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Eine Passion zwischen Bach und Gegenwart

Deutsche Erstaufführung von Nikolaus Matthes’ Markuspassion in der Göttinger Jacobikirche

Aufführung der Markuspassion in St. Jacobi | © Photo: Wortmann

Ein außergewöhnlicher Abend in der Göttinger Jacobikirche: Mit der deutschen Erstaufführung seiner Markuspassion stellte sich der Komponist Nikolaus Matthes einem nahezu unmöglichen Vorhaben – einer neuen Passion im Klangraum Johann Sebastian Bachs. Unter der Leitung von Kantor Stefan Kordes entstand daraus ein eindrucksvolles Konzerterlebnis zwischen historischer Klangsprache und eigener musikalischer Handschrift. Dramatische Chorszenen, starke Solisten und eine ungewöhnliche musikalische Idee prägten diesen bewegenden Passionsabend.

Die verlorene Markuspassion Johann Sebastian Bachs gehört zu den großen Rätseln der Musikgeschichte: Der Text Picanders ist überliefert, die Musik jedoch verschollen. Der Berliner Komponist Nikolaus Matthes hat sich dieser Lücke auf ungewöhnliche Weise genähert. Er vertonte das Libretto vollständig neu – in einer musikalischen Sprache, die sich bewusst an Bach orientiert.

Die deutsche Erstaufführung dieses Werkes war nun in der Göttinger Jacobikirche zu erleben. Der Anstoß dazu kam von Kantor Stefan Kordes. Er hörte 2024 zufällig einen Ausschnitt aus der Schweizer Uraufführung der Passion und beschloss, das Werk nach Göttingen zu holen. Daraus entstand die nun realisierte deutsche Erstaufführung mit der Jacobikantorei, dem Kammerchor St. Jacobi, dem Göttinger Barockorchester und einer hochkarätigen Solistenbesetzung. 

Schon die ersten Takte zeigen, welche Herausforderung in dieser Komposition steckt. Bach ist nicht kopierbar – und genau darin liegt die Spannung des Werkes. Matthes bewegt sich hörbar im Idiom des Leipziger Thomaskantors: Choralstrukturen, Turba-Chöre, Arien und Rezitative folgen der vertrauten Dramaturgie einer barocken Passion. Zugleich treten immer wieder harmonische Zuspitzungen hervor. Chromatische Verdichtungen, überraschende Modulationen und scharf gespannte Dissonanzen verleihen der Musik eine expressive Schärfe, die über das historische Vorbild hinausweist.

Die großen dramatischen Chorszenen gehörten zu den stärksten Momenten des Abends. Turba-Chöre wie „Wir haben gehört, dass er sagte“, „Weissage uns“ oder die beiden „Creutzige ihn“-Rufe entwickelten eine unmittelbare dramatische Energie. Mit rund hundert Sängerinnen und Sängern – deutlich mehr als bei der Uraufführung – entfaltete der Chor eine enorme klangliche Wucht. Der große Chor war hinter dem Altarraum auf dem Podest aufgestellt, der Kammerchor davor – eine klare visuelle Ordnung der beiden Ensembles.

Eine zentrale Rolle spielen in Matthes’ Passion auch die Arien. Vor allem die Tenor-Arien „Mein Heyland, dich vergeß ich nicht“ und „Welt und Himmel, nehmt zu Ohren“ gehören zu den stärksten Teilen der Partitur: musikalisch klar geformt, affektreich und eng am Text entwickelt.

Zu den großen Stärken des Abends gehörten die Solisten. Der österreichische Tenor Daniel Johannsen gestaltete die Partie des Evangelisten mit außergewöhnlicher Präsenz. Seine Fähigkeit, Text und Musik gleichermaßen zu formen und zu kommentieren, ließ die Handlung plastisch hervortreten. Johannsen gehörte bereits zur Besetzung der Uraufführung der Markuspassion und brachte entsprechend große stilistische Sicherheit in die Partie ein.

Auch die Altistin Annekathrin Laabs, die ebenfalls schon bei der Uraufführung beteiligt war, prägte den Abend entscheidend mit. Nikolaus Matthes hatte die Altpartie ursprünglich für ihre Stimme geschrieben. Mit warm timbrierter, tragfähiger Stimme gestaltete sie ihre Arien mit großer Intensität. Besonders eindringlich gelang die Arie „Falsche Welt, dein schmeichelnd Küssen“, deren Ausdruckskraft zu den Höhepunkten des Werkes und der Aufführung zählte.

Der Bass Daniel Pérez gestaltete die Christus-Worte mit ruhiger Autorität und warmer Klangfarbe. Anna Nesyba überzeugte mit klar geführtem, schlankem Sopran und präziser Artikulation, während Thomas Laske als Bassbariton mit klangvoller Präsenz und deutlicher Bühnenwirkung hervortrat.

Das Göttinger Barockorchester präsentierte sich in einer farbenreichen Besetzung – mit Traversflöten, verschiedenen Oboeninstrumenten, Viola d’amore, Gambe sowie Laute und Barockgitarre. Die Arien wurden von den Instrumentalisten sensibel begleitet, wobei besonders das fein nuancierte Traversflötenspiel von Dorothee Kunst in der Tenor-Arie „Mein Heyland, dich vergeß ich nicht“ hervortrat.

Bei der großen Besetzung erwies sich die Akustik der Jacobikirche als erstaunlich präsent. Zwar ist der Klangraum großer Kirchen grundsätzlich hallreich, doch das voll besetzte Kirchenschiff und das große Ensemble nahmen dem Raum einen Teil seiner Nachhallfülle. Gerade auf den vorderen Plätzen erreichte die Musik das Publikum mit bemerkenswerter Direktheit.

Stefan Kordes leitete die Aufführung mit großem Gespür für musikalische Details. Immer wieder überraschten fein modellierte Tempowechsel und dynamische Abstufungen. Bei der großen Chorbesetzung erwies sich allerdings gelegentlich die Balance zwischen Chor, Orchester und Solisten als anspruchsvoll. Insgesamt war deutlich zu spüren, wie sorgfältig das Werk vorbereitet worden war.

Am Ende des Konzerts folgte ein Moment großer Stille. Nach dem Schlusschor erklang das Geläut der großen Glocke von St. Jacobi – und im gesamten Kirchenraum blieb es vollkommen ruhig. Chor und Orchester verharrten regungslos: die Sängerinnen und Sänger mit den Noten in den Händen, die Instrumentalisten mit ihren Instrumenten, Stefan Kordes mit erhobenen Armen. Erst nachdem das Geläut verklungen war, setzte der langanhaltende Applaus ein. Auch der anwesende Komponist Nikolaus Matthes wurde dabei auf die Bühne gebeten und von Publikum wie Mitwirkenden gleichermaßen gefeiert.

Bleibt die grundsätzliche Frage nach der Idee hinter dieser Passion. Kann man im Stil Johann Sebastian Bachs komponieren? Wer sich auf ein solches Unternehmen einlässt, stellt sich zwangsläufig in den Schatten eines übermächtigen Vorbilds – und läuft Gefahr zu scheitern.

Nikolaus Matthes hat dieses Wagnis dennoch unternommen. Und er hat nicht verloren.

Es gibt Passagen, in denen sich seine Musik sehr eng am historischen Vorbild bewegt. Ihre stärksten Momente entstehen jedoch dort, wo sie sich davon löst und eigene Wege geht. Dann ist nicht mehr Bach zu hören – sondern Nikolaus Matthes. Und genau dort gewinnt diese Passion ihre größte Überzeugungskraft.

Am Ende bleibt vor allem Dankbarkeit dafür, dass dieses ungewöhnliche Werk nun auch in Göttingen zu erleben war.

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