Deutschmann hatte vier einschlägige Passagen aus Hape Kerkelings 2006 herausgekommenem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ ausgewählt, die die Musikerinnen zusammen mit ihrem Perkussionisten Torsten Müller musikalisch garnierten: vor allem themagerecht mit spanischer Musik des 14., 15. und 16. Jahrhunderts, dazu mit zwei Werken von Johann Sebastian Bach, die den Abend mit einer berührenden Ernsthaftigkeit umrahmten.
Kerkelings packendes Buch über seine Erfahrungen auf dem Jakobsweg im Jahr 2001, mehr als hundert Wochen lang auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher, ist zwar in der Tat eine Reisebeschreibung. Kerkelings Reise geht aber auch nach innen. Er unternimmt eine Suche nach seinem Glauben, erinnert sich an seine Jugendjahre in der katholischen Kirche, macht sich Gedanken über das Woher und Wohin, um Leben und Sterben. Natürlich sind seine Texte auch komisch – das kann man von einem Komiker ja auch erwarten. Doch geht Kerkeling vielerorts auf eine ganz selbstverständliche Weise in die Tiefe und berührt dabei existenzielle Fragen, ohne sie mit intellektuellem Ballast aufzuladen.
Bei seiner Textauswahl hat Deutschmann genau auf eine passende Abfolge unterhaltsamer Reiseerlebnisse und nachdenklicher Einschübe geachtet. Er ist ein glänzender Rezitator, liest die Texte ausgesprochen lebendig und spannungsreich, unterstreicht sie hier und da gestisch, sorgt für Abwechslung im Sprechtempo und in der Stimmhöhe und fesselt auf diese Weise die Zuhörerinnen und Zuhörer nachhaltig.
Man hörte ihm gebannt zu – und war ebenso fasziniert von den musikalischen Beiträgen, denen das Ensemble die mittelalterliche Estampie „Tre fontane“ einleitend voranstellte und dabei gleich seine feurige Virtuosität beweisen konnte. Die vier Musikerinnen des 1990 gegründeten Ensembles „Flautando“ – Susanna Borsch, Susanne Hochscheid, Kerstin de Witt und Ursula Thielen – haben ein reiches Arsenal unterschiedlichster Blockflöten vom Sopranino bis zur dreiteilig gekröpften Paetzold-Flöte, der größten Bassblockflöte der Welt. Sie sind perfekt aufeinander eingespielt, wieselflink in der Artikulation und nuancenreich im musikalischen Ausdruck. Perkussionist Torsten Müller war ihnen ein höchst aufmerksamer Partner, der den Gesang sehr farbig rhythmisch unterstrich und mal mit unterschiedlichen Schlaginstrumenten Akzente setzte, mal mit zartem Glockenspiel kleine Glanzlichter aufsteckte.
Das Ensemble kennt sich im Repertoire der Alten Musik bestens aus, wie die reiche Auswahl von Stücken der spanischen Komponisten Tomás Luis de Victoria, Juan Ponce und Diego Ortiz sowie zahlreichen weiteren anonym überlieferten Sätzen bewies. Dabei gab es nicht nur Instrumentalsätze, sondern auch viele Lieder, in denen Ursula Thelen die Blockflöte beiseitelegte und den Vokalpart sang, ganz schlicht und ohne professionellen Anspruch. Hier und da hätte sie ihren zarten Sopran vielleicht auch etwas weniger zurückhaltend einsetzen können. Besonders bewegend das erste Lied aus dem 14. Jahrhundert, das mit den Worten beginnt „Wer das Elend überwinden will, der mach sich auf und zieh dahin wohl auf Sankt Jacobs Straßen“, von Torsten Müller mit leisen, hohen Glockenspieltönen atmosphärisch bereichert.
Was diesen Abend auszeichnete, war die gelungene Verflechtung der dramaturgisch fein aufeinander abgestimmten Text- und Musikpassagen. Es war eine literarisch-musikalische Reise nach Santiago de Compostela, auf die Deutschmann und Flautando Köln ihr Publikum im Fagus-Werk mitnahmen. Am Ende schien es beinahe so, als sei man beim Gespräch Hape Kerkelings mit dem peruanischen Schamanen – der ihn mit seiner vorgeblichen Begeisterung nicht nur für Günter Grass und Michael Ende, sondern auch für Hitlers „Mein Kampf“ erfolgreich provoziert hatte – oder bei Kerkelings Begegnung mit der Pilgerin Anne aus England im Schlafsaal persönlich dabei gewesen. Am Ende, nach zwei sehr eindringlich musizierten Sätzen aus Bachs „Kunst der Fuge“, gab es reichen Beifall vom begeisterten Publikum und eine Zugabe.