Widerstand beginnt oft nicht mit großen Gesten, sondern mit einem ersten Impuls, einem Atemzug oder auch einem Ton. Musik kann dabei sowohl offen als auch subtil Medium eines solchen Aufbegehrens sein und gezielte Stimmungen erzeugen. Das Göttinger Symphonieorchester griff diesen Gedanken auf und formte drei sehr unterschiedliche Werke aus mexikanischer und russischer Feder zu einer eindrucksvollen Vielfalt widerständiger Klänge.
Widerstand in Tönen
Am 28. November präsentierte das GSO dieses Programm in der ausverkauften Stadthalle unter dem Motto »Widerstand«. Für den Abend hatte das Orchester zudem besondere Verstärkung eingeladen: die russisch-armenische Nachwuchspianistin Eva Gevorgyan, die mit gerade einmal 21 Jahren Preisträgerin zahlreicher Klavierwettbewerbe ist. Sie gibt in der Saison 2025/2026 unter anderem mit dem Göttinger Symphonieorchester ihr Debüt und spielte an diesem Abend gemeinsam mit dem Orchester Rachmaninows »Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-Moll op. 18«.
Pulsierende Klangwelten
Zunächst jedoch eröffnete »Kauyumari« der zeitgenössischen Komponistin Gabriela Ortiz den Abend. Inspiriert von der Mythologie des indigenen mexikanischen Volkes der Huichol nutzt Ortiz den blauen Hirschen (Kauyumari), Vermittler zwischen menschlicher und spiritueller Welt, als zentrales Symbol und übersetzt ihn in eine lebendige orchestrale Klangsprache. Das Stück begeistert von Beginn an mit pulsierenden Rhythmen und einer dynamischen Klangwelt. Besonders markant ist der kraftvolle Einsatz der Perkussion, die dem Werk eine treibende, abenteuerliche Energie verleiht.
Innere Rebellion durch eindrucksvollen Dialog
Nach diesem dynamischen Auftakt rückte Rachmaninows Klavierkonzert voll und ganz in den Mittelpunkt. Mit dunklen, wuchtigen Klavierakkorden eröffnete die Solistin Eva Gevorgyan den ersten Satz und beeindruckte durch makellose Technik und große Präzision, wobei sie jede Phrase sorgfältig und mit deutlicher Emotionalität gestaltete. Das Orchester unter der Leitung von Nicholas Milton erwies sich dabei als sensibler Partner: Durch ausgewogene Dynamik und feine Abstimmung stand es nie im Schatten der Solistin, sondern verstärkte die Wirkung der Solopassagen, die Gevorgyan mit Leichtigkeit meisterte. Die drei Sätze wechselten zwischen düsterem und energiegeladenem Klang und ließen den inneren Widerstand des Komponisten spürbar werden. Nach einer langen Phase der Depression kämpfte er sich zurück in die Musikwelt – im »allegro non troppo« des dritten Satzes wurde dieser Prozess besonders greifbar, bevor das Tutti in einem befreienden Abschluss mündete.
Verdeckter Protest
Auch das letzte Musikstück des Abends, Dmitri Schostakowitschs »Symphonie Nr. 5 d-Moll op. 47«, setzte den Gedanken einer Auflehnung fort. Nach der vernichtenden Kritik an seinem vorherigen Werk stand Schostakowitsch nun unter dem politischen Druck, etwas »Angemessenes« zu komponieren, doch die Symphonie enthält zahlreiche Momente verdeckten Protests. Die Motive der Sätze könnten dabei kaum unterschiedlicher sein. Das »Moderato« ist dramatisch aufgeladen und voller Spannung, geprägt vom Zusammenspiel von Streichern und Blechbläsern. Das »Allegretto« entfaltet beinahe eine sarkastische Note, getragen von einer spielerischen Leichtigkeit, die vor allem die Holzbläser prägen. Der dritte Satz, das »Largo«, bildet den emotionalen Kern: tieftraurige, erschütternde Klänge, die den inneren Konflikt des Komponisten eindringlich hörbar machen. Abgelöst werden diese Momente vom triumphalen vierten Satz, der zwar feierlich wirkt, dessen Jubel jedoch den Beigeschmack des Zwangs mit sich trägt.
So endete unter großem Beifall ein Abend, der die Kraft der Musik als Medium des Widerstands in vielen Facetten erfahrbar machte: vom pulsierenden Klangabenteuer bei Ortiz über die intime innere Rebellion Rachmaninows bis hin zum stillen Protest Schostakowitschs. Das Göttinger Symphonieorchester und Eva Gevorgyan spannten einen weiten emotionalen Bogen und zeigten, dass Widerstand manchmal leise beginnt, aber dennoch eine unüberhörbare Kraft entfalten kann.