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Justus Friedrich Eichhorn und Vilmantas Kaliunas mit dem Göttinger Symphonieorchester | © Photos: Wortmann
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Göttinger Symphonieorchester

Energie, Zweifel, Trost – ein Vormittag voller Heldenbilder

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Konzertmatinee mit dem Pianisten Justus Friedrich Eichhorn und dem Dirigenten Vilmantas Kaliunas
von Jens Wortmann, erschienen am 16. November 2025

Der Vormittag stand unter dem Motto «Helden», doch der Begriff bekam im Verlauf dieses Matinee-Konzerts viele überraschende Facetten.

Zwischen Beethovens strahlender Es-Dur-Weite, Mozarts dramatischer Opernwelt und Hindemiths existenziellem Ringen entstand ein Spannungsbogen, der weit über den Konzertsaal hinauswies. Das Göttinger Symphonieorchester zeigte sich aufmerksam und dialogbereit, während der junge Pianist Justus Friedrich Eichhorn beeindruckende eigene Akzente setzte. Die nahezu ausverkaufte Stadthalle erlebte einen Vormittag, der musikalisch wie gedanklich nachwirkte.

Am Sonntagvormittag hatte das Göttinger Symphonieorchester zu einer Matinee in die Stadthalle Göttingen eingeladen. Der Termin fiel auf den Volkstrauertag, was dem Konzert bereits vor Beginn eine besondere Grundierung verlieh. Der große Saal war nahezu bis auf den letzten Platz gefüllt. Obwohl die Akustik der Stadthalle üblicherweise als problematisch gilt – unter anderem weil nicht immer alle Akustiksegel im Einsatz waren – war an diesem Vormittag ein erstaunlich klarer Gesamtklang zu hören – vermutlich, weil alle Segel benutzt wurden und dadurch der Raum klanglich günstiger wirkte.

Unter dem Motto «Helden» verband das Programm drei sehr unterschiedliche Perspektiven auf Heldentum: Zuerst das Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven, danach – nach der Pause – die Ouvertüre zu Wolfgang Amadeus Mozarts «Don Giovanni», und abschließend die Symphonie „Mathis der Maler“ von Paul Hindemith. Diese Abfolge – vom Solistenwerk über Operncharakterstudie hin zu existenziellem Künstlerringen – erwies sich als stringenter und zugleich bewegender Rahmen.

Im Zentrum stand der Pianist Justus Friedrich Eichhorn, 2003 geboren, in Weimar ausgebildet, bereits mit ersten Wettbewerbserfolgen und Auftritten. An diesem Vormittag zeigte er eine Interpretation, die kraftvoll und zugleich lyrisch war – ein Spiel, das sich konzentriert auf das Orchester einließ.

Gast­dirigent Vilmantas Kaliunas leitete dieses Konzert, es war sein erstes Gastengagement mit dem Göttinger Symphonieorchester.  Sein Gestus wirkte sehr detailbewusst. Auffällig war die ständige Kommunikation zwischen Dirigent und Solist, besonders in Übergängen und rubato-geprägten Phrasen. Kaliunas ließ dem Orchester Raum, sorgte aber gleichzeitig für klare Linien und feine Balance.

Beethovens fünftes Klavierkonzert gilt als technisch wie musikalisch anspruchsvoll: große Spannweiten in Akkordpassagen, Oktavläufe, Trillerketten und weite Arpeggien verlangen hohe Präzision und Ausdauer; dazu kommt die Herausforderung, sich gegen ein voll besetztes Orchester zu behaupten, ohne dass der Klang verhärtet. Eichhorn meisterte diese Anforderungen mit beeindruckender Klarheit. Sein Ton blieb auch in energischen Passagen geschmeidig, und im Zusammenspiel mit dem Orchester zeigte er ein fein abgestimmtes Gespür für Balance.

Schon nach dem ersten Satz ertönte spontaner Applaus – ein Hinweis darauf, wie unmittelbar diese Interpretation wirkte. Der zweite Satz erschien wie ein stiller Höhepunkt: weit, schwebend, in sich versunken. Eine Konzertbesucherin formulierte treffend, dieser Satz sei «zum Weinen schön» gewesen. In den Übergängen zum Finale gelang der Übergang organisch und lebendig – Kaliunas nahm Geschwindigkeitsschwankungen des Solisten sofort auf und gab sie klar an das Orchester weiter.

