Zur Eröffnung der Jahresausstellung des »Kreis 34« im Künstlerhaus hat Kulturbüro-Autorin Tina Fibiger die Einführungsrede gehalten. Lesen Sie hier ihren Text im Wortlaut.
„Perspektivwechsel“ – Jahresausstellung des „Kreis 34“
Herzlich willkommen zur Jahresausstellung des „Kreis 34“ hier im Künstlerhaus – mit Einblicken und Ausblicken zum diesjährigen Leitmotiv „Perspektivwechsel“.
Schon der Begriff „Perspektive“ ist so eindeutig nicht fassbar, bevor es zu einem möglichen Wechsel kommt, auch wenn das Wörterbuch zwei Definitionen nennt. Da wäre zunächst „Die Darstellung räumlicher Verhältnisse in der Ebene eines Bildes“, in der natürlich mit der Zentralperspektive auch ein Votum der bildenden Kunst lauert. Dann wird die so genannte bildungssprachliche Variante definiert; mit der Perspektive als „Standpunkt, von dem aus etwas gesehen wird“, die sich nicht nur an räumlichen Verhältnissen orientiert und mit der Sehperspektive vor allem eine Reihe von Frage impliziert…
Wird da etwas aus einer bestimmten Perspektive nur gesehen oder nicht auch zugleich erkundet, befragt oder gar behauptet? Ist der so genannte Standpunkt eine stabile Größe für Beobachtungen, wenn es um mögliche Befunde über das Gesehene, Gehörte, Erlebte geht… für Spekulationen ebenso wie für inspirierende Signale, die in Erklärungen, Einsichten und Erkenntnisse münden? Allerdings muss dafür muss die Standortperspektive ständig neu justiert werden. Im Grunde impliziert sie bereits den Perspektivwechsel, dem sich hier 24 Künstler: innen schöpferisch und gedanklich widmen, um mit ihm auf Forschungsreise zu gehen und uns als Betrachtende immer wieder zu weiteren Perspektivwechseln aufzufordern.
Das geschieht hier im weißen Saal unmittelbar, wenn Minja Farjadi Sie auffordert, einfach mal nach unten auf den Boden zu blicken und auf die Tauben, die sie im Grünen auf Futtersuche abhängen lässt und ihnen dazu auch noch eine extra Portion Körner arrangiert hat. Auch wenn ich gedanklich ein bisschen spekuliere. Wäre ihr Gefieder nicht grau, sondern weiß, würden ihnen mit der Last als symbolische Friedenstauben das Fliegen in der akuten politischen Inversionswetterlage vermutlich schwerfallen. Bei Anke Dilé Wissing beginnt der Perspektivwechsel mit den Nahaufnahmen von filigran verwebten Strukturen von schlichten Blättern, die den bezeichnenden Titel „Dort und Hier“ bekommen haben, weil sie in der berührbaren Annäherung auf Büttenpapier anders sichtbar werden, als für die Gestalt, die hier eine Hügellandschaft zu betrachten scheint. Und lassen sich nicht auch Träume wie Planeten in einer Umlaufbahn betrachten, die es in Antje Dilé Wissings „Flugträumen“ aus der Innenwelt in die Außenwelt drängt, um auch dort zu zirkulieren… auf der Leinwand metaphorisch sichtbar gemacht, was da im Gedankenkosmos rotiert und aufrührt, manchmal auch in einem Alptraum, wie ihn Peter Malchers Planetenmensch in einem Bildraum von Objekten wahrzunehmen scheint, die ihn mit zerstörerischen Signalen und Bedeutungen bedrängen.
Sie werden in den malerischen und skulpturalen Reflektionen über wechselnde Perspektiven und ihre Befunde immer wieder auf Korrespondenzen treffen, wie sie sich in den beiden Planetenträumen mitteilen. Wie der Blick nach unten und die taubengraue Gesellschaft bei Christine Herbold-Ohmes der Blick in die Tiefe zu den schmerzhaften Hinterlassenschaften führt und sie diese Holzfigur aus einer Baumscheibe auch aus der Tiefe herausblicken lässt, die dann eine Leinwand durchdringt, wo sie umso mehr nach dem Außen Ausschau hält, um dann bei dem Blick nach innen auf einen zerbrochenen Spiegel zu treffen. Darin lauert bereits die Frage, wie sehe ich mich und wie möchte ich gesehen werden, wo trügt der Schein bei mir und wo bei anderen mit sich und mit mir?
