Die Vorstellung des Stückes »Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen« des Bremer Figurentheaters »Mensch, Puppe!« stößt im Rahmen der Göttinger Figurentheatertage auf großes Interesse, was der Andrang an Zuschauern im zuletzt bis auf den letzten Platz besetzten Jungen Theater beweist.
Dieses Interesse gründet nicht zuletzt auf dem hohen Bekanntheitsgrad der Autorin Irmgard Keun, deren literarisches Werk außergewöhnlich lebendiger, wacher und aufmerksamer Geist kennzeichnet. »Das kunstseidene Mädchen«, das an diesem Abend im Mittelpunkt steht, ist das wohl bekannteste Werk der Schriftstellerin und das Porträt einer jungen Frau aus einfachen Verhältnissen in der Weimarer Republik. Sehr lebhaft und bildreich schildert die Hauptfigur Doris ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke. Ihre wache Aufmerksamkeit bildet die Quelle für einen Strom der Bilder, ihre Liebenswürdigkeit für ihren Erfolg beim anderen Geschlecht.
Jeannette Luft und Anna Stieblich widmen sich in ihrer Inszenierung sowohl der Autorin Irmgard Keun als auch ihrem Berliner Roman.
Das Bühnenbild weht in seiner Schlichtheit und Gestaltung den Geist vergangener Zeit in den Raum: ein Tisch mit Schreibmaschine und Kaffeetasse, ein rustikaler antiker Paravent, der zunächst – beklebt mit Schwarz-Weiß-Bildern junger Männer und Zeitschriftenaufmachern – wie eine Litfaßsäule oder ein kleiner Kiosk wirkt. Ein altes Kofferradio auf dem Boden, über einem Stuhl eine pelzige Boa, die zum heißgeliebten gestohlenen »Feh« der Hauptfigur wird.
Zu Anfang begegnen wir Irmgard Keun (Anna Stieblich) in späteren Jahren. Das Schreiben hat sie aufgegeben, wirkt etwas resigniert. In dieser Stimmung wird sie aufgesucht von der Protagonistin des kunstseidenen Mädchens, Doris. Doris (Jeannette Luft) erscheint als eine liebevoll gestaltete Figur, die sehr adrett ganz wunderhübsch den Mund auf- und zuklappen kann und so wirkt, als wäre es tatsächlich sie, die mit kesser Lippe plaudernd beginnt, die Geschichte des kunstseidenen Mädchens zum Leben zu erwecken. Die Spielerinnen beginnen gemeinsam die Geschichte zu erzählen, die sich in Doris’ Journal, einem schwarzen Buch, beklebt mit weißen Vögeln, verbirgt.
Doris schildert das bunt vibrierende Berlin der späten 20er- und frühen 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts und spricht nonchalant über ihre Freundschaften und Kontakte mit Männern, die sich sehr unterschiedlich gestalten, zu kurzen amourösen Abenteuern oder drei Stück Nusstorte führen, sie aber auch vor der Prostitution bewahren. Anna Stieblich übernimmt dabei sehr gekonnt die Rolle unterschiedlicher Männerbekanntschaften mit Schiebermütze, Schnauzbart und Papiermasken verschiedener Gesichter. So begegnet das Publikum dem wissbegierigen Nachbarn Brenner aus dem oberen Stockwerk, der sich Berlin durch Doris’ Augen schildern lässt, dem brutalen Zuhälter Rannowsky, der nur seine Goldfische liebt, einem sehr gebildeten Herr Ernst, der Doris bei sich wohnen lässt, aber nur an seiner verflossenen Frau hängt, und Karl, der mit Doris seine Gartenlaube teilen will und den sie zu guter Letzt doch für eine annehmbare Partie hält. Die Darstellung beinhaltet so auch Stellung und Rolle der Frauen in der Weimarer Republik, die in »eine[r] versinkende[n] Zeit der Vornehmen (…) zuerst sinken« (I. Keun).
Untermalt wird die Geschichte sehr stimmungsvoll durch Chansons und Lieder, die die Darstellerinnen zum Besten geben. Es sind Lieder von Zarah Leander, Marlene Dietrich und ein vertontes Gedicht von Klabund. Der Zeit des Romans zugehörig vermögen diese, Doris’ Wünsche, Sehnsüchte und das Lebensgefühl der damaligen Zeit einzufangen.
Eine weitere Ebene erhält die Inszenierung durch eingespielte Tonstreifen, die Radiomeldungen gleichen; diese beziehen sich nun auf das wechselvolle Leben der Autorin selbst. 1905 geboren, ereilte Irmgard Keun ein ähnliches Schicksal wie viele bekannte Autoren der damaligen Zeit. Ihre Bücher werden 1935 vom nationalsozialistischen Regime als »schädliches und unerwünschtes« Schrifttum eingezogen und vernichtet, der Autorin selbst die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer verwehrt. Sie entschließt sich 1936 zur Emigration, und ihre Flucht führt sie in unterschiedlichste Orte Europas und schließlich auch in die Vereinigten Staaten. Anders als andere Schriftsteller kehrt sie jedoch bereits 1940 nach Deutschland zurück und lebt dort unerkannt ein gefährdetes Leben, erfährt aber Unterstützung durch Freunde und Familie und wird – wie es Anna Stieblich gegen Ende der Aufführung in Person der Autorin bemerkt – nicht denunziert, was ihr das Leben rettet.
Innerhalb des ansonsten so heiter-lebendigen Spiels, der anmutig von Jeannette Luft belebten Figur, den Gesangseinlagen und dem Vergnügen an Verkleidung und leiser Ironie wirken diese eingestreuten Meldungen verstörend und bilden eine Irritation, das Eindringen einer schattenhaften Bedrohung.
Die gesamte Inszenierung ist anrührend und gelungen, heiter und bedrückend, lädt ein zum Schwelgen, Lachen und Denken, und so erstaunt es nicht, dass der stürmische Applaus des Publikums lange nicht abebbt und die Künstlerinnen mehrmals auf die Bühne zurückruft.