Einen ganz besonderen Schlusspunkt haben die 33. Internationalen Fredener Musiktage am Dienstag gesetzt: Im Ballsaal des Hotels Steinhoff gab es drei Märchenfilme mit musikalischer Live-Begleitung vom „Orchester im Treppenhaus“. Zu sehen war zwei Scherenschnitt-Animationsfilme von Lotte Reiniger, „Aschenputtel“ und „Jack und die Bohnenranke“, dazu den Schattentheater-Film „Frau Holle“, den Grundschüler aus Sarstedt erarbeitet haben.
„Aschenputtel“ gehört