Ein Weihnachtskonzert Mitte Januar verlangt Haltung und ein schlüssiges Konzept. Das Vokalensemble i dodici stellte sich dieser Aufgabe mit einem dramaturgisch weit gespannten Programm und verband Chormusik aus fünf Jahrhunderten mit solistischen Cello-Intermezzi. In der Universitätskirche St. Nikolai entstand so ein Abend zwischen Sammlung, Vielfalt und stiller Konzentration.
Ein Weihnachtsprogramm am 16. Januar zu hören, ist zunächst ein Moment des Innehaltens. Der Kalender ist längst weitergezogen, doch i dodici entschied sich bewusst dafür, die Weihnachtszeit musikalisch nicht vorschnell zu verabschieden. Dieser Gedanke trug den Abend: Das Programm spannte einen chronologischen Bogen von der Adventszeit bis zu Mariä Lichtmess und machte hörbar, dass das Weihnachtsgeschehen weiter reicht als bis zum Jahreswechsel.
Die Universitätskirche St. Nikolai erwies sich dabei als ein Raum, der diese Weite unterstützt. Die gute Resonanz des Publikums verlieh dem Konzert eine konzentrierte, zugleich offene Atmosphäre. Der Klang konnte sich entfalten, verlangte aber auch Präzision und innere Ruhe.
Die Programmfolge führte durch mehrere Jahrhunderte Chormusik. Werke von Melchior Vulpius, Johann Eccard und Heinrich Schütz standen neben Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts, etwa von Hugo Distler, Jan Sandström und Tamsin Jones. Die Abfolge der Stücke orientierte sich am zeitlichen Verlauf der Weihnachtszeit und folgte auch musikalisch einer inneren Logik, die weniger auf Kontraste als auf Entwicklung setzte. Gerade im Übergang von der frühen Vokalmusik zur Moderne zeigte sich, wie unterschiedlich ähnliche Texte musikalisch gelesen werden können.
Auffällig war die Arbeit mit dem Raum. Die zwölf Sängerinnen und Sänger wechselten mehrfach ihre Aufstellung: zunächst aufgeteilt in zwei Gruppen in den Seitenschiffen, später in Quartetten, nach Stimmgruppen oder als geschlossener Capellchor. Diese Veränderungen schärften den Blick – und das Ohr – für den Ensembleklang und ließen immer wieder neue Perspektiven entstehen.
Einen besonderen Stellenwert nahmen die drei solistischen Cello-Beiträge von Judith Nayda ein. Zu hören waren ein Capriccio von Joseph Dall’Abaco, die Solosonate op. 134 von Sergej Prokofjew sowie der dritte Satz („Canzona“) aus der Suite Nr. 1 von Ernest Bloch. Nayda, die in Detmold Violoncello studierte und derzeit ihr Masterstudium an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf absolviert, gestaltete diese Werke mit großer Präsenz. Ihr Spiel verband technische Sicherheit mit einer klaren emotionalen Linie und einem spürbaren Sinn für den Charakter der jeweiligen Musik. Die Cello-Passagen wirkten nicht wie Einschübe, sondern wie eigenständige Kapitel des Abends – Ruhepunkte, die zugleich Spannung erzeugten.
Im vokalen Teil wurde ein Ensemble hörbar, das aus sehr guten Einzelstimmen besteht und hohe Ansprüche an sich selbst stellt. Besonders in den neueren Werken wirkte die Gestaltung differenziert und klanglich präsent. In der älteren Musik traten andere Anforderungen in den Vordergrund – etwa die Ausformung der Linien und die Gestaltung des Textes. Hier hätte man sich stellenweise noch etwas mehr Differenzierung vorstellen können, gerade im Zusammenspiel der Stimmen.
Gegen Ende des rund 90-minütigen A-cappella-Abends schien sich vereinzelt eine gewisse Ermüdung bemerkbar zu machen, was angesichts der Programmlänge und der hohen Konzentrationsanforderung nachvollziehbar ist. Umso wirkungsvoller geriet der Schluss: Als Zugabe erklang »Es ist ein Ros entsprungen« im vierstimmigen Satz von Michael Praetorius. In den Strophen zwei und drei sang das Publikum mit – ohne Notenvorlage, aber hörbar mehrstimmig. Dieser Moment gemeinsamer Klangbildung schloss den Abend leise und verbindlich.
So blieb ein Konzert, das weniger auf Effekte setzte als auf innere Geschlossenheit. Die Schönheit der Werke, die Qualität der Stimmen und die konsequente Dramaturgie prägten den Eindruck – ein Abend, der zeigte, wie tragfähig und vielschichtig das weihnachtliche Repertoire sein kann.