille« neu zu lesen. Heinrich Detering hat sich dafür in seinem Buch »Die Revolte der Erde« dem Klassiker der Kapitalismuskritik zugewandt: Karl Marx.
Dabei zeigen sich im Diskurs unterschiedliche »ökologische« Lesarten Marx’. Während unter anderem Hans Jonas und Bruno Latour Marx als unsentimental und in einer anthropozentrischen Verwertungslogik verharrend kritisieren, betonen andere Denker die Ökologie als einen essenziellen Bestandteil marxistischer Kritik. Nicht zuletzt führte die zerstörerische »Umgestaltung der Natur« unter der sich auf Marx berufenden Sowjetherrschaft lange Zeit zu einer Lesweise, die Spuren und Nuancen einer »ökologischen Awareness« bei Marx in den Hintergrund rückte. Diese Spuren möchte Heinrich Detering in »Die Revolte der Erde« wieder freilegen und schließt damit an bereits bestehende ökologische Lesweisen an, entwickelt jedoch zugleich auch neue Thesen, indem er nicht von einer späten Hinwendung zur Ökologie bei Marx ausgeht, sondern bereits seine frühen Texte als von einem ökologischen Denken durchzogen versteht.
Dabei arbeitet Detering als Literaturwissenschaftler in einem »close reading« sowohl die metaphorischen, semiotischen Bausteine als auch die ihnen zugrunde liegenden Leitfiguren und Gedanken heraus und stellt Bezüge zur (literatur-)historischen und biografischen Prägung Marx’ her. Als Ergebnis seiner Analyse entwirft Detering ein Bild von Marx’ (Mensch-)Naturverständnis, das deutlich von den Zeichen der Romantik und den Erkenntnissen der aufkeimenden Naturwissenschaften geprägt ist. So bedient sich die Sprache Marx’ sowohl romantischer, pantheistischer Vorstellungen als auch antiker Vorbilder wie der Gaia-Figur. In Deterings feiner Analyse wird deutlich, dass bei Marx Natur und Mensch stets eine Einheit bilden. Sie sind Teil eines organischen Leibes, haben einen gemeinsamen Stoffwechsel. Der Mensch tritt der Erde zwar gegenüber, steht aber gleichzeitig mit ihr in einer von wechselseitiger Liebe und Fürsorge geprägten Verwandtschaftsbeziehung. Damit bezeichnet der bei Marx so zentrale Begriff der Arbeit keine »Überarbeitung« und Unterwerfung der Natur, sondern umfasst immer nur das, was die Natur selbst auch ohne den Menschen schon an Arbeit an und aus sich selbst täte.
Darüber hinaus zeigt Detering auch ideengeschichtlich ökologische Leitfiguren Marx’ auf. So kritisiert Marx explizit die Ausbeutungslogik des Kapitalismus an Mensch und Natur. Insbesondere in einer zunehmend naturwissenschaftlich durchdrungenen Werkphase lassen sich zudem zukunftsweisende Beschreibungen klimatischer Wechselwirkungen erkennen. Detering greift dabei weit über Marx’ Klassiker hinaus und durchleuchtet ebenso detailaffin unbekanntere Texte und Anekdoten.
Seinen Vortrag beendet er an diesem Abend mit einer eindringlichen Einladung, Marx als ökologischen Gesprächspartner neu zu entdecken. Das anschließende kritische Nachgespräch mit Holmer Steinfath macht deutlich: Wer Marx’ Denken in dieser Hinsicht ernst nimmt, muss ihn einerseits als Denker seiner Zeit begreifen, in einer Zeit mit anderen ökologischen Erkenntnissen, darf die Ökologie andererseits nicht als Universalschlüssel zu seinem Gesamtwerk missverstehen und sollte zugleich bereit sein, innere (scheinbare) Widersprüche in der Lektüre auszuhalten.
Es bleibt die klassische Frage: »Was nun?«. Auch wenn Detering sich selbst und auch Marx’ Texten in dieser Frage eine gewisse Ratlosigkeit diagnostiziert, bleibt für ihn nach der Lektüre die Erkenntnis, dass ein grüner Kapitalismus nicht möglich ist. Davon habe ihn Marx überzeugt.
Mit »Die Revolte der Erde« zeigt Heinrich Detering deutlich: Im Zeitalter der Ökologie, in dem Ökologie als gesellschaftlich begriffen wird, müssen wir nicht nur vorherrschende Systeme selbst, sondern auch unser Verständnis von ihnen überdenken und transformatorische Anstöße überall dort aufspüren, wo es nur geht – in der Vergangenheit und Gegenwart.