Bei Arash Garemani stellt sich die Ballerina mit dem Stormtrooper-Helm dieser Frage. Sie spiegelt sich auch in dem Szenario von Peter Malcher, in dem die Besucher: innen einer Ausstellung mit gläsernen Zwischenwänden auf ein Spiegelbild treffen, dass sich ganz anders darstellt. Bei Birte Körbel trifft die Frage nach Schein und Anschein auf ein skulpturales Echo in der Installation „Rückgrat haben“ mit Granitpflaster und hartem Vulkangestein auf Bambusgeflecht und in Thüster Kalkstein mit dem „Paar-Kontrovers“, dass sich an unterschiedlichen Standpunkten reibt und zu einer gemeinsamen Balance findet. Grete Mindermann-Lynen verbindet sie mit der skulpturalen Aufforderung „Aufrecht“, um mit Georg Christoph Lichtenberg auch Göttingens berühmtesten Spötter über opportune Haltungen, Meinungen und Perspektiven mit Marmor. Metall, Holz und Papier plastisch zu Wort kommen zu lassen.“ Ich habe oft die Meinung, wenn ich liege und eine andere, wenn ich stehe.
Die Definition der Perspektive als Standpunkt, von dem aus etwas gesehen wird, gerät aufs Schönste in Bewegung, wenn sich Daniela Renneberg mit einem Mobile ihren schöpferischen Reim macht. Munter kugeln sich die vielfarbigen Standpunktpunkte in luftiger Höhenlage und umkreisen so den Titel „Auf Augenhöhe“ für mögliche Perspektivwechsel, die gemeinschaftlich verhandelbar sein sollten… um dann und wann das Miteinander mal wieder luftig zu beflügeln, dass sich ständig mit Positionskämpfen in end-oder-weder Beharrlichkeiten drangsaliert. Die lassen sich auch mit einem humorvollen malerischen Blick unterwandern, wie ihn Christiane Christen an einem Klassiker aus dem Fundus der ent–oder-weder Duelle mit dem halb leeren und dem halb vollen Glas demonstriert und mit einem nachdenklichen Sowohl-als-auch versieht. Die melancholisch anmutenden Farben dämpfen ein allzu optimistisches Cheerio, während es zum halbleer bemessenen Pegelstand heiter leuchtend sprudelt, bis das Getränk irgendwann einfach zur Neige geht.
Es mag manchmal hilfreich sein, die Dinge auf den Kopf zu stellen, wie Gudrun Friedrich-Kopp in einer Notiz anmerkt, um sie mit anderen Augen sehen zu können. Hinzu kommt allerdings auch die inspirierende Wirkung, wenn sie eine Gebäudelandschaft auf dem Kopf stehen lässt, die sich nur schemenhaft spiegelt, vielleicht auf einer Wasserfläche oder auch an einem blauen Horizont, ohne festen Standpunkt aber mit mehreren Aussichten. Noch steht auch nicht fest, ob der „gefiederte Traum“ den Friederike Hammer eine Katze träumen lässt, sich irgendwann erfüllt, weil es über ihr gerade munter zwitschert. Vielleicht halten ja in Gudrun Friedrich Kopps „mystischem Spreewald“ die Waldgeister mit den Wassergeistern leise Zwiesprache. Und so geheimnisvoll wie die sanften Farbwolkenfelder von Martina Böminghaus anmuten, lassen sich darin auch ein paar geisterhafte Stimmen in der Imagination eines Perspektivwechsel vernehmen. Bernhard Preis betrachtet die gemeinsame Perspektive mit einer realen Aussicht, die eine Mutter und ihr Kind in dieser liebevollen Umarmung hoffentlich noch lange verbinden wird.
