»Nebenan« von Daniel Kehlmann
Zeitgenössisches Kammerspiel über Nachbarschaft, Macht und deutsche Bruchlinien

© Thomas Müller
Regie: Raphaela Möst
Daniel Kehlmanns »Nebenan« basiert auf dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 2021, dem Regiedebüt von Daniel Brühl, für das Kehlmann das Drehbuch schrieb. Die Bühnenfassung wurde 2022 am Wiener Burgtheater uraufgeführt und hat sich seither rasch im deutschsprachigen Theater etabliert. Das Stück verdichtet gesellschaftliche Spannungen zu einem psychologischen Kammerspiel, in dem persönliche und politische Ebenen untrennbar ineinandergreifen.
Im Zentrum steht die zufällige Begegnung zweier Männer in einer Berliner Eckkneipe. Der erfolgreiche Filmschauspieler Daniel trifft auf seinen Nachbarn Bruno, dessen scheinbar beiläufige Gesprächsangebote zunehmend in Grenzüberschreitungen münden. Besitzverhältnisse, biografische Brüche und Ost-West-Erfahrungen werden zu Waffen in einem Wortgefecht, das keine eindeutigen Sieger kennt. Kehlmann zeichnet dabei präzise das Bild einer Gesellschaft, in der Verdrängung, Schuld und Ungleichheit jederzeit eskalieren können.
Die Inszenierung am Deutschen Theater Göttingen entsteht unter der Regie von Raphaela Möst, die den Text als konzentriertes Machtspiel liest und auf klare Zuspitzung setzt. Ihre Arbeit verbindet genaue Figurenführung mit einem Rhythmus, der zwischen schwarzem Humor und unterschwelliger Bedrohung changiert. Bühne und Kostüme von Belén Montoliú schaffen einen reduzierten Raum, der den Fokus konsequent auf Sprache, Körperspannung und Machtverschiebungen legt.
»Nebenan« steht damit in einer Reihe erfolgreicher Inszenierungen des Stücks, ohne sich auf bloße Wiederholung zu beschränken. Die Göttinger Fassung betont die Ambivalenz der Figuren und macht sichtbar, wie schnell Alltagsgespräche in Abrechnungen umschlagen können – und wie wenig stabil die vermeintlichen Sicherheiten sind, auf denen sie beruhen.
Wenn das Gespräch zur Abrechnung wird: »Nebenan« überzeugt mit einer dichten Atmosphäre und viel Nervenkitzel. (...) Von Anfang bis Ende ziehen Moritz Schulze und Ronny Thalmeyer die Zuschauer:innen in ihren Bann, und man fragt sich ständig, für welche Person man nun eigentlich Sympathie empfinden soll. Ein fesselndes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem nie Langeweile aufkommt dank des gelungenen Pacings.Keanu Demuth, Kulturbüro 16.9.2025
KÜNSTLERISCHES TEAM
Regie: Raphaela Möst
Bühne: Belén Montoliú
Kostüme: Belén Montoliú
Video: Wiebke Schnapper
Musik: Michael Frei
Dramaturgie: Sonja Bachmann
BESETZUNG
Moritz Schulze
Ronny Thalmeyer
Stella Maria Köb
Nikolaus Kühn
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