Wenn sich das Pärchen Janet und Brad in einem schaurig-bunten Schloss mit Strapsen tragenden Außerirdischen wiederfindet, ist der exzentrische Hausherr Frank nicht weit! Willkommen in der »The Rocky Horror Show« von Richard O’Brien – eine gruselige und zugleich pompöse Welt aus Glamrock, Science-Fiction und Revue! In der Inszenierung von Moritz Franz Beichl feierte das Kultmusical am 24. Januar im DT Premiere, und eroberte das Publikum im Sturm!
Glamouröse Songs und Tanzeinlagen
Eines vorweg: Die Musicaleinlagen in dieser DT-Fassung sind schlicht phänomenal. Die Tanzchoreografien und Gesangsparts bewegen sich durchweg auf hohem Niveau und werden äußerst unterhaltsam sowie sehenswert präsentiert. Besonders bei der glamourösen und längst kultigen Nummer »Time Warp« geht so richtig die Post ab: Fast das gesamte Ensemble vom Planeten Transsexual steht auf der Bühne und haucht dem amüsanten Partysong mit höchster Konzentration und einer großen Portion Leichtigkeit spürbar Leben ein. Auch Songs wie das Liebeslied »Dammit Janet« überzeugen – insbesondere in der Szene, in der Brad (Leonard Wilhelm) seiner Janet (Nathalie Thiede) einen stürmischen Heiratsantrag macht und Thiede mit ihrer kräftigen Stimme nachhaltig beeindruckt. Spätestens jedoch, wenn Moritz Schulze als Frank freizügig und zugleich erstaunlich graziös auf hohen Stöckelschuhen die Treppe hinabsteigt, ist eines klar: Man ist endgültig angekommen in der verrückt-pompösen Gruselwelt des exzentrischen Hausherrn.
Die Songeinlagen sind dabei nicht nur ein Genuss für Augen und Ohren, sondern treiben die Handlung mit spielerischer Unbeschwertheit voran und zeichnen zugleich ein schillerndes Bild von Franks Welt und seinen exzentrischen Transvestiten aus der Galaxie Transsilvanien. Die Live-Musik unter der Leitung von Michael Frei sorgt mit rockigen Gitarrenriffs, treibenden Rhythmen und pulsierenden Beats für den nötigen Drive und verleiht dem Abend durchweg Energie und Dynamik.
Raus aus der grauen Welt, rein ins bunte Vergnügen
Unter der Regie von Moritz Franz Beichl wird insbesondere das Thema der »radikalen Freiheit« klar herauskristallisiert, verkörpert durch Frank’n Furter und seine außerirdischen Gefährten in provokanten Lack-und-Leder-Kostümen. Das Stück lädt das Publikum dazu ein, für einen Abend die eigene wilde Seite zuzulassen. Auch auf der Bühne werden dabei zahlreiche Tabus lustvoll gebrochen – etwa in dem Moment, in dem Frank sowohl Janet als auch Brad leidenschaftlich küsst und beide verführt.
Einen maßgeblichen Anteil an dieser Wirkung hat das Bühnenbild von Valentina Pino Reyes, das die schillernd-ambivalente Welt der »Rocky Horror Show« eindrucksvoll zum Leben erweckt. Janet und Brad stammen aus einer grauen Welt, die durch eine stürmische, schicksalhafte Autofahrt im Go-Kart visualisiert wird: Die Bühne liegt im Dunkel und wird lediglich von aufleuchtenden Gewitterblitzen und grellem Licht durchbrochen. Dieser Eindruck wandelt sich schlagartig, sobald das Paar im pinken, beinahe märchenhaften Schloss Franks landet.
Gerade dieser Kontrast erzeugt den besonderen Grusel: Franks Welt wirkt nicht düster, sondern befremdlich hell und schrill – das exakte Gegenteil der grauen Normalität, aus der das vermeintlich brave Paar stammt. Die Farbwahl des Schlosses erweist sich dabei als besonders clever: Während es in der stürmischen Nacht durch grellblaues Licht von außen bräunlich und bedrohlich erscheint, ganz im Stil von Graf Draculas Schloss in Transsilvanien, offenbart sich im Inneren eine zuckersüße Szenerie aus Glasur und Zuckerwatte – ein ebenso unerwarteter wie wirkungsvoller Schock.
Aktive Beteiligung des Publikums
Das Kultmusical ist bekannt dafür, dass sich das Publikum am Geschehen aktiv beteiligt. Auch am Abend der Premiere waren die Zuschauer:innen richtig mit Elan dabei! Der Erzähler wird von lauten „boring“-Rufen aus dem Publikum unterbrochen, während es bei Feierlichkeiten wie der Geburt des muskulösen Geschöpfs Rocky Konfetti und Klopapierrollen aus den Reihen der Zuschauer:innen regnet.
Let’s do the Time Warp again! – Dieses Musikspektakel im DT ist weit mehr als eine nostalgische Hommage an das Kultmusical. Durch den schaurig-schönen Göttinger Cast hat diese Version ihren ganz eigenen Charme. Die Inszenierung von Moritz Franz Beichl verbindet mitreißende Live-Musik, starke choreografische Bilder und eine visuell klug durchdachte Bühnenwelt zu einem energiegeladenen Theaterabend, der sein Publikum konsequent mitnimmt. Zwischen Glamrock, Grusel und großer Lust am Tabubruch entfaltet sich eine Feier der radikalen Freiheit, die zum Mitmachen, Mitfeiern und Mitfühlen einlädt.