Die am meisten nachgefragte Lesung des diesjährigen Literaturherbst fand am 25. Oktober in der Sheddachhalle in Göttingen statt – Caroline Wahl war gleich mit zwei ausverkauften Lesungen zu ihrem neu erschienenen Roman »Die Assistentin« vertreten, der nach ihren sehr erfolgreichen Büchern »22 Bahnen« und «Windstärke 17« nun ihr dritter Roman ist. Ihr voller Terminkalender scheint sie aber nicht zu stören, sie hat sogar extra für Göttingen noch Platz gefunden, weil sie die Stadt liebgewonnen hat, wie sie fröhlich erzählt. Caroline Wahl hat sich als Einstellung auf die Lesungen in Göttingen gefragt, was ihre Protagonistin Charlotte wohl von der Stadt denken würde. Charlotte würde Göttingen cool finden, sagt Wahl, aber das Meer fehle ihr.
In ihrem heiß erwarteten und stark polarisierenden Roman »Die Assistentin« geht es um Charlotte, die eine große Fehlentscheidung trifft: sie nimmt eine Stelle als administrative Assistentin in einem renommierten Verlag in München an, eigentlich ist sie überqualifiziert und will viel lieber am Meer leben. Der anfangs lustige Verleger entpuppt sich dann als „ekliger“ Mensch, der seine Macht missbraucht und dabei alle Grenzen ausreizt. Wie sie berichtet, war es Caroline Wahl sehr wichtig, diese Geschichte zu erzählen, da Charlottes Schicksal kein Einzelschicksal ist, so geht es in vielen Bereichen zu.
Eigentlich wollte sie den Roman auch schon früher schreiben, doch ihr Ex-Agent meinte, das Thema sei vielleicht etwas zu heikel für einen zweiten Roman und Caroline Wahl entschied sich erst dazu, die Fortsetzung »Windstärke 17« zu ihrem Bestseller-Roman »22 Bahnen« zu schreiben, sie habe sowieso ein schlechtes Gewissen gehabt, Ida mit ihrem Schicksal allein zu lassen. Auch in die Hintergründe zu diesen ersten beiden Romanen gibt Caroline Wahl Einblicke: obwohl sie immer betont hat, dass sie keine Liebesgeschichten schreiben will, verrät sie, dass sie eigentlich doch in erster Linie Liebesgeschichten erzählen wolle, da sie diese auch selbst am liebsten lese. „Ich weiß auch nicht, was ich da wegkompensiere“, sagt Wahl lachend.
Ein großer Unterschied zu ihren vorherigen Romanen, neben dem ganz neuen Thema, ist der Einsatz einer allwissenden Erzählstimme, die immer wieder den Lauf der Geschichte unterbricht, das Geschehen kommentiert und sogar den weiteren Verlauf der Geschichte verrät. Caroline Wahl erzählt, dass diese Erzählstimme sich ihr beim Schreiben „aufgedrängt“ habe, anfangs sollte der Roman aus der Ich-Perspektive geschrieben sein. Eigentlich nutzt sie diese Erzählstimme während des Schreibprozesses für sich persönlich, wenn sie nicht weiterweiß oder an etwas zweifelt, aber dann fand sie, dass es gut in die Geschichte passt, gerade im Anschluss an eine sehr unangenehme Stelle mit dem Verleger. Auf diese Weise hat Caroline Wahl auch zum Schreiben gefunden – immer, wenn sie etwas nicht verstanden hat, hat sie versucht, es in Worte zu fassen und das hat ihr auch immer geholfen.
Gerade diese distanzierte Erzählstimme polarisiert, einige finden sie großartig, viele mögen sie überhaupt nicht, da sie aus dem Lesen rauswirft und die Illusion des Erzählten durchbricht. Genau das macht sie aber auch sehr interessant, da der Schreibprozess und die Geschichte auf eine sehr originelle Weise reflektiert werden und der Missbrauch von Macht am Arbeitsplatz schließlich ein anspruchsvolles Thema ist, das anders als ihre vorherigen Romane anzugehen ist - die Nüchternheit der Erzählstimme spiegelt Charlottes kühle Realität passend wider. Caroline Wahl verrät jedoch, dass ihr nächster Roman wieder mehr in die Richtung ihrer ersten Bücher gehen soll.
Zwar war sie allein auf der Bühne, aber mit ihrer offenen und lockeren Art begeistert Caroline Wahl das Publikum. Selbstbewusst geht sie mit der Kritik zu ihrem neuen Roman um und neben dem Vorlesen verschiedener Passagen erzählt sie viel über die Entstehung des Buches sowie einige persönliche Anekdoten, mit denen sie die Zuschauer:innen immer wieder zum Lachen bringt. Durch ihre entspannte und humorvolle Art ist es eine sehr unterhaltsame Lesung der jungen Autorin, deren Bücher so viele begeistern. Dies zeigte sich auch in der langen Schlange zum Signieren, die Wahl würdigte, indem sie sich viel Zeit für Gespräche und Fotos mit ihren Fans nahm.