Nach dann zwölf Jahren an der Spitze des Deutschen Theaters Göttingen wird Intendant Erich Sidler seine Amtszeit zum Ende der Spielzeit 2026/27 beenden. Sein bis 2029 laufender Vertrag wird damit vorzeitig aufgehoben. Sidler betont in seiner Mitteilung, er blicke „mit großer Freude und Dankbarkeit“ zurück. „Zehn Jahre für eine Intendanz sind richtig und genug.“ Die drei Pandemie-Jahre, so schreibt er, habe er bewusst zur Stabilisierung des Hauses hinzugefügt.
Sidler kam zur Spielzeit 2014/15 nach Göttingen und prägte das Theater mit einer klaren künstlerischen Handschrift: präzise in der Ästhetik, politisch im Zugriff, offen für unterschiedlichste Erzählformen. Unter seiner Leitung entstanden Inszenierungen, die das Deutsche Theater überregional profilierten. Beckett in konzentrierter Form wie in „Warten auf Godot“ (2019), die Auseinandersetzung mit Nähe und Empathie in „Homo Empathicus“ (nach Rebekka Kricheldorf), oder jüngst „Mephisto“ nach Klaus Mann (2025), dessen moralische Dringlichkeit das Publikum spürbar herausforderte.
Auch experimentelle und teilhabeorientierte Formate wie die Arbeiten während der Corona-Pandemie in der „Tankstelle“ stellten die Frage, wie Theater in die Stadt hineinwirken und gesellschaftliche Räume öffnen kann.
Bereits seit der Spielzeit 2024/25 bildet Sidler gemeinsam mit Schirin Khodadadian eine künstlerische Doppelspitze. Ihr Verbleib gilt als zentrale Hoffnung für Kontinuität: Sie steht für kluge, behutsame und zugleich mutige Theaterarbeit, die gesellschaftliche Fragen ernst nimmt und ästhetisch klar formuliert.
Sidlers Entscheidung zum Rückzug ist aber nicht allein künstlerisch motiviert, sondern auch eine Folge der finanziellen Situation. Seit 2025 setzt das Haus ein jährliches Einsparvolumen von über 600.000 Euro um. Zwar haben Stadt und Landkreis inzwischen beschlossen, Finanzierungslücken aufzufangen, doch bleibt die Beteiligung des Landes an einer nachhaltigen Finanzierung weiter offen. Sollte diese nicht erfolgen, drohen betriebsbedingte Kündigungen.
Dazu schreibt Sidler unmissverständlich: „Ich stand und stehe für betriebsbedingte Kündigungen nicht zur Verfügung.“ Damit zieht er eine künstlerische und menschliche Grenze. Sein Rückzug ist Ausdruck dieser Haltung – nicht ein Scheitern.
Kommentar
Was dieser Abschied bedeutet.
Man könnte diesen Schritt als Verlust betrachten – und er ist einer. Erich Sidler hat das Deutsche Theater Göttingen nicht nur geführt, sondern geprägt. Er hat das Haus geöffnet, sein Ensemble gestärkt, es in politisch unruhigen und pandemisch lähmenden Jahren zusammengehalten. Sein Theater hat nicht verwaltet, sondern gefragt, irritiert, berührt.
Dass Sidler jetzt geht, ist jedoch keine Flucht, sondern Konsequenz. Er hat seine Intendanz nie als persönliches Dauerrecht verstanden, sondern als Verantwortung auf Zeit. Und er geht, bevor ein Theater, das er mit Haltung geführt hat, in Situationen gerät, die diese Haltung verraten würden.
Das eigentlich Entscheidende aber liegt in dem, was bleibt: Mit Schirin Khodadadian ist im Haus eine künstlerische Stimme etabliert, die dieses Theater weiter prägen kann – und prägen sollte.
Wenn Stadt, Landkreis und Land es ernst damit meinen, Kultur nicht als Kostenstelle, sondern als Wert zu begreifen, dann wird ihr Verbleib nicht zur Frage eines Haushaltsjahres werden. Sondern zu einer bürgergesellschaftlichen Entscheidung.