Gilchrist eröffnete sein Programm mit zwei „Hermit Songs“ – Eremitenliedern – von Samuel Barber, denen mehr als tausend Jahre alte Dichtungen irischer Mönche zugrundeliegen. Der Lobpreis, den ein Mönch auf die Gefährtin seiner Einsamkeit gedichtet hat, auf eine Katze nämlich, ist ein wunderbar humorvoller, herzenswarmer Text, der Lobpreis Gottes im zweiten Lied bewegend innig. Gilchrist sang diese Lieder mit perfekter Artikulation und unglaublicher Intensität.
Das gilt noch verstärkt für das unbegleitete Lied von Julian Marshall (geboren 1954) nach dem Gedicht „Kunst“ der 1943 in Auschwitz ermordeten deutsch-jüdischen Dichterin Gertrud Kolmar. Faszinierend, wie die Wirkung des Textes durch die musikalische Gestaltung verstärkt wird, wie sich allein durch das zurückgenommene Tempo des Gesangs die Botschaft des Textes beim Zuhörer vertieft.
Drei weitere Lieder stammten von Huw Watkins, der zuvor seinen ausdrucksstarken, sehr natürlich fließenden Kompositionsstil an dem Klaviersolostück „Prayer“ demonstriert hatte. Den Liedern lagen anrührend poetische Gedichte des walisischen Dichters W. H. Auden (1907-1973) zugrunde, der unter anderem auch als Opernlibrettist für Britten, Strawinsky und Henze hervorgetreten ist. Die eher gefällige Machart der ersten beiden Lieder wurde kontrastiert durch das sehr kecke, textintensive dritte Lied „At last the secret is out“, das dem Sänger wie dem Pianisten extrem hohe Sprungkraft und Treffsicherheit abverlangt.
Gilchrist und Watkins beschlossen das Liedprogramm zusammen mit der Bratschistin Emma Wernig – deren weicher, voller Ton wie eine zusätzliche Singstimme fungierte – mit zwei hochexpressiven Hymnen von Ralph Vaughn Williams für Tenor, Bratsche und Klavier: „Come love, come Lord“ und „Evening Hymn“, zwei weiteren Belegen für die wunderbare englische Liedkunst des 20. Jahrhunderts, die in deutschen Konzertprogrammen nur selten vertreten ist. Genau um solche Bereiche kümmern sich die Fredener Musiktage dankenswerterweise immer wieder intensiv.
Mit Haydns „Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuze“ folgte in der Kirche St. Georg ein instrumentales Passionskonzert. Den Bibelworten hat Haydn jeweils einen langsamen Streichquartettsatz zugeordnet, eingeleitet durch eine Introduktion und enorm wirkungsvoll abgeschlossen mit dem Satz „Il terremoto“ (Das Erdbeben). Ursprünglich war dies eine Orchesterkomposition, später hat Haydn das Werk noch zu einem Oratorium umgearbeitet.
Doch die Fassung für Streichquartett dürfte wohl die intensivste Wirkung entfalten. James Gilchrist sang vor jedem Satz die Bibelworte unbegleitet, mit ähnlich tiefer Emotion wie zuvor in seinem Liederprogramm. Die Quartettsätze klangen trotz ihrer durchweg langsamen Tempi nicht etwa pathetisch oder gar sentimental, sondern auch dort, wo man den Ton einer Klage vernimmt, ganz licht und schwebend. Dafür sorgten die vier Streicher der camerata freden – Tim Crawford und Adrian Adlam (Violine), Emma Wernig (Viola) und Tim Posner (Violoncello) – mit vibratoarmem Spiel, bemerkenswert leichter Tongebung und eindringlicher Ausdruckstiefe. Die Leichtigkeit ihrer Bogenführung war der barocken Spielweise verwandt.
Musik, Architektur und Raumkunst wirkten in dieser Aufführung eng zusammen. Denn die spirituelle Tiefe der Komposition wurde bei der Platzierung des Quartetts in einem Altarraum stark intensiviert. Sanft über allen schwebend, rundete der hölzerne Taufengel diesen Eindruck ab. Dass Bratscherin Emma Wernig beim Betreten des Altarraums eine kleine schmerzhafte Begegnung mit dem Fuß des Taufengels gehabt hatte, wird sie bald vergessen haben. Das Publikum in der voll besetzten Kirche klatschte lautstark und ausdauernd.