Als sich die drei jungen Musiker:innen Johanna Schubert, Merle Geißler und Philipp Kirchner mit gerade einmal 13 Jahren dazu entschlossen, beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ als Trio anzutreten, hätten sie wohl kaum geahnt, dass sie eines Tages zu den führenden Kammermusikensembles ihrer Generation zählen würden. Das Amelio-Trio erlebte eine Erfolgsgeschichte mit rasantem Tempo. Seit der Gründung 2012 hat sich das Ensemble mit Leidenschaft, Präzision und bemerkenswerter künstlerischer Reife an die Spitze seiner Generation gespielt.
Spätestens mit dem 1. Preis beim Deutschen Musikwettbewerb 2024 sowie dem Gewinn des Internationalen Schumann-Kammermusikpreises Frankfurt 2022 war klar: Hier formiert sich ein Trio von internationalem Format. Die Kür zum ECHO Rising Star für die Saison 2026/27 wirkt da weniger wie eine Überraschung als vielmehr wie die logische Fortsetzung eines konsequent aufgebauten Weges.
Beim vierten Aulakonzert in Göttingen am 15. Februar 2026 entfaltete das Amelio-Trio ein Programm, das nur so vor Kreativität, Virtuosität und musikalischer Durchdringungskraft sprühte. Die ersten drei Werke gingen ohne Unterbrechung ineinander über und entwickelten einen spannungsvollen musikalischen Fluss: vom skurril-chaotischen „Piano Trio“ von Charles Ives über Ludwig van Beethovens überraschend lyrisches B-Dur-Trio WoO 39 bis hin zu einem eigens für das Ensemble komponierten Werk von Birke Bertelsmeier, das die Klangwelten von Ives und Beethoven auf faszinierende Weise miteinander verschmelzen ließ.
Nach der Pause setzte das Trio mit Beethovens 1811 entstandenem B-Dur-Trio op. 97, dem sogenannten „Erzherzog-Trio“, den glanzvollen Schlusspunkt – einem Werk von entzückender und majestätischer Weite, das Beethoven seinem Gönner Erzherzog Rudolph von Österreich widmete und das hier gleichermaßen innig wie überwältigend zur Geltung kam.
Kuriosität der Kammermusik & fließende Übergänge
Pianist Philipp Kirchner beschreibt den Kompositionsstil von Charles Ives (1874–1954) als „äußerst eigenwillig“. Ives’ „Piano Trio“ (1904–1911) gilt sogar als „Kuriosität der Kammermusik“, so Kirchner. Denn Charles Ives war nur nebenberuflich als Komponist tätig: Im bürgerlichen Leben arbeitete er als Versicherungsmakler und konnte mit dem verdienten Geld seiner musikalischen Ader freien Lauf lassen – ohne jegliche Hemmungen.
Ives verarbeitet mit seinem „Piano Trio“ seine Studienjahre im System der „Ivy League“: Der 1. Satz „Moderato“ beschreibt die ernsten Vorlesungen an der Uni in einer verschachtelten musikalischen Form. Dabei wurde es nicht nur ernst, sondern besonders chaotisch – aber im guten Sinne. Das schrille und verworrene Zusammenspiel von Geigerin Johanna Schubert, Cellistin Merle Geißler und Pianist Philipp Kirchner spiegelte diese komplexen Gedankengänge während der Vorlesung perfekt wider und zeigte, dass man inmitten des Chaos dennoch einen musikalischen roten Faden finden kann. Die Klangbalance war jederzeit mustergültig. Philipp Kirchner verstand es meisterhaft, dem Klavier eine durchsichtige Klanglichkeit zu bewahren, die den Streichern Raum ließ, ohne selbst an Profil zu verlieren.
Bei dem zweiten Satz „TSIAJ“ ging anschließend richtig die Post ab, denn diese Abkürzung steht für „This Scherzo is a joke“ (Dieses Scherzo ist ein Witz). Dieses witzige Scherzo handelt von Studentenliedern, Mätzchen und Spielen am Campus. Hier spielte das Amelio-Trio ganz wild, laut und ungestüm. Auch einige überdrehte Jazz-Rhythmen präsentierte Kirchner auf dem Klavier. Seine tiefe, fast schon bedrohliche Klavierstimme weckte überraschenderweise die Assoziation an eine hektische Verfolgungsjagd – hier weiß man nun, welche wilden Partys sich auf dem Campus abgespielt haben müssen.
Der letzte Satz beschreibt die Gottesdienste nah am Campus mit sakralem musikalischem Charakter. Diesen Satz beendete das Amelio-Trio sanft in B-Dur – die perfekte Überleitung zu Beethovens (1770–1827) Klaviertrio B-Dur WoO 39 (1812). Das Ensemble ging nahtlos in dieses Stück über. Hier versprühte das Amelio-Trio eine ganz liebliche, zauberhafte Stimmung in der Aula und fing die Beethoven-untypische Atmosphäre perfekt ein. Beethoven schrieb dieses Stück für seine Schülerin, die „kleine Freundin Maxe Brentano zu ihrer Aufmunterung im Klavierspielen“, mit ungewöhnlichen Fingersätzen, die Kirchner natürlich mit Bravour meisterte.
Das letzte Stück des ersten Blocks war Birke Bertelsmeiers Eigenkomposition für das Amelio-Trio, die Motive aus den vorherigen Stücken vereinte. Dieses Stück klang beinahe wie ein Echo und wurde immer leiser, sanfter, bis zu einem pompösen Ende. Die Geigenstimme von Johanna Schubert entzückte das Publikum mit einem Motiv, das an das „Ave Maria“ erinnerte. Zudem griff Kirchner zu einem gefüllten Weinglas, mit dem er die Schwingungen und das „Echo“ klanglich einfing.
Berückende Schönheit
Mit Beethovens „Erzherzog-Trio“ rundete das Amelio-Trio sein Programm gelungen ab. Den B-Dur-Gesang, den Streicher und Klavier so unbekümmert vor sich hinsangen, entzückte das gesamte Publikum. Mit dem dritten Satz „Andante cantabile“ präsentierte das Ensemble schließlich einen von Beethovens schönsten Variationensätzen. Das Amelio-Trio setzte in seinem Spiel diese „berückende Schönheit“, die Frauen zu bezirzen vermag, wundervoll um. Und nach dem sich steigernden Schluss-Presto wollte der Jubel und Beifall des Publikums kaum enden.
Kreativ und leidenschaftlich
Das Amelio-Trio begeisterte mit technischer Brillanz, inspirierender Musikalität und einem spürbaren Gespür für Klangfarben und Balance. Von Ives’ skurrilem „Piano Trio“ bis hin zu Beethovens lyrischen Werken verband das Ensemble Präzision, Kreativität und Leidenschaft zu einem lebendigen Konzertabend, der sowohl unterhielt als auch nachhaltig beeindruckte.