© Manga von Keanu Demuth
  • Kulturbüro PLUS für Abonnent:innen
Information
Boat People Projekt

Zwischen Tanz, Mezzosopran und VR: Wenn künstliche Wesen Gefühle wecken

Information
»Wunschkind 4D« – Ein Musiktheaterprojekt im Werkraum
von Keanu Demuth, erschienen am 10. November 2025
Können wir Nähe empfinden zu einem virtuellen Wesen? Mit dieser brennenden Frage beschäftigt sich das neue VR-Musiktheaterprojekt »Wunschkind 4D« unter der Leitung von Nina und Reimar de la Chevallerie. Das genreübergreifende Theaterstück feierte am 8. November im Werkraum Premiere.

WUNSCHKIND 4DNeue Musik. Tanz. Augmented und Virtual RealityMusiktheaterprojekt mit Übertitelungen in Arabisch, Englisch, DeutschWas wäre, wenn wir ein Kind ausschließlich in einer virtuellen Welt großziehen könnten? Wenn Fürsorge, Nähe und Elternschaft nicht mehr an einen Körper gebunden wären? Wunschkind ist ein Musiktheaterprojekt, das Neue Musik, Tanz und Augmented/Virtuell Reality verbindet und einen Raum öffnet, in dem Hoffnung und Unbehagen, Sehnsucht und Befremden aufeinandertreffen.Die Inszenierung führt das Publikum in eine Welt, die unsere Gegenwart spiegelt und zugleich eine Zukunft behauptet - in der sich analoge und digitale Realitäten noch unmittelbarer begegnen - voller Reibung, Ambivalenz und neuer Möglichkeiten.Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit der Rolle von Künstlicher Intelligenz im sozialen Leben: Welche Chancen eröffnet sie – und was geht verloren, wenn Fürsorge und Vergänglichkeit verschwinden? Wunschkind  lädt dazu ein, diese Fragen nicht nur zu denken, sondern hautnah zu erleben.TeamKomposition: Bernd SchumannRegie/Konzept: Reimar de la ChevallerieDramaturgie/Texte: Eva Maria BaumeisterCoding: Fehime Seven, Norbert PapeCoding Mitarbeit/Technik: Paula KottwitzTanz/Choreographie (live): Noé Valdes VegaGesang (live): Chiara DucombleErzählstimme/Übersetzungen: Nora AminSprecher: Omar ShakerVioline: Henning VaterÖffentlichkeitsarbeit: Birte MüchlerGraphik-Design Poster: Ralph HormesProduktionsleitung/Vermittlung: Nina de la ChevallerieUnser herzlichster Dank gilt Nils König für die Leihgabe der Instrumente und Jule Imbusch für das digitale Kuchendesign:).In Kooperation mit: Spielfeld Gesellschaft#foto #dff

Virtual Reality trifft auf Musik und Tanz

Der Begriff »genreübergreifend« könnte kaum zutreffender sein: »Wunschkind 4D« vereint freitonale Klanglandschaften mit dem Live-Gesang der renommierten Mezzosopranistin Chiara Ducomble und dem expressiven Tanz des mexikanischen Performers Noé Valdes Vega. Der eigentliche Clou liegt jedoch im Einsatz einer VR-Brille, durch die das Publikum dem virtuellen Kind Kim begegnet – und so dessen sechsten Geburtstag auf eine ebenso intime wie surreale Weise miterlebt.

Empathie-Test im virtuellen Raum

Filme wie »Blade Runner« haben es vorgemacht: Wenn ein künstlich geschaffenes Wesen beinahe so menschlich wird wie der Mensch selbst, beginnen die Grenzen zu verschwimmen. Unweigerlich stellt sich die Frage, ob wir fähig sind, für ein solches Geschöpf echte Gefühle zu empfinden. Somit fordert »Wunschkind 4D« zu einem Empathie-Test auf.

Mithilfe der VR-Brille tauchen die Zuschauer:innen in eine unbekannte Welt ein und begegnen dem Geburtstagskind Kim. Durch Motion Capture wurden die Tanzbewegungen von Noé Valdes Vega auf seinen virtuellen Avatar sowie auf das Wunschkind übertragen – ein faszinierendes Zusammenspiel von Körper, Code und Bewegung.

Die Programmierer:innen Fehime Seven und Norbert Pape erschaffen einen ebenso immersiven wie lebendigen virtuellen Raum, der sich hinter internationalen Genregrößen keineswegs verstecken muss. Dabei werden Virtual und Augmented Reality kombiniert: Digitale Objekte und Figuren werden direkt in den physischen Raum projiziert, wodurch Realität und Illusion nahtlos ineinanderfließen. Plötzlich findet sich das Publikum an völlig neuen Orten wieder – etwa an einem warmen Strand oder inmitten eines Bungeesprungs aus luftiger Höhe. Über den Köpfen der Anwesenden nimmt wehender Wüstenstaub die Gestalt eines gigantischen Babys an – wie eine Vision im Planetarium, anmutig und beunruhigend zugleich. Die träumerische Atmosphäre wird hierbei noch verstärkt durch die sanfte Erzählstimme von Nora Amin.

Gelungenes Zusammenspiel zwischen Gesang und Tanz

Als Prolog, bevor die VR-Brillen aufgesetzt werden, darf das Publikum zunächst die geschmeidigen und graziösen Tanzfiguren von Noé Valdes Vega bestaunen, die das sehnsuchtsvolle Verlangen nach einem Kind verkörpern. Dies dient als sinnliche Einstimmung. Daraufhin erblicken die Zuschauer:innen durch die Linsen der VR-Brille einen leckeren, aber virtuellen Geburtstagskuchen und den hineintanzenden Kim, der sich dank des Motion Captures von Noé Valdes Vega wie ein verblüffend echter Junge bewegt. Kim ist der künstliche Wunschsohn von Vega – doch diese heile virtuelle Welt hält nicht lange an.

Denn schon bald setzt Chiara Ducomble mit ihrer kraftvollen Mezzosopranstimme ein und singt ein eigens für dieses Stück geschriebenes Libretto. In ihr verdichtet sich die kritische Haltung gegenüber der künstlichen Intelligenz und sie spricht das aus, was viele im Publikum empfinden. »Kann es atmen? Hat es einen Herzschlag?« fragt sie Vega skeptisch und demonstriert dabei eindrucksvoll ihre Koloraturfähigkeit, sodass der Boden des Werkraums bebt. Begleitet wird sie von dramatisch hohen und schrillen Violinklängen – einer Komposition von Bernd Schumann, eindringlich gespielt von Henning Vater.

Eintritt in neue Sphären

Eines der großen Highlights von »Wunschkind 4D« ist gewiss das Eintreten in neue Sphären. Vor den Augen der Zuschauer:innen schweben im weiteren Verlauf des Stücks farbige Monde im Raum, in die sie eintreten können. Plötzlich finden sich die Teilnehmenden in einem begehbaren Spielplatz oder einem futuristischen Korridor wieder, in dem sie Kims Alltag und Träume miterleben oder satirische Werbung für virtuelle Kinder sehen.

Fazit: Empathie-Test unbedingt machen!

Alle, die in beeindruckende immersive Welten eintauchen möchten, ein Faible für Opernmusik und Tanz-Performances haben und gerne austesten möchten, ob echte Gefühle für ein künstliches Kind möglich sind, sollten sich »Wunschkind 4D« nicht entgehen lassen. Das Stück vereint verschiedene Künste harmonisch und wird dabei zu einem Erlebnis, das gleichermaßen ästhetisch, emotional und experimentell ist – und unsere Empathie herausfordert.

Weitere Vorstellungen folgen am 14., 16., 21. und 22. November.

Keine Kommentare

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.