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Florian Illies und Navid Kermani im PS.Speicher in Einbeck | © Photo: Kratzsch
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Literaturherbst

Zwei große Erzähler im Gespräch

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Florian Illies und Navid Kermani im PS.Speicher
von Kerstin Kratzsch, erschienen am 28. Oktober 2025

Es begegnen sich an diesem Abend auf der Bühne der voll besetzten Halle des Einbecker PS.Speichers gleich zwei der bedeutendsten Vertreter der deutschen Gegenwartsliteratur: Florian Illies und Navid Kermani. Beide Autoren verbindet eine aus Parallelen der Werdegänge erwachsene Freundschaft. So erfahren die Zuhörer:innen, dass beide Buchautoren bereits im Alter von 15 Jahren Reportagen für ihre jeweilige Lokalzeitung verfassten. Beide studierten unter anderem in Bonn, letztlich kreuzten sich ihre Wege als Kermani, stolz mit 26Jahren bereits für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibe zu dürfen, dort auf seinen 22jährigen Redakteur traf – Florian Illies. Daher entwickelt sich auch der Abend zu einem kurzweiligen, wortreichen Gespräch zwischen zwei einander in gegenseitigem Respekt freundschaftlich verbundenen Literaten. Nervadi stellt zu Anfang des Gesprächs Illies als Journalist, Kunsthistoriker, Autor und Kurator vor und hebt den großen Erfolg hervor, den Florian Illies oft komplexe, auch schwierige Bücher beim Lesepublikum erzielen. 

Das Gespräch, in dessen Fokus Florian Illies neuestes Werk Wenn die Sonne untergeht: Familie Mann in Sanary steht, beginnt so mit einem kurzen Rückblick auf Florian Illies bisher erschienene Bestseller. Dabei geht der Autor auf sein Buch 1913 und dessen Fortsetzung ein, da dieses Buch bestimmte Merkmale besitzt und einer Motivation folgt, die zugleich für das neueste Buch bedeutsam sind. Florian Illies beleuchtet in beiden Büchern Momente vor extremen Zeitbrüchen, Momente, in welchen, wie er es formuliert, „die Geschichte sich unbeobachtet fühlt“. 

Diese Augenblicke, die drohenden Katastrophen vorangehen, zeichnen sich durch Widersprüchlichkeit aus und bilden den Untergrund, auf dem die folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen fußen, deren Drohen den in den Büchern agierenden prominenten Personen nicht voll umfänglich, nur allmählich bewusst und deutlich werden. Florian Illies erzählt, dass ihm im Geschichtsstudium bei der bloßen Konzentration auf Daten und verkürzte Fakten stets der emotionale Gehalt gefehlt habe, die alltägliche Lebenswirklichkeit der Menschen nicht erfassbar wurde, die verschiedenen Lebensentwürfe von leblosen Fakten überlagert. 

Durch sein Interesse an eben diesen Hintergründen, der emotionalen, weltanschaulichen Verfasstheit der Menschen zu bestimmten historischen Zeiten, hat Illies ein neues Genre erschaffen, meint Nervadi. Illies Bücher seien Sachbücher in Erzählform, eine Umgestaltung von Geschichtswissenschaft in Literatur. Der Autor selbst bejaht diese Einordnung und führt aus, dass er als Liebhaber von Landschaftsmalerei die geschichtlichen Fakten ausmale und zu diesem Vorgehen Anregungen in der Belletristik gefunden habe. Als Sachbuch gerieren sich Illies Bücher durch das umfangreiche Sichten und konzentrierte Studium historischer Quellen, einen Reichtum an Einblicken, vielfältige Bezüge zur geschichtlichen Faktenlage . Diese Hintergründe und die in ihnen agierenden Personen werden durch fiktive Elemente zum Leben erweckt, wodurch  eine deutliche Nähe zum Roman entsteht.

In Wenn die Sonne untergeht: Familie Mann in Sanary beschäftigt sich der Autor, wie der Untertitel bereits verrät, mit Thomas Mann, seiner Frau Katia und den sechs Kindern der Familie – Erika, Klaus, Golo, Monika, Michael und Elisabeth – in einer kritisch krisenhaften Zeit im Leben der großen Familie. Die verworrenen Erfahrungen der Flucht aus Deutschland, kurz bevor oder während schon eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte beginnt, der menschenverachtende Naziterror des Dritten Reiches. Es werden die Fluchtwege der Familienmitglieder nachvollzogen, aber auch  die emotionalen Auswirkungen der Fluchterfahrung auf das Ehepaar Mann und die zahlreichen sehr verschiedenen Kinder.

Illies stützt sich dabei auf Tagebucheinträge, Briefe und Lebensberichte in späteren Büchern der Familienmitglieder. Als besonders wichtige Quelle empfiehlt der Autor Klaus Manns Tagebücher auch als zeitgeschichtliche Dokumente, die von politischer Hellsichtigkeit durchdrungen, sehr deutliche Eindrücke der damaligen Zeit erlauben. Die sensible Lebensphase, in welcher die Leser:innen der Familie Mann begegnen, ist eine Station der Flucht, der französische Küstenort Sanary-sur-mer, wo die Familie gemeinsam drei Sommermonate verbringt, in denen sich eine Dynamik entwickelt, die die bisherige Familienkonstellation in ihrer hierarchischen Struktur ins Wanken bringt und sich diese schließlich grundlegend verändert.

Thomas Mann erscheint hier nicht als erhabener Held, vielmehr zutiefst verunsichert, orientierungslos und aus der Bahn geworfen. Sein durch tägliche Routinen strukturiertes Leben gerät völlig aus den Fugen. Was als Vorlesungsreise begonnen hat, endet im Hotel Arosa in Graubünden als erster Station eines nicht selbst gewählten Exils. Die Lage in Deutschland spitzt sich innerhalb kürzester Zeit so dramatisch zu, dass eine Rückkehr eine Gefahr für Leib und Leben darstellen würde. Der Vater Mann, der als Oberhaupt einer patriarchalen, stark hierarchisierten Familie den Dreh- und Angelpunkt aller Entscheidungen darstellt, verliert an Stärke.

Thomas Mann als Zentralgestirn, um das die Kinder wie Planeten in eine Bahn gezwungen kreisen, immer von dem Wunsch motiviert, die Aufmerksamkeit und Anerkennung des Vaters zu erlangen, gerät ins Wanken. Diese Schwäche des Vaters erst erlaubt es den Kindern, sich zu emanzipieren.

Der Vater klammert sich an die Absicht, nach Deutschland zurückzukehren, als Wahrer und Repräsentant deutscher Kultur, der doch schließlich seine Leser nicht im Stich lassen könne und verkennt die veränderten Realitäten zunächst vollkommen.

Die älteren Geschwister Erika und Klaus verlassen nach den Eltern Deutschland als erste. Sie sind diejenigen, die sich selbst politisch gegen das Nazi Regime positionieren. Erika durch ihre Satirebühne mit dem Namen Pfeffermühle und Klaus  durch das Gründen einer international gedachten Literaturzeitschrift, in welcher Texte von Autoren im Exil veröffentlicht werden. Der älteste Sohn ist allerdings geschwächt durch seine schwermütige Art und einen starken Drogenkonsum. Die mittleren Geschwister Golo und Monika schlingern durch diese schwere Zeit, wobei Golo wahre Heldentaten vollbringt, indem er große Mengen des Familienvermögens bei verschiedenen Banken abhebt und außer Landes bringt, seinem jüngeren Bruder Michael zur Flucht verhilft und schließlich noch einmal nach München zurückkehrt, um Thomas Manns Tagebücher in die Schweiz zu expedieren.

Monika, deren Fehlen man allerdings kaum gewahr wird, bleibt als einzige in Berlin und lässt sich dort durchs Nachtleben treiben, verliebt sich schnell und lebt beim Onkel, wo sie sich im Klavierspiel verliert. Deutschland zu verlassen, kommt ihr nicht in den Sinn. Wenig erfährt man vom gerade 13jährigen Michael. Elisabeth oder Medi das Nesthäckchen erscheint als die einzige, der der Vater innig zugewandt ist – die Ausnahme in der Familie, die Illies als Kältekammer bezeichnet. 

Der Roman sei, was man heute als Familienaufstellung bezeichnen würde, kommentiert der Autor und bemerkenswert sind tatsächlich die Darstellung der oft vergessenen Kinder der Familie im sich wandelnden Verhältnis zum Vater, der deutlich an Macht verliert und erst durchs Schreiben zurückfindet zu seinem Selbst.

Unbeachtet die Episode des Aufenthalts in Frankreich, des Aufenthalts in der Sonne, immer begleitet von der Frage, ob man braun werden dürfe, während sich in Deutschland das blanke Entsetzen breit macht und doch ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Familienkonstellation. 

Ein Zeitdokument aus dem Florian Illies sehr gekonnt vorliest, in fast komödiantischer Manier, illustriert er den Text fast im Sinne einer szenischen Lesung mit viel Humor und einem Augenzwinkern, wobei er eher frei spricht,-ke als aus dem Buch zu lesen. Beide Männer Florian Illies und der klug nachfragende Navid Kermani vermögen den „Sachbuch-Roman“ Wenn die Sonne untergeht fundiert, kenntnisreich mit viel Zusatzinformation von allen Seiten zu beleuchten und die Herzen des Publikums zu gewinnen.

Der Büchertisch ist am Ende reich besucht und eine lange Schlange bildet sich vor dem Tisch, an welchen Florian Illies seine schwungvolle Unterschrift in die Bücher setzt. Beschwingt verlässt man die Halle mit großer Lust auf die Lektüre von Illies neuem Werk, denn dieses besitzt trotz der schwierigen Thematik doch auch sehr heitere Passagen, die den ehrwürdigen Thomas Mann auch mit ein wenig Ironie porträtieren.

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