Kammerkonzert in der Aula der Universität am Sonntag, dem 6. April 2025 um 19 Uhr: Das Publikum wartet gespannt auf das ensemble 4.1. Jörg Schneider (Oboe), Alexander Glücksmann (Klarinette), Fritz Pahlmann (Horn), Christoph Knitt (Fagott) und Thomas Hoppe (Klavier) nehmen auf der Bühne Platz und spielen das Quintett Es-Dur op.16 von Ludwig van Beethoven.
Seit fünf Jahren in Wien lebend, stellte Beethoven sein Werk als 27-Jähriger selbst vor. Er war bereits ein gefragter Pianist und wollte allen zeigen, dass er Mozart noch übertreffen konnte. Dieser hatte erstmalig ein Werk für diese besondere Quintett-Besetzung geschrieben. Die Geduld seiner Mitspieler stellte Beethoven auf die Probe, indem er vor der Wiederkehr des Themas freie Improvisationen einschob. Durch einen Triller signalisierte er, dass die Blasinstrumente wieder einsetzen sollten. Diese hatten ihre Instrumente bereits erhoben, als Beethoven seine Kadenz weiterführte und die Musiker ihre Instrumente verschämt wieder absetzen mussten.
Der gesamte Gestus des Werkes erinnert stark an Mozart. Beethoven nahm bekannte Melodien seines Vorgängers auf, zeigte aber auch sein Können durch einen komplexen Satz und die raffinierte Durchführung der Themen. Ausgelassen, ausgesprochen unterhaltend und abwechslungsreich sind die beiden Ecksätze des Quintetts komponiert. Bei dem „Andante cantabile“ in der Mitte tauchte das Publikum ein in eine Welt des Wohlgefühls, vergleichbar mit dem Eintauchen in warmes Badewasser. Das ensemble 4.1 spielte die Soli genüsslich aus und Fritz Pahlmann glänzte mit einem wunderbaren Hornsolo. Insgesamt spielte das Ensemble Beethovens Werk keineswegs brav, sondern erzeugte Spannung mit deutlichen und auch schroffen Akzenten. Thomas Hoppe am Klavier, der das Ensemble bestens zusammenhielt, steigerte den Ausdruck mit Hilfe eines großen Crescendo in ein überwältigendes Forte.
Die Struktur des Stückes war immer deutlich herauszuhören. Die Instrumentalisten konzertierten perfekt, indem sie sich die Themen deutlich erkennbar zuwarfen und beim Unisono zu einem perfekten Ensemble-Klang verschmolzen. Lebendiger und anregender hätte das Konzert nicht eröffnet werden können.
Mit dem selten gespielten Quintett a-moll op.3 von Gustav Holst wurde es nun dramatisch. Der englische Komponist wurde in Cheltenham geboren, in Göttingens Partnerstadt. Das Quintett für Klavier und Bläser komponierte er 1896 noch als Student mit 18/19 Jahren. Der Klarinettist Alexander Glücksmann wies in seiner Anmoderation auf die große Tiefe hin, die Gustav Holst schon im Teenageralter mit seiner Komposition erreichte. Tatsächlich ist sein bemerkenswertes Werk für vier Bläser und ein Klavier (daher die Abkürzung 4.1) sehr anspruchsvoll als dichter Satz mit vielen überraschenden Momenten komponiert. Es wirkt wie ein Drama, in dem immer wieder neue Figuren auftauchen und der Handlung eine überraschende Wendung geben. Die Handlung ist spannungsgeladen, im dritten Satz sogar etwas bedrohlich. Nach bewegtem und aufregendem Beginn klingt das Adagio dunkel aus. Gelöst folgt das abschließende Rondo, allerdings nicht ohne neue Fragen aufzuwerfen und so die Spannung aufrechtzuerhalten.
Dem Ensemble merkte man an, wie sehr es sich für dieses besondere, kaum gehörte Werk engagiert. Mit großer Spielfreude widmete sich das „Piano Windtet“ diesem Stück. Es kam auch beim Publikum besonders gut an. In der Pause hat wohl niemand bereut, den „Tatort“ verpasst zu haben, denn die gehörte Musik war mindestens ebenso spannungsgeladen.
Nach der Pause ging es weiter mit einer Komposition von Walter Gieseking (1895-1956). Dieser war zu seiner Zeit ein berühmter Klaviervirtuose, eine Ausnahmeerscheinung, der besonders mit Werken von Mozart, Debussy und Ravel Herausragendes geleistet hat. Er besuchte nie eine Schule und entwickelte zusammen mit seinem Lehrer Karl Leimer in Hannover eine besondere Klaviermethodik. Der Notentext sollte zunächst gründlich studiert werden, bis er ins Gedächtnis übergegangen war. Erst dann folgte die Übertragung auf das Instrument und das praktische Spiel. Sturer Drill durch endloses Etüdenspiel war verpönt.
Dass Walter Gieseking auch komponiert hat, ist kaum bekannt. Sein Werk ist auch nicht gerade umfangreich. Das Quintett für Klavier, Klarinette, Oboe, Horn und Fagott hat Gieseking aber 1926 anlässlich einer Tour durch die USA in Cincinnati selbst aufgeführt. Mit 24 Jahren hatte er es 1919 komponiert.
Im ersten Satz tauchte man mit einem sanften Oboensolo über perlender Klavierbegleitung in eine Naturszene ein. Im zweiten Satz trat besonders Sebastian Posch mit seinem Horn hervor. Die klanglichen Möglichkeiten seines Instruments schöpfte er voll aus. Der abschließende dritte Satz (Vivace molto scherzando) wurde von einem Musikkritiker mit einer Fuchsjagd („Debussy bei der Fuchsjagd“) verglichen. Dieser Vergleich drängte sich auch an diesem Abend auf. Der Satz begann mit schroffen Akzenten wie Ausrufezeichen: Die Jagd konnte beginnen! Unerwartete Pausen und Unterbrechungen signalisierten, dass Überraschendes passierte und ein Innehalten nötig war. Zum Schluss aber beschloss ein triumphaler „Heimritt“ das effektvolle Stück. Die fünf Instrumente klangen im bewegten Zusammenspiel wie ein großes Orchester. Das Publikum feierte das ensemble 4.1 mit lautem Applaus.
Als Zugabe gab es ein kurzes Stück des Schweizer Komponisten Hans Stähli, der in Coburg wirkte. Rundum zufrieden und um ein besonderes kulturelles Erlebnis bereichert, verließ man nach fast zwei Stunden die schöne Aula am Wilhelmsplatz.