Weihnachtliche Klänge und eine Weihnachtsbotschaft erzählt als schaurige Geistergeschichte: Beim diesjährigen Weihnachtskonzert des Göttinger Symphonieorchesters am 3. Advent erklang »A Christmas Carol« von Charles Dickens (1812–1870) als Orchesterhörspiel. Die vom Komponisten Henrik Albrecht (*1969) selbst als »musikalischer Weihnachtspunsch« bezeichnete Fassung begeisterte Jung und Alt gleichermaßen und sorgte für eine weihnachtliche und zugleich nachdenkliche Stimmung.
Die Leitung des Konzertes übernahm Roc Fargas i Castells (*1996). Der in Barcelona geborene und in Deutschland aktive Dirigent gewann 2025 den 1. Preis, den Orchesterpreis und den Publikumspreis beim Dirigierwettbewerb Maestro Borislav Ivanov in Varna (Bulgarien). Mit einem dezenten Dirigat gestaltete er dynamisch den Klang und passte die Lautstärke der Erzählung an. Einer Filmmusik gleich, die teilweise an den Komponisten John Williams erinnerte, untermalte die Musik die Erzählung, nahm die Stimmung auf und entfaltete diese musikalisch. Für weihnachtliche Klänge sorgten Röhrenglocken und Celesta, und die Percussionsabteilung war für die Alltagsgeräusche entsprechend ausgestattet.
Die Geschichte beginnt mit einem geschäftigen weihnachtlichen Treiben in der Innenstadt, welches das Orchester mit wuseligen Geigenklängen imitierte. Auch der eisige Windhauch durchzog hörbar die Stadthalle. Wenig weihnachtlich und besonders eisig ist es im Laden von Mr. Scrooge, begleitet durch ein langsames »Kling Glöckchen, klingelingeling« in Moll. Mr. Scrooge ist ein hartherziger, geiziger Geschäftsmann, der rücksichtslos Geld eintreibt und auch an Weihnachten fristlose Kündigungen zustellt und Leute auf die Straße setzt. Im Laden arbeitet emsig Bob Cratchit an der Schreibmaschine – und auch diese lässt Komponist Albrecht darstellen. Ein Percussionist spielte die mechanische Schreibmaschine mit rhythmischem Klacken der Tasten und Ratschen des Zeilenumbruchs.
Erzähler Patrick Rohbeck trug die Geschichte mit fesselnden Stimmvariationen und Gesten vor und stellte die Charaktere unterschiedlich dar. Mr. Scrooge gab er einen rauen, kaltschnäuzigen Ton, Bob Cratchit klang ängstlich und eingeschüchtert. Als der fröhliche Neffe Fred seinen Onkel zum Weihnachtsessen einlädt – »Fröhliche Weihnacht überall« erklang –, lehnt Mr. Scrooge wütend mit »Bah! Humbug!« ab.
Es ist Nacht. Die Haustür knarzt. Ketten rasseln. »Mister Scroooooooge« hallte es mit gespenstischer Stimme durch die Stadthalle. Die Technikabteilung war an diesem Nachmittag aktiv in den Lesepart involviert und unterlegte die Stimmen der Geister mit einem deutlichen Hall, der für Gänsehaut sorgte. Mr. Scrooge wird in der Nacht von insgesamt vier Geistern heimgesucht. Der verstorbene Geschäftspartner erscheint mit Ketten um den Hals, die er sich selbst erschaffen hat und in seiner Gier gefangen ist. Sie sollen eine Warnung sein, sich mehr um seine Mitmenschen zu kümmern. Drei weitere Geister suchen Mr. Scrooge auf. Der erste führt ihm seine Vergangenheit vor Augen, in der er sein Herz an Konten, Geld und Kassenbüchern hängt statt an seine Verlobte, die ihn deshalb verlässt. Der zweite zeigt ihm die Gegenwart im Armenviertel, wie sein Mitarbeiter besinnliche Weihnachten feiert. »Fröhliche Weihnacht überall«, das sich durch das ganze Stück zieht, und »O du fröhliche« erklangen. Aufgrund des niedrigen Gehalts fällt die Weihnachtsgans aber sehr klein aus, was auch Mr. Scrooge auffällt, und der kranke Sohn wird sterben, wenn sich an den Zuständen nichts ändert. Der dritte Geist ist der Geist der Zukunft. Scrooge sieht Menschen, die sich über den Tod eines alten Geizhalses freuen. Im Haus seines Mitarbeiters wird um den toten Sohn getrauert. Und schließlich sieht er seinen eigenen Grabstein.
Völlig verwandelt wacht Scrooge auf, und »Hark the Herald Angels Sing« ertönte. Er bringt seinem Angestellten eine fette Weihnachtsgans und verdoppelt sein Gehalt. Der Sohn wird gesund, und Mr. Scrooge wird für ihn der beste Onkel der Welt. Fortan hilft er allen Menschen in Not – und das »Kling Glöckchen, klingelingeling« erklang fröhlich in Dur.
Es gab lang anhaltenden Applaus für diese facettenreich vorgetragene Geschichte in perfektem Zusammenspiel mit dem GSO, das die unterschiedlichen Stimmungen hervorragend musikalisch umsetzte. Als Zugabe vereinte sich die Stadthalle zu einem großen Chor und sang unter Begleitung des GSO: »Morgen, Kinder, wird’s was geben! Morgen werden wir uns freu’n! Welch ein Jubel, welch ein Leben wird in unserm Hause sein!« Und so nahm an diesem Nachmittag ein jeder Teil an Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte.