Der Protagonist des Buches heißt genau wie Kramer selbst Chris, und tatsächlich hat der Roman stark autobiographische Züge; vieles aus Kramers eigener Jugend ist eingeflossen. Dafür habe er auch seine alten Tagebücher aus dem Jahr 2006 wieder herausgesucht, um sich in die Emotionen als Fünfzehnjähriger hineinzuversetzen – all die Ängste und Zweifel, über die man heute schmunzeln kann. Er verrät, dass der Protagonist zuerst einen anderen Namen bekommen sollte, aber »Marketing ist King«, witzelt Kramer. Genau dieses Marketing scheint funktioniert zu haben – das Buch ist SPIEGEL-Bestseller Nr. 1 geworden, und auch in Göttingen beim Literaturherbst ist der Andrang zur Lesung sehr groß.
»Wie kommt ein Profifußballer dazu, einen Roman zu schreiben?«, fragen sich vielleicht viele. Tatsächlich war es schon immer Kramers Traum, ein Buch zu veröffentlichen. Schon früher schrieb er in seiner Freizeit Tagebuch und Kurzgeschichten. Das Buch »Man vergisst nicht, wie man schwimmt« von Christian Huber habe ihn dann dazu inspiriert, ebenfalls einen Sommerroman zu schreiben. Dieses Projekt sei schließlich sogar eine Art Rettung für ihn gewesen: Fußball sei sein ganzes Leben und seine Liebe gewesen, erzählt Kramer. Als seine Karriere als Profifußballer dann plötzlich zu Ende war, habe ihm das Schreiben geholfen, nicht in ein Loch zu fallen. Im Jahr 2024 gab er seine Vertragsauflösung bekannt und wurde im vollen Borussia-Park von seinem Verein Borussia Mönchengladbach verabschiedet, bei dem er zehn Jahre lang gespielt hatte. Bei diesem Thema wird er emotional und redet offen über die Angst davor, was nach dem Fußball kommt – aber, wie er passend schließt: Soll man traurig sein, dass es vorbei ist, oder glücklich, dass es passiert ist?
Kopietz fragt, ob Kramer sich durch diesen sehr autobiographischen Roman nicht auch verletzlich zeige, da im Profifußball schließlich immer noch wenig Verletzlichkeit gezeigt werde. Kramer entgegnet, dass es menschlich sei, verletzlich zu sein, und appelliert an das Publikum, mehr Verletzlichkeit zu zeigen und weniger zu urteilen – niemand müsse perfekt sein. Vor allem habe er das Buch geschrieben, um Menschen zu berühren, erzählt Kramer. Dabei habe er viel an seine Generation gedacht, das Buch aber nicht für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben. Besonders freue er sich über die vielen Nachrichten von Jugendlichen, die schreiben, sie fühlten sich zum ersten Mal richtig verstanden. Kramer wollte die Geschichte des fünfzehnjährigen Chris unbedingt erzählen, da die Jugend eine sehr prägende Zeit für ihn gewesen sei – eine Zeit der Extreme: vieles erlebt man zum ersten Mal, und genau deshalb wirft einen auch alles mehr aus der Bahn.
Zum Schluss dreht sich das Gespräch um die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, die Deutschland durch das 1:0 gegen Argentinien im Finale gewann. Durch glückliche Umstände und weil er im Training alles gab, wurde Kramer für den Kader der Weltmeisterschaft nominiert und sogar im Finale aufgestellt, obwohl er einen Monat zuvor gerade erst Nationalspieler geworden war. Nach einem Zusammenprall erlitt er eine Gehirnerschütterung, spielte dank des Adrenalins aber noch rund 14 Minuten weiter, bevor er ausgewechselt wurde. Das Wichtigste durfte er dennoch miterleben: die Siegesfeier und das Hochhalten des Pokals.
Ein Fußball-Comeback wird es wohl nicht mehr geben – obwohl Kramer zur momentanen Formkrise von Borussia Mönchengladbach lachend sagt: »Also offensichtlich läuft es ja ohne mich nicht.« Dafür kann man sich auf weitere Bücher von Christoph Kramer freuen: Er verrät, dass er gerade bei Seite 100 seines nächsten Romans sei. Insgesamt ist es eine humorvolle und zugleich emotionale Lesung. Kramer bringt das Publikum mit seinem trockenen Humor immer wieder zum Lachen und wird am Ende mit lang anhaltendem Applaus gefeiert.