Eine schrecklich perfekte Familie – so scheint es zumindest. Alles wirkt vernünftig, geordnet und gut abgesichert. Man hat vorgesorgt, Risiken minimiert und die richtigen Werte festgelegt. Doch was nach außen nach Stabilität aussieht, entpuppt sich rasch als fragile Konstruktion, die nur funktioniert, solange niemand aus ihr herausfällt. Dieses brüchige Gleichgewicht greift die Inszenierung der Tragikomödie »Testosteron« von Rebekka Kricheldorf im Theater am OP (ThOP) auf und überträgt es in einer Mischung aus subtiler Komik, grotesker Zuspitzung und bitterem Ernst auf die Bühne.
Das perfekte Leben
Dr. Fabian Klemmer (Hannes Schneider) hat sich mit seinem Sohn Dr. Ingo Klemmer (Kieran Cuhls) und seiner zukünftigen Schwiegertochter Dr. Solveig Rieger (Laura Schrörs) das perfekte Leben aufgebaut. Zusammen leben sie im »Guten Viertel« vornehm privilegiert, denken aber stets auch an die weniger Glücklichen aus dem »Schlechten Viertel« und spenden großzügig an Bedürftige. Wäre da nicht das schwarze Schaf der Familie: der zweite Sohn Raul, der von klischeehafter Männlichkeit nur so strotzt und seinen Unterhalt durch Auftragsmorde verdient. Alles scheint unter Kontrolle, bis Silvana Bogdanovic (Luise Sackers), eine Frau, der sie durch ihre Spenden helfen wollten, auf der Flucht vor ihrem Zuhälter plötzlich vor ihrer Tür steht. Als dann auch noch Ingos Verlobte verschwindet, müssen sie sich auf Raul zurückbesinnen, damit das Familienleben wieder in eine geordnete Bahn gelenkt werden kann. Ob nach allem Geschehenen wieder Normalität einkehren kann, bleibt ungewiss.
Die Illusion von Sicherheit
Das Bühnenbild der Inszenierung von Lone Garleff lädt dabei direkt in das schwer zugängliche Wohnzimmer der Klemmers ein. Von außen durch Gräben, Security und Kameras bewacht, überzeugt es im Inneren mit schicker Sofagarnitur, Familienporträts und einem erhöhten »Thron« für den Patriarchen der Familie. Das Sicherheitsbewusstsein der Klemmers wird immer wieder durch die mehrfach abgesicherte Haustür in Szene gesetzt. Das Öffnen und Schließen nimmt spürbar Zeit in Anspruch und wird zum Running Gag des Abends. Wer vor der Tür steht, wird den Familienmitgliedern durch eine Überwachungskamera angezeigt, die auf den Fernseher des Wohnzimmers übertragen wird – ein Detail, das das Stück lebendig macht und immer wieder für Heiterkeit im Publikum sorgt.
Die Facetten von »Männlichkeit«
Dem Ensemble gelingt es darüber hinaus, die Brüchigkeit der scheinbar perfekten Familie auf zugleich humorvolle und nachdenkliche Weise sichtbar zu machen. Besonders die Gegensätze der zwei Brüder werden überzeugend herausgearbeitet. Kieran Cuhls gelingt es eindrücklich, in Chino, Hemd und geschwollener Sprache Ingo als kontrollierten, vorsichtigen Sohn zu porträtieren. Dabei ist er jedoch weder stark noch mutig und damit das Gegenteil des traditionellen Bildes von Männlichkeit. Dagegen entspricht Raul, authentisch gespielt von Lennart Kanitz, diesem klassischen »Ideal«: selbstbewusst, impulsiv und durchsetzungsstark. Beide merken jedoch, dass weder das eine noch das andere ausreicht, um ein glückliches Leben zu führen. Die Schauspieler schaffen es dabei, dass die Unterschiede nicht nur sichtbar, sondern auch humorvoll inszeniert werden.
Auch Hannes Schneider als Vater der Familie merkt im Verlauf des Stückes, dass er seiner Stellung als Familienoberhaupt überdrüssig wird und diese Autorität nicht weiter aufrechterhalten will.
Zwischen Komik und Ernst
Neben all der Komik und humoristisch zugespitzten Szenen können die Schauspieler:innen auch mühelos auf bitteren Ernst wechseln. Besonders stark ist hier Luise Sackers als Silvana Bogdanovic, die den Fängen der Prostitution entkommen und Tiermedizin studieren möchte. Dennoch kämpft sie weiterhin mit der ihr aufgebürdeten Rolle, der sie nicht entkommen kann. Verdeutlicht wird dies durch den immer wiederkehrenden Sprechchor der Figuren mit Floskeln wie »Im Zweifel ist immer die Gesellschaft schuld« oder »Im Zweifel ist immer eine schwere Kindheit schuld«, welcher die Festgefahrenheit der Gesellschaft unterschwellig kritisiert.
Eine Parabel mit unausweichlichem Ende
»Testosteron« zeigt auf der Bühne des ThOP eine gesellschaftliche Parabel über die Erwartungen an eine funktionierende Familie, an »Männlichkeit« und darüber, wie sehr starre und veraltete Rollenbilder die Figuren einengen. Das kreativ genutzte Bühnenbild mit Überwachungskamera und Hochsicherheitshaustür sorgt für viel Witz und Komik, wobei auch die schauspielerische Leistung diese Wirkung unterstreicht. Dabei wird der ernste Unterton nie vergessen und führt zu einem stimmigen Gesamtbild. Zurück bleibt der Gedanke, wie sehr Veränderung möglich ist, wenn die Gesellschaft bereits festgefahren scheint.