Bernd Michael Hoffmann blickt in einen Abgrund, der der mehr auf spannende als auf nur vernichtende Turbulenzen deutet, und das Holzobjekt mit seiner tiefen Kerbe „in Einheit“ versteht… mit einem Perspektivwechsel, der eben auch schmerzhaft zerstörerische Folgen haben kann und sich dann die Frage der Versöhnung mit den Trümmern stellt, wenn sich wie Hindernisse vor weiteren Aussichten und Einsichten auftürmen. Frank Helge Steuer nimmt Maß an Medusen-Köpfen und ihrem wachsam perspektivischen Innenleben, das eine beschützende Haltung behauptet und mit geometrischen Formen skulptural kontrastiert wird, während Andreas Tichy auf der Leinwand ein Schauspiel der figurativen Gedankenblitze inszeniert.
Die Sehnsucht nach der erlösenden Vision und dem offenen Horizont als Projektionsraum, wo sich Trümmer wegblenden lassen, verbindet Wolfgang Hilscher mit einem alttestamentarischen Bild über Jacobs Traum von einer Himmelsleiter, auf der die Engel Gottes auf und niedersteigen. Für „Jacobs Traum – revisited“ hat er die himmlischen Erkenntnisboten in dunkle Tücher gehüllt und lässt sie in einer düster verwilderten Landschaft an Haken hängen… wie sie an den globalen Verwerfungen haften und an einer Perspektivblindheit, der auf die existenzielle Katastrophe zusteuert.
Lesen Sie dazu auch die Anmerkungen von Wolfgang Hilscher, der wie viele seiner Künstlerkolleg:innen im „Kreis 34“ Motive und Konzepte zum gemeinsamen Thema „Perspektivwechsel beschreibt. In der Textsammlung können sie auch mit Sabine Lösung weiter auf Spurensuche gehen, mit ihrer Passantin durch die Großstadt flanieren, die ein Schwein an der Leine spazieren führt, oder wie sie Licht und Schatten und Liebe mit Vorhängeschlössern und Metallgittern mehrdeutig verwebt.
Bei Karl-Heinz Haselmeyer können Sie auf seine janusköpfigen Portraits vertrauen und die Vieldeutigkeit ihrer Gefühle, die er in ihren Gesichtszügen malerisch zur Sprache bringt. Wie sie sich entzweien, verbinden und im ständigen Perspektivwechsel auch manchmal überlagern. Sie werden mit Otfried Krumbach Sichtweisen und ihren Verwerfungen begegnen und wie diese graue Gehirnmasse den Wahrnehmungshorizont mit KI generierten Bildelementen auch für bizarr anmutende Bildfantasien stimuliert.
Stimulierende Wirkung hat auch das Material, mit dem die Künstler:innen arbeiten, wo Maria Truskolawska mit der Farbkompositon für eine Meereslandschaft einen Plastikkörper einkleidet und die tropfenden Restfarbe in eine Farbtupferfantasie verwandelt. Ingrid Rosine Floerke hat sich für das gemeinsame Leitmotiv eine neue Arbeitsperspektive erschlossen und Blumenlandschaften fotografisch kontrastiert, wie sie bei Tageslicht ebenso aufblühen können wie bei einem nächtlichen Anblick.
Pettra Biertümpfel wagt einen neuen Blick auf ihre malerische „Intuition“, um mit drei Digitalversionen in die Bilderzählungen hineinzulauschen, und was sie ihr vielleicht jetzt erst preisgeben …an verborgenen Wesen, Welten und Geschichten… aus einer anderen Zeitperspektive, die jetzt mit ihrem Erfahrungshorizont korrespondiert. Anna Tarachs fleurale Landschaften keimen, reifen und blühen in der Imagination schöpferisch auf. Sie bilden aussichtsreiche Fantasieräume, in denen die Perspektive ständig wechselt, damit sich ihre pulsierende Wirkung entfalten kann. Auch die Imagination ist ein zentraler Aspekt in dieser Jahresausstellung des „Kreis 34“, um sich schöpferische Wahrnehmungräume gedanklich, assoziativ und emotional erschließen.
Imaginieren Sie diese Fülle an Perspektivwechseln mit den Künstler:innen, lassen Sie auf Widersprüche und Gegensätze ein, verbinden Sie Vertrautes und Befremdendes…und lassen Sie sich überraschen von unerwarteten Eindrücken, Ansichten und Aussichten!