In »Zum Gleichgewicht« zeigt Ha Cha Youn in Göttingen Arbeiten, die mit einfachen Materialien auskommen – Plastiktüten, Flaschen, Schnüre – und gerade daraus eine stille Spannung entwickeln. Im Künstlerhaus und in der St. Johanniskirche entsteht eine konzentrierte Begegnung mit Installationen, Videoarbeiten und Performance-Fotografien, die lange nachwirkt. Besonders in der Johanniskirche zeigt sich, wie stark Raum und Kunst einander verstärken können. Am 8. Februar lädt ein Künstlergespräch zur Vertiefung ein.
Wer die Ausstellung »Zum Gleichgewicht« von Ha Cha Youn besucht, begegnet zunächst sehr einfachen Dingen: Plastikflaschen, Plastiktüten, Schnüre, Matten. Materialien, die man kennt und die normalerweise kaum Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Gerade deshalb entsteht schnell eine besondere Spannung – denn hier wirken sie nicht beiläufig oder beliebig, sondern sorgfältig gesetzt, beinahe behutsam behandelt.
Diese Wirkung stellte auch der Kunsthistoriker und Kurator Michael Stoeber in seiner Einführung heraus, als er vom „achtsamen und ästhetischen Umgang mit Alltagsmaterialien“ sprach. Tatsächlich lässt sich dieses Achtsame auch ohne kunsttheoretisches Vorwissen wahrnehmen. Die Installationen entfalten eine ruhige, zurückhaltende Präsenz. Man hat den Eindruck, dass jedes Element genau dort liegt, wo es liegen soll – nicht um etwas zu illustrieren, sondern um eine Situation herzustellen, in der man verweilen kann.
Besonders deutlich wird das bei den Installationen und Videoinstallationen, die im Weißen Saal des Künstlerhauses und im Altarraum der St. Johanniskirche zu sehen sind. Arbeiten wie »Return Home« oder »Navigation« erzeugen eine feine Balance zwischen Bewegung und Stillstand, zwischen Materialität und Bedeutung. Die verwendeten Gegenstände bleiben sichtbar das, was sie sind, und verweisen dennoch auf größere Zusammenhänge wie Migration, Orientierung oder Erinnerung – ohne diese Themen plakativ auszustellen.
Anders ist der Eindruck bei den großformatigen Fotografien, die frühe Performances aus den späten 1980er-Jahren dokumentieren. Obwohl sie wichtige Stationen im Werk der Künstlerin zeigen, stellt sich die zuvor empfundene Atmosphäre hier nicht immer unmittelbar ein. Die Assoziationen, die bei den Installationen fast von selbst entstehen, bleiben bei den Fotografien stärker an erklärende Kontexte gebunden.
Die Ausstellung setzt insgesamt auf Konzentration statt auf Fülle. Das ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung mit den einzelnen Arbeiten, lässt zugleich aber den Wunsch entstehen, noch mehr Installationen zu sehen – gerade weil diese besonders eindrücklich wirken. Hinzu kommt, dass überwiegend frühe Arbeiten gezeigt werden. Unweigerlich stellt sich die Frage, wie Ha Cha Youn heute arbeitet und welche Formen ihre Themen inzwischen angenommen haben. Ein Blick auf die umfangreiche Dokumentation ihres Werks zeigt eine kontinuierliche Weiterentwicklung und internationale Präsenz (vgl. hachayoun.com) – ein starkes Argument für eine weitere Ausstellung mit jüngeren Arbeiten.
Bemerkenswert ist zudem die Zusammenarbeit des Künstlerhauses Göttingen mit der St. Johanniskirche, die inzwischen Teil der neuen Kirchengemeinde Göttingen-Mitte ist. Die Ausstellung zeigt, wie gut das Kunst- und Kulturkonzept »Resonanzraum Kirche« als offener Rahmen für zeitgenössische Kunst funktioniert. Die Johanniskirche erweist sich nicht nur als architektonisch eindrucksvoller Ort, sondern als Raum, der den Arbeiten eine eigene Tiefe verleiht. Dass dies auch von Künstlerseite so wahrgenommen wird, zeigte sich am Eröffnungsabend: Der anwesende Künstler Liu Guangyun äußerte sich ausdrücklich begeistert über die Kirche als Ausstellungsraum.
»Zum Gleichgewicht« entfaltet seine Wirkung nicht durch Größe oder Vielfalt, sondern durch Konzentration. In der Verbindung von Künstlerhaus und St. Johanniskirche entsteht ein Dialog zwischen Kunst, Raum und Aufmerksamkeit, der zeigt, wie fruchtbar solche Kooperationen sein können. Die Ausstellung wirkt weniger wie ein Überblick als wie eine Einladung zum Innehalten – und gerade darin liegt ihre Stärke.
Service
Am 8. Februar findet um 15 Uhr in der St. Johanniskirche ein Künstlergespräch statt. Michael Stoeber spricht mit Ha Cha Youn sowie mit Liu Guangyun, dessen Ausstellung »original color« am 18. Januar im Künstlerhaus eröffnet wird.