Seifenopern, Parallelwelten und eine düstere Reise ins Herz der Finsternis! Drei Autorinnen. Drei aufregende Geschichten! Am 29. Oktober lud der Literaturherbst zum »Langen Abend der jungen Literatur« ein. Dieser facettenreiche Literaturabend wurde aufgrund der hohen Nachfrage in eine größere Spielstätte verlegt: dem Alten Rathaus. Dorothee Elmiger, Gewinnerin des Deutschen und Bayerischen Buchpreises 2025, präsentierte zusammen mit Anne Sauer und Nora Osagiobare ihre neusten Romane. Humorvoll moderiert wurde das Event von Lektor Daniel Frisch, der sofort darauf hinwies, dass an diesem Abend gleich zwei „Tonis“ die Hauptrollen übernehmen würden.
Scharfzüngige Seifenoper von Nora Osagiobare
Los ging der Literaturabend mit der humorvollen und scharfzüngigen Seifenoper der Schweizer Autorin Nora Osagiobare. In ihrem Debütroman »Daily Soap« dekonstruiert Osagiobare die heile Welt der Seifenoper mit satirischem Augenzwinkern. Alltagsrassismus durch ein Bundesamt, das die Hautfarbe anhand von Kaffeetönen festlegt, Affären und Pornographie! Protagonistin Toni, Tochter einer Schweizerin und eines Nigerianers, gerät zwischen familiärem Chaos und gesellschaftlichen Absurditäten, während ein Modeunternehmen zur Image-Rettung eine Soap mit ausschließlich schwarzen Darsteller:innen plant. Dabei entlarvt Nora Osagiobare auf bissige Weise Rassismus, Heuchelei und den Inszenierungswahn im Fernsehen.
“Als Kind habe ich mit meiner Mutter mittags gerne Seifenopern im Fernsehen geschaut. Deshalb wollte ich die Seifenoper in meinem Debütroman wieder aufleben lassen,” erklärt Nora Osagiobare. “Gleichzeitig empfand ich die Logik der Seifenoper - es gibt nur schwarz und weiß, also eine heile Welt - sehr bedrohlich und angsteinflößend! Deshalb wollte ich diese heile Welt mit dem ‘Ekelhaftem’ infiltrieren!” Osagiobares Schreibstil zeigt sich ausgesprochen verspielt und entfaltet seine ganze Raffinesse insbesondere in den pointierten, oft augenzwinkernden Fußnoten. “Meine Fußnoten im Fließtext dienen als Pointen. Zunächst sollten sie lediglich Schweizer Begrifflichkeiten erklären. Aber danach habe ich weiter damit gespielt und ‘Blödeleien’ angestellt.” An einigen Passagen spüren die Leser:innen aber auch, dass Osagiobare ihren Frust mit Humor zu “verdauen” versucht. “Für mich liegt der Witz oft im Tragischen und umgekehrt. Deshalb gibt es eine enge Verwandtschaft zwischen beiden,” erzählt die Schweizer Autorin. Obwohl ihr Roman bereits im März erschienen ist, genießt sie es in vollen Zügen auf weitere Lesungen wie diese zu gehen. “Es ist richtig schön, dass ich noch mit dem Buch verbunden bleibe! Es ist ein Teil von mir und würde mir sonst schlagartig fehlen!”
Toni in the Multiverse of Motherhood
Ohne große Umschweife ging die Literatursoirée weiter: Mit Anne Sauer tauchten die Gäste ein »Im Leben nebenan«. Nachdem Sauer 2024 viel Aufsehen bekam mit ihrem Essay über Taylor Swift, feiert sie nun mit »Im Leben nebenan« ihr Romandebüt. Nicht ohne Grund wurde ihr Roman schnell zum Spiegel-Bestseller. Mit viel Gefühl und Humor erzählt die Hamburger Autorin eine wendungsreiche “was wäre wenn”-Geschichte: Toni findet sich in einer alternativen Realität wieder. Eines Morgens erwacht sie nicht wie gewohnt in der kleinen Stadtwohnung neben ihrem langjährigen Freund, sondern in einem geräumigen Haus in ihrem Heimatdorf – mit Baby auf der Brust! Toni wird in dieser Parallelwelt zu Antonia, verheiratet mit ihrer Jugendliebe auf dem Land und konfrontiert mit dem plötzlichen Muttersein!
Die Idee zu ihrem Debütroman bekam Sauer, als sie zuhause bei ihren Eltern übernachtete. “Ich lag in der Badewanne in meinem Elternhaus, da hatte ich einen Gedankenblitz. Meine Eltern leben in einer Kleinstadt, und für mich fühlt sich dort an wie in einem Paralleluniversum“, schmunzelt Anne Sauer. „Meine Schwester hat bereits ein Kind, und plötzlich fragte ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich urplötzlich selbst ein Baby hätte. Dieser Gedanke – auf einmal ein Kind zu haben – wirkt für mich ein wenig gruselig.“ Um sich in Antonias Mutterrolle hineinzuversetzen, hat Sauer gründlich recherchiert – sogar so gründlich, dass sie sich beim Schreiben stundenlang Babygeschrei auf YouTube anhörte. “Das Babygeschrei habe ich in Dauerschleife angehört,” scherzte sie. Neben Interviews mit Freundinnen, die gerade ein Kind bekommen haben, war Sauer auch auf Babymessen oder im Drogeriemarkt. “Die Nähe am Körper zu beschreiben war eine Herausforderung für mich,” verriet die Autorin. Sauers eindringliche und beschreibende Sprache lässt die Lesenden das Gefühl haben, als würden sie selbst unvermittelt neben einem Baby landen – mitten in diesem Chaos aus Nähe, Lärm und Überforderung. Die Handlung wechselt ständig zwischen den zwei Welten von Toni und Mutter Antonia. „Der Kinderwunsch ist ein äußerst sensibles und persönliches Thema“, sagt die Autorin. „Doch der weibliche Körper wird immer wieder instrumentalisiert – nicht selten auch von Politikern. Erst kürzlich verglich Markus Söder Deutschland ohne industrielle Basis mit einer Frau ohne Unterleib. Solche Aussagen zeigen, wie stark Weiblichkeit noch immer an Mutterschaft geknüpft wird. Eine Frau, die keine Kinder bekommt oder bekommen kann, gilt in vielen Augen bis heute nicht als vollwertig. Genau mit solchen ernsten Fragen setze ich mich auch in meinem Roman auseinander.“
Auf den Spuren von »Apocalypse Now«
Für die letzte Autorin des langen Literaturabends bedarf es wohl keiner weiteren einleitenden Worte. Bereits zum zweiten Mal stellte Dorothee Elmiger ihren preisgekrönten Roman »Die Holländerinnen« beim diesjährigen Literaturherbst vor. Darin bewegt sich Elmiger auf den Spuren von »Apocalypse Now«: Eine Schriftstellerin reist zusammen mit einer Theatergruppe in den dunklen südamerikanischen Regenwald, um das Verschwinden zweier Holländerinnen aufzuklären. Mit jedem Schritt taucht sie tiefer in die menschlichen Abgründe ein. “Für mich ist es spannend zu fragen, ob es das ‘Böse’ gibt, und wieviel davon in uns selbst steckt,” erklärt Dorothee Elmiger dem Publikum. Ihren Roman habe Elmiger bewusst im Konjunktiv geschrieben, um so das True Crime-Genre zu umgehen. “Die zwei niederländischen Touristinnen sind wirklich verschwunden, aber ich habe mir beim Schreiben überlegt, wo es zu intim wird. Und durch den Konjunktiv erzeuge ich eine Art ‘Unzuverlässigkeit’ des Berichts.”
Der »Lange Abend der jungen Literatur« war gewiss eines der großen Highlights des diesjährigen Literaturherbsts. Das Publikum durfte ganz nah bei drei renommierten Autorinnen sein und tiefe Einblicke in ihre Werke bekommen.