Der Kammerchor St. Jacobi unter der Leitung von Stefan Kordes | © Photo: Wortmann
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St. Jacobi

Zwischen Klangräumen und Erinnerungen – Ein Chorkonzert zum Ende des Kirchenjahres

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Ein vielgestaltiger Abend mit dem Kammerchor St. Jacobi unter der Leitung von Stefan Kordes
von Jens Wortmann, erschienen am 17. November 2025
Der Kammerchor St. Jacobi gestaltete zum Volkstrauertag ein atmosphärisch dichtes Programm, das Altes und Neues, Nähe und Distanz, Ritual und Experiment eng miteinander verknüpfte. Räumliche Klangwirkungen, feine Übergänge und ein stiller, zugleich eindrucksvoller Gesamteindruck prägten den Abend. Die Zuhörenden erlebten ein Konzert, das die Themen Vergänglichkeit und Trost mit sensiblen musikalischen Gesten beleuchtete.

 

Das Ende des Kirchenjahres ist in St. Jacobi traditionell auch eine besondere Stunde der Kirchenmusik. Für das diesjährige Konzert zum Volkstrauertag hatten sich viele Zuhörende eingefunden, und die dämmernde Atmosphäre der Kirche bot einen passenden Rahmen für ein Programm, das in verschiedenen musikalischen Sprachen über Abschied, Trost und innere Sammlung nachdachte. Stefan Kordes setzte dabei weniger auf eine lineare Werkfolge als auf eine dramaturgische Gestaltung, die sich aus Klangräumen, Übergängen und feinen szenischen Momenten ergab.

Gleich zu Beginn öffnete sich mit Knut Nystedts Immortal Bach ein Raum jenseits der üblichen Chorwahrnehmung. Der Chor stand in zwei großen Gruppen in den Seitenschiffen – für das Publikum ergab sich ein beinahe umhüllender Klang, der die vertraute Bach-Harmonisation in schwebende, zeitversetzte Linien auflöste. Die Wirkung war eindrucksvoll, auch weil die Sängerinnen und Sänger das Werk auswendig darboten und dadurch eine besondere Präsenz entwickelten.

Einen ganz anders gearteten Moment schuf anschließend Johann Sebastian Bachs Erbarm dich mein, o Herre Gott BWV 721, das Kordes an der Truhenorgel spielte. Während die leise registrierte Orgel einsetzte, betrat der Chor nach und nach das Podest – eine bewusst gestaltete Bewegung, die dem Werk etwas Prozessionshaftes verlieh. Nicht jeder Schritt fügte sich am Ende exakt in den Schlussakkord, doch der gedämpfte, ritualisierte Charakter dieses Übergangs blieb eindrücklich.

Mit den Motetten Weint nicht um meinen Tod von Johann Bach und Es ist nun aus von Johann Christoph Bach rückte das Konzert näher an den eigentlichen Gedenktag heran. Beide Werke fügte der Chor mit ruhiger Konzentration in den Raum ein, getragen von sorgfältiger Vorbereitung und einem klaren, unaufgeregten Gesamtklang. Die Texte, die Trost und Endlichkeit gleichermaßen berühren, bekamen so eine schlichte, überzeugende Gestalt.

Einen deutlichen Kontrast setzte die Uraufführung von Martin Christoph Redels Motettenzyklus Schließe mir die Augen beide (2023) für Vokaloktett. Die Komposition arbeitet mit kantigen Intervallen und einem bewusst dichten Tonspektrum, das sich nicht unmittelbar zum Gedichttext von Theodor Storm öffnet. Für manche Ohren mag diese Ästhetik herausfordernd sein, doch die acht Sängerinnen und Sänger aus dem Kammerchor führten die Partitur präzise und konzentriert aus. Die Anwesenheit des Komponisten sorgte nach dem letzten Ton für den ersten spontanen starken Applaus des Abends.

Ein weiterer atmosphärischer Akzent entstand bei Johann Bachs Unser Leben ist ein Schatten, das Kordes mit einem räumlich abgesetzten Quartett hinter dem Podest verband. Die Idee, das Werk mit einem Fernchor zu gestalten, nutzte den Aufbau im Chorraum und ließ kurze Echo- und Überlagerungseffekte entstehen – nicht durchgehend voll ausgeschöpft, aber doch als reizvolles zusätzliches Klangfenster wahrnehmbar.

Einen organistischen Kommentar setzte Kordes anschließend mit dem ersten Satz aus Carl Philipp Emanuel Bachs g-Moll-Sonate auf der großen Ott-Schmidt-Orgel. Mit einer Registrierung, die einzelne Linien wie aus der Ferne herüberwehen ließ, spiegelte er das vorherige Raumkonzept und brachte zugleich einen Moment klarer, instrumentaler Struktur in den Abend.

Zum Abschluss des offiziellen Programms erklang Johann Christoph Altnickols umfangreiche Motette Befiehl du deine Wege, deren zwölf Strophen jeweils eigene musikalische Miniaturen bilden. Nicht jede Strophe entfaltet dabei den gleichen Reiz, und manche Passage wirkte etwas strenger an den Text gebunden, wodurch der große Bogen nicht immer gleichermaßen durchhörbar war. Besonders lebendig gelang hingegen die fünfte Strophe „Und ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehen“, die sich deutlich abhob und dem Zyklus einen energischen Kernpunkt verlieh.

Als Zugabe kehrte der Chor zu Nystedts Immortal Bach zurück – diesmal jedoch in klassischer, kompakter Frontalaufstellung. Dadurch erhielt das Werk eine ganz andere Klarheit, beinahe wie ein Echo auf den Beginn, nun aber gesammelt und nach innen gerichtet. Es war ein ruhiger, stimmiger Schlusspunkt.

Das Publikum verfolgte das Konzert aufmerksam und reagierte mit warmem, anhaltendem Applaus. Die ruhige, nachdenkliche Stimmung beim Verlassen der Kirche fügte sich in das Gesamterlebnis eines Abends, der weniger auf große Gesten als auf fein gearbeitete Atmosphären setzte. Der Kammerchor St. Jacobi und Stefan Kordes vermittelten dabei ein eindrucksvolles Bild davon, wie unterschiedlich Musik Trost, Erinnerung und Hoffnung ausdrücken kann – im Raum, im Klang und in stillen Zwischenmomenten.

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