Als Zugabe spielte Eichhorn „Black Earth“ von Fazıl Say – ein Werk, das auf traditionellen türkischen Saz-Klängen basiert und Resonanz-Symmetrien erzeugt, indem der Pianist zeitweise einzelne Saiten dämpft, bevor eruptive Mittelteil-Elemente erklingen. Die Mischung aus meditativem Beginn und explosivem Mittelteil wirkte nach dem Beethoven-Werk wie ein persönlicher Kommentar des Solisten.

Nach der Pause folgte die Ouvertüre zu Mozarts Oper „Don Giovanni“. Der düstere Beginn der Ouvertüre zeichnet den Titelhelden musikalisch vor – der Begriff „Held“ erscheint hier ironisch gebrochen – und genau diese Spannung nahm das Orchester sehr gut auf. Kaliunas arbeitete mit kleinsten präzisen Impulsen, die das Ensemble aufmerksam aufgriff. Die Kontraste zwischen dem feierlich-dramatischen Anfang und dem bewegten Allegro wirkten klar strukturiert und präzise.

Vor der Aufführung von Hindemiths Symphonie „Mathis der Maler“ ergriff Kaliunas das Mikrofon. Er erinnerte an den Volkstrauertag und daran, dass Hindemith an diesem Tag seinen 130. Geburtstag gefeiert hätte. Zudem wies er auf die Situation des Komponisten in den 1930er Jahren hin, als Hindemith sich entschied, seinen künstlerischen Überzeugungen treu zu bleiben und nicht dem Druck des Regimes nachzugeben – eine Entscheidung, die ihn ins Exil führte.

Kaliunas zitierte John F. Kennedy mit den Worten:

«Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen – oder der Krieg wird der Menschheit ein Ende setzen.» (englisch: “Mankind must put an end to war — or war will put an end to mankind.”)

Und er erzählte die bekannte Anekdote aus der Zeit des Vietnamkriegs: Ein Mann demonstriert allein vor dem Weißen Haus. Gefragt, ob er wirklich glaube, die Welt ändern zu können, antwortete er:

«Ich versuche nicht, die Welt zu verändern. Ich versuche, zu verhindern, dass die Welt mich verändert.» (englisch: “I am not trying to change the world. I am trying to keep the world from changing me.”)

Mit dieser gedanklichen Rahmung begann die Symphonie, die Hindemith aus seinem Opernstoff „Mathis der Maler“ heraus entwickelte. Die drei Sätze („Engelkonzert“, „Grablegung“, „Versuchung des heiligen Antonius“) entfalten eine breite Palette klanglicher Szenen – von mystischer Ruhe bis hin zu scharf konturierten Konflikten.

Das Göttinger Symphonieorchester präsentierte eine farbenreiche Interpretation. Zahlreiche Soli traten hervor: die klare Oboe, das warm gestaltete Englischhorn, markante Einsätze der Trompeten und Posaunen sowie ein geschlossen wirkender Hornsatz. Die großdimensionierten Steigerungen behielt Kaliunas sicher unter Kontrolle. Das Zusammenspiel wirkte konzentriert, die Spannung über alle drei Sätze war stabil.

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Die Reaktionen des Publikums in der nahezu ausverkauften Stadthalle spiegelten die Vielfalt der Eindrücke wider: spontaner Szenenapplaus, hörbare Begeisterung nach dem Beethoven-Teil und langer Schlussapplaus nach Hindemith. In der Pause wie nach dem Konzert war die Resonanz lebhaft und getragen von Anerkennung für die Leistung des Orchesters, des Solisten und die dramaturgische Geschlossenheit des Programms.

Diese Matinee zeigte erneut, wie aufmerksam und engagiert das Göttinger Symphonieorchester aufgestellt ist. Kaliunas’ präzise, aufmerksame Handschrift und die spürbare Verbindung zwischen Dirigent und Ensemble prägten den Vormittag ebenso wie Eichhorns nuanciertes Klavierspiel. Das Motto «Helden» entfaltete sich in all seinen Schattierungen – von Glanz über Zweifel bis hin zur Widerstandskraft. Ein Vormittag, der lange nachklang – und der neugierig macht auf weitere Begegnungen mit diesem Dirigenten.

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