Zum Abschluss des Göttinger Literaturherbstes wurde es noch einmal ernst – und zugleich tief berührend. In der Wissenschaftsreihe des Festivals sprach die Medizinethikerin Alena Buyx in der bis auf den letzten Platz gefüllten Paulinerkirche über ihr neues Buch „Leben & Sterben“, das kürzlich im S. Fischer Verlag erschienen ist. Begrüßt wurde sie von Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, der die Autorin als „eine Frau, von der ich immer etwas lerne, wenn ich sie treffe“ vorstellte.
Schon in den ersten Minuten herrschte eine Mischung aus Hochachtung und intellektueller Neugier. Buyx, die viele aus ihrer Zeit als Vorsitzende des Deutschen Ethikrats kennen, erwiderte charmant: „Hätte ich gewusst, in was für einen wunderschönen Saal ich kommen würde, wäre ich schon früher gekommen.“ Und tatsächlich: Der Bibliothekssaal in der früheren Kirche bot einen würdigen Rahmen für einen Abend, an dem es um nichts weniger ging als um die Grundfragen menschlicher Existenz.
Vier Prinzipien und ein Fall, der bleibt
Buyx führt ihr Publikum direkt in die Kernstruktur der Medizinethik: Respekt vor Selbstbestimmung, Nichtschaden, Fürsorge und Gerechtigkeit – die vier Grundprinzipien, die sich in der klinischen Realität immer wieder widersprechen. Um das greifbar zu machen, erzählt sie von einem konkreten Fall, den sie in ihrem Buch schildert: „Tim“, ein Frühchen aus der 22. Schwangerschaftswoche, kaum größer als ein Stück Butter.
Während sein Zwillingsbruder sich gut entwickelt, kämpft Tim monatelang auf der Intensivstation. Als sich sein Zustand stabilisiert, entscheiden die Eltern, die Behandlung zu beenden – sie wollen ihrem Sohn weiteres Leiden ersparen. An diesem Punkt kommt die Ethikkommission ins Spiel, in der auch Buyx mitwirkt. „Ich habe damals Claudia Wiesemann aus Göttingen angerufen und um Rat gebeten“, berichtet sie.
Die Geschichte endet – anders als zunächst befürchtet – hoffnungsvoll: Die Eltern willigen ein, weiterbehandeln zu lassen. Jahre später entwickelt sich Tim weitgehend normal, besucht einen Kindergarten. „Einige Fälle bleiben einem einfach im Gedächtnis“, sagt Buyx. Dieser offenbar besonders.
Wann beginnt das Leben – und wann endet es?
Der zweite Themenblock führt an die Grenzen der Definitionen: den Beginn des Lebens. Patrick Cramer, selbst Molekularbiologe, nennt befruchtete Eizellen „Zellhaufen“ – was Buyx sofort aufgreift. Hier zeige sich, wie stark Sprache ethische Wertungen transportiert. „Wann beginnt das Leben?“, fragt Cramer. „Das ist die Gretchenfrage – theologisch, philosophisch, verfassungsrechtlich und medizin-ethisch“, antwortet Buyx.
Ihre eigene Position: Zwischen Befruchtung und der frühen Entwicklungsphase, geschützt ab dem Moment, in dem die neuronale Entwicklung einsetzt. Doch wann genau dieser Moment ist, bleibt auch an diesem Abend offen. Buyx deutet das Spannungsfeld an – und zeigt damit die intellektuelle Redlichkeit, keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen zu geben.
Vorsorge als Verantwortung
Nach einem „harten Schnitt“, wie Cramer ankündigt, geht es um das Sterben. Heute, so Buyx, sei das Sterben in vielen Fällen eine bewusste Entscheidung – und damit auch eine ethische. „Wir dürfen diese Entscheidungen nicht allein der Medizin überlassen, sondern müssen selbst Vorsorge treffen.“
Das sei, betont sie, die zentrale Botschaft ihres Buches: sich auf das Sterben vorzubereiten. Denn Nachdenken über das Sterben sei immer auch Nachdenken über das Leben. Für Buyx ist das kein deprimierender Gedanke, sondern ein Akt der Selbstbefreiung. „Sich diesen fundamentalen Fragen zu stellen, hat etwas Sinnstiftendes“, sagt Patrick Cramer und schließt so den Bogen des Abends – vom ersten Atemzug bis zum letzten.
Ein Abend voller Klarheit und Mitgefühl
Was diesen Abend in der Paulinerkirche so besonders machte, war die Balance aus analytischer Schärfe und menschlicher Wärme. Buyx argumentiert mit Präzision, aber ohne Distanz. Sie lehrt, dass Ethik keine Theorie ist, sondern eine Haltung.
Ihr Buch „Leben & Sterben“ wird an diesem Abend nicht einfach vorgestellt – es wird erlebt. Zwischen Fachdebatte und existenzieller Reflexion entsteht ein Raum, in dem Zuhörerinnen und Zuhörer sich selbst befragen: Was würde ich tun? Wie möchte ich leben – und wie einmal sterben?
So endet der Literaturherbst mit einem stillen, aber nachhaltigen Höhepunkt: einem Abend, der nachhallt – im Denken, im Fühlen und vielleicht auch im Handeln.