Auf dem zeitlosen Kinderbuch-Klassiker »Momo« von Michael Ende basiert das neue, bezaubernde Familienstück im Deutschen Theater Göttingen, das am 16. November unter der Regie von Inda Buschmann seine Premiere feierte. Bei dem wunderbaren und abenteuerhaften Stück geht es vor allem um den Wert der Freundschaft und des Zuhörens und wie kostbar die Zeit ist, die wir mit anderen Menschen verbringen.
Die Protagonistin Momo, gespielt von Lou von Gündell, lebt allein in der Ruine eines Amphitheaters. Sie besitzt nichts außer einem großen Herzen und der besonderen Gabe, so gut zuhören zu können, dass jeder Unglückliche wieder froh wird. Dadurch entstehen liebevoll inszenierte Freundschaften zu Beppo Straßenkehrer (Florian Eppinger), Gigi Geschichtenerzähler (Gabriel von Berlepsch), Paolo (Julian Mantaj) und Maria (Marie Seiser). Eines Tages tauchen jedoch die mysteriösen Grauen Herren von der Zeitsparkasse auf und stehlen den Menschen ihre Zeit. Schritt für Schritt wird die Welt düsterer und hektischer.
Mit dem Spruch „mach mehr aus deinem Leben, spare Zeit“ bringen die Grauen Herren die Menschen dazu, nur noch zu arbeiten, nützlich zu sein und keine Zeit für Freunde und Gefühle zu „verschwenden“. Momo ist die Einzige, die nicht den Lügen der Grauen Herren verfällt, welche die Stadt langsam in eine robotische Geisterstadt verwandeln, in der jeder nur noch arbeitet. Und sie bekommt Hilfe – die Schildkröte Kassiopeia, wunderbar gespielt von Marie Seiser, die einen Panzer mit leuchtenden Schuppen trägt, führt sie zum geheimnisvollen Meister Hora (Judith Strößenreuter), dem Hüter der Zeit.
Lou von Gündell stellt Momo mit besonderer Lebensfreude und Mut dar, die sie im Angesicht der Grauen Herren zeigt und auch, als es darauf ankommt, ihre Freunde zu retten, sind diese der Schlüssel.
Das Stück spricht nicht nur ein junges Publikum an, sondern bietet auch Erwachsenen einen Mehrwert. Momos Geschichte richtet sich gegen eine Welt, in der es immer nur um Profit und Effizienz geht, und stattdessen die Gemeinschaft und das Vergnügen hervorhebt. Die stets die vorherrschende Atmosphäre unterstreichende Musik (Thomas Seher) beschwört eine düstere Stimmung, sobald die Grauen Herren die Bühne betreten, und holt im Gegensatz dazu die Fröhlichkeit in den Saal zurück, sobald Momo sich mit ihren Freunden vergnügt.
Die exzellenten Bühnenbilder und die liebevoll gestalteten Kostüme von Caroline Stauch entführen in eine magische, märchenhafte Welt. Wo in einem Moment ein verwinkeltes Haus steht, befindet sich im nächsten Moment ein funkelnder Sternenhimmel oder auch die kühle, trostlose Welt der Grauen Herren. Deren Auftreten wird durch Nebel und düstere Musik unterstrichen, sie sind Wesen, die nur eine Menschenform angenommen haben und den Menschen all ihre Zeit stehlen wollen. Sie tragen graue Anzüge und rauchen stets eine Zigarre, die aus den gestohlenen Stundenblumen geformt wird und die Grauen Herren am Leben hält.
Es entstehteine faszinierende Märchenwelt mit einer starken, jungen Protagonistin, die vor allem die jungen Zuschauer:innen begeistert und zugleich durch die Verbindung von Magie und Gesellschaftskritik auch Erwachsene anspricht. Mit dieser gelungenen Inszenierung, die in die fantastische Welt des Kinderbuch-Klassikers »Momo« führt, erinnert das Deutsche Theater daran: „Die Zeit wohnt in unserem Herzen“.