Hänsel & Gretel und noch dazu als Oper in der Kirche? Dass beides, Märchen und Oper, die Gläubigen in der Kirche spirituell und musisch bereichern können und noch dazu theologische und soziale Relevanz haben, bewies einmal mehr das Göttinger Konzept der »Taschenoper«, initiiert von Stadtkantor Bernd Eberhardt. Nach den Aufführungen von »Fidelio« (2019 & 2023) und »Der Freischütz« (2024) folgt 2026 die märchenhafte Oper von Engelbert Humperdinck im kammermusikalischen Setting mit Klavier, Chor, Balletttänzerinnen, Solist:innen und einem Hauch von Requisiten.
Wie überaus relevant die im Märchen verarbeiteten Themen sind, wurde am Sonntagmorgen im Kulturgottesdienst zur Taschenoper deutlich. »Hänsel & Gretel« handelt von Armut, Sorge, Not und Hunger – materielle und seelische Belastungen, die weltweit immer weiter zunehmen. Existenzbedrohung und Ängste suchen nach Heilung, im Märchen dargestellt durch Gruselmomente, die sich zum Guten wenden. Für die Gläubigen in St. Johannis stellte sich an diesem Morgen die Frage, wonach sie hungern – und auch, ob Gott in der Dunkelheit des Waldes überhaupt noch da ist. Fragen, die heute gestellt werden dürfen und genau in der Kirche ihren Platz haben, wo diese Sinnfragen stets Thema sind. Und über allem steht der Hunger, steht die Sehnsucht nach Erfüllung und Sinn. In der Märchenfassung der Oper denken auch Hänsel und Gretel nicht nur an ihren leiblichen Hunger, sondern an den Hunger nach Leben – und tanzen und singen trotz aller Not.
Ursprünglich sollte aus der musikalischen Verarbeitung des Grimm’schen Märchens nur eine häusliche Theateraufführung mit einigen vertonten Versen werden. Diese fanden jedoch in der Familie so viel Anklang, dass Engelbert (Musik) und seine Schwester Adelheid (Libretto) daraus eine abendfüllende Oper schufen – von Humperdinck ironischerweise »Kinderweihfestspiel« genannt. Für Kinder ist nicht nur das Märchen geeignet, sondern auch die von Humperdinck komponierte Musik, denn er hat in seiner Oper einige bekannte Volkslieder verarbeitet. Dazu zählen »Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh« und »Ein Männlein steht im Walde«. Melodien wie »Brüderchen, komm tanz mit mir« und »Abends, wenn ich schlafen geh« sind durch seine Oper erst zu Volksliedern geworden.
Und so war es naheliegend, die Aufführung als Taschenoper in St. Johannis größtenteils mit Kindern und Jugendlichen zu gestalten. Die volksliedhaften Melodien übernahm mit Begeisterung und stimmlicher Klarheit der Kinder- und Jugendchor der Göttinger Stadtkantorei unter der Leitung von Carolin Hlusiak. Äußerst diszipliniert und immer präsent folgten die Kinder und Jugendlichen dem zweistündigen Geschehen und blieben bei ihren Einsätzen hellwach – dazu half auch die Aussicht, nach der Aufführung das Lebkuchenhaus plündern zu dürfen. Eine szenisch-tänzerische Interpretation gestalteten Kinder und Jugendliche der Tanzschule art la danse unter der Leitung von Judith Kara. Schon die jüngsten Schülerinnen bewiesen äußerste Körperbeherrschung und tänzerische Ausstrahlung beim Männlein im Walde auf einem Bein. Die jugendlichen Tänzerinnen gestalteten anspruchsvolle Choreografien mit viel Ausdruck und brachten die dunklen Momente der Erzählung ebenso zur Geltung wie das fröhliche Ende.
Die Solist:innen zeigten neben ihren gesanglichen Qualitäten auch schauspielerisches Talent. Anna Bineta Diouf und Johanna Neß als Hänsel und Gretel spielten und sangen in fröhlich-kindlicher Unbeschwertheit und brachten daneben auch die Angst der Kinder zum Ausdruck. Anna Haase von Brincken trat als gebieterische, autoritäre Mutter auf und füllte klanggewaltig den Raum. Aber auch die Verzweiflung über den Hunger und die Gefahr im Wald konnte sie in ihre Stimme legen. Robin Frindt spielte mit seinem charismatischen Auftritt und fröhlichen Lied den heiteren, angetrunkenen Vater, der einen Korb Essen nach Hause bringt. Der Tenor Mathias Schlachter bot eine furchterregende Hexe, die mit ihren bunten Haaren doch ein Schmunzeln auf die Gesichter zauberte. Mit seinem gesungenen »Knusper, knusper Knäuschen«, versteckt hinter einer Säule, zog er die ganze Aufmerksamkeit auf sich und läutete das spannende Finale ein. Auch die beiden Kantoreisängerinnen Sue Sechrist als Sandmännchen und Anne Bärbel Frassine als Taumännchen füllten mit ihrem klaren Sopran selbstsicher den Raum aus.
Regie für diese erfrischende und begeisternde Inszenierung führte Alexander Cern, der den Kirchenraum wunderbar zu gestalten und zu nutzen wusste. Mit nur kleinen Requisiten und Gesten, geschickter Raumaufteilung und Lichteffekten weckte er die Fantasie des Publikums. Hochachtung gebührt auch Bernd Eberhardt für seine künstlerische Leistung am Klavier. Hochkonzentriert spielte er zwei Stunden lang den Klavierauszug und wurde nicht müde, die Schönheit der Musik herauszuarbeiten und zu gestalten. Natürlich gab es für die herausragende Leistung aller langanhaltenden Applaus und Jubelrufe und damit auch die Bestätigung: Oper und Märchen können auch in die Kirche gehören. Und auch gern wieder mit einem Themengottesdienst.