Im alljährlichen Göttinger Silvesternachts-Orgelkonzert präsentierte Bernd Eberhardt an der großen Ott-Orgel in St. Johannis Orgelmusik des 17. bis 20. Jahrhunderts. Die virtuose Spielweise von Eberhardt verzauberte nicht nur die Ohren, sondern dank der Videoübertragung des Geschehens am Spieltisch auch die Augen der Konzertbesucher:innen, die wegen voll besetzter Plätze im Kirchenschiff auch auf der Empore Platz nahmen.
Das Konzert begann mit dem großen Präludium und Fuge in Es-Dur von J. S. Bach (1685–1750), BWV 552. Das Präludium und die Fuge rahmen den dritten Teil der Clavierübung, die aus Choralbearbeitungen des gottesdienstlichen Propriums besteht. Dazu gehören die liturgischen Stücke wie Kyrie, Gloria, Credo und Vaterunser. Die Tonart aus drei Vorzeichen und die jeweilige Dreiteilung des Präludiums und der Fuge lassen an die Dreifaltigkeit Gottes denken: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Eberhardt interpretierte den Bach in typisch barocker und somit klarer, präziser Spielweise. Die markante Pedalstimme des Präludiums brachte er virtuos zur Geltung und präsentierte auch die Dreiteilung mit ihren unterschiedlichen Motiven und Rhythmen mit spielerischer Vielseitigkeit. Die Themen der Tripelfuge gestaltete er mit einer deutlichen Phrasierung, sodass sie gut zu verfolgen waren. Die durchaus komplexe Komposition Bachs konnte auf diese Weise mit aufmerksamem Zuhören gut durchdrungen werden.
Es folgte eine humoristisch anmutende Orgeltranskription von Heinrich E. Grimm (*1951) zu »Der Winter« aus Antonio Vivaldis (1678–1741) »Die vier Jahreszeiten«. Vivaldi selbst wählte humorvolle Überschriften zu den einzelnen Sätzen wie »Trampeln mit den Füßen vor Kälte«, »Zähneklappern« und »Ausrutschen und zu Boden fallen«. Äußerst treffend beschreibt Vivaldi damit die musikalischen Affekte, die er für konzertierende Streicher komponiert hat. Auf der Orgel umgesetzt, sorgte dies, von Eberhardt virtuos gespielt, mit äußerst zutreffender Registrierung für Erheiterung im Publikum. Auf der Leinwand war zu sehen, wie im ersten Satz (Allegro non molto) seine Hände Frieren und Zittern auf die Tasten brachten und sie wie fürchterlicher Wind über die Tasten flogen. Auf dem Pedal liefen und trampelten die Füße geradezu, wie von Vivaldi angedacht. Kontrastierend dazu komponierte Vivaldi den zweiten Satz (Largo), betitelt mit »Zufriedene und ruhige Tage am Feuer verbringen, während es draußen in Strömen regnet«. Zarte Pfeifentöne und der Tremulant sorgten für wohlig sanfte Klänge und eine gemütliche Stimmung in der Kirche – während es tatsächlich draußen regnete. Der dritte Satz (Allegro) ist mit seinen unterschiedlichsten Affekten wie für Orgel geschaffen. Mit ihrem Klangspektrum lassen sich ein langsames, ängstliches Gehen auf dem Eis genauso gut darstellen wie das schnelle Gehen und Ausrutschen. Und mit einer kräftigen Registrierung hörte man das Eis brechen und die tosenden Winde rauschen – und die Freude, die der Winter mit sich bringt.
Auch J. S. Bach hat Orgeltranskriptionen zu Vivaldis Konzerten angefertigt. Mit dem »Concert in a-Moll« BWV 593 bringt er Vivaldis Leichtigkeit auf die Tasten und lässt doch seinen eigenen Stil durchschimmern. Mit klaren Betonungen der musikalischen Motive bringt Eberhardt den konzertierenden Stil auf die Orgel. Eine kurze Unterbrechung gab es, als eine Taste plötzlich klemmte. Das Problem war schnell behoben, und Eberhardt ließ sich davon nicht in seinem Spiel beirren. Ebenso wenig brachte ihn das plötzlich ausgehende Licht in der Kirche aus der Ruhe. Da die Weihnachtsbeleuchtung im Altarraum anblieb, war es eigentlich recht besinnlich – wenn sich das An- und Aus der Deckenlichter nicht mehrfach wiederholt hätte. Aber schließlich trug auch das zur Erheiterung bei an diesem fröhlichen Silvesterabend.
Mit den »Trois Pièces« op. 29 von Gabriel Pierné (1863–1937) folgte ein eher unbekanntes Werk der romantischen Orgelmusik. Das Prélude zeichnet sich durch Arpeggien aus, bei denen Eberhardt auch seine pianistischen Fähigkeiten auf der Orgel bewies. Die Cantilène übernimmt diese Akkordbrechungen im 9/8-Takt in der Begleitung einer gesanglichen Melodie. Das »Scherzando de concert« macht seinem Namen alle Ehre und bildet mit seinem fröhlich-beschwingten Charakter den Schlusssatz dieses Werkes.
Maurice Duruflés (1902–1986) virtuose Orgelkompositionen prägten die Orgelmusik des 20. Jahrhunderts und sollten auch an diesem Abend nicht fehlen. In einer Fuge bringt Duruflé das musikalische Thema des Stundengeläuts der Cathédrale de Soissons in Paris auf die Orgel (op. 12). In einem Allegro moderato im 6/8- und späteren 9/8-Takt behält die Fuge ihre Beschwingtheit auch in der Fünfstimmigkeit bei. Die Fuge steigert sich zu einem Fortefortissimo in den Schlussakkorden, das an der großen Orgel die Kirche voll ausfüllte.
Den Abschluss des Konzertes bildeten zwei virtuose Stücke von Louis Vierne (1870–1937), dem Lehrer von Maurice Duruflé. Das »Allegro vivace« aus dem 4. Satz der 1. Sinfonie op. 14 ist ebenfalls ein Scherzo. Dem folgte thematisch an Duruflés Fuge angelehnt das bekannte »Carillon de Westminster« op. 54 Nr. 3 – eine Toccata mit der Melodie des Big Ben. Dazu erklingt eine Gruppierung aus Achtel- und Sechzehntelnoten, deren Rhythmus an den »Carol of the Bells« erinnert. Dieses spieltechnisch durchaus anspruchsvolle Motiv begleitet die Melodie des Big Ben wie Klänge kleiner Glocken.
Das Publikum dankte Bernd Eberhardt für seine beeindruckende Spieltechnik und farbenreiche Registrierkunst mit anhaltendem Applaus. Anschließend nahmen sich einige Besucher:innen noch etwas Zeit für Gespräche in der Kirche, sodass es ein rundum schöner Silvesterabend auch für diejenigen war, die sonst vielleicht zum Jahreswechsel allein geblieben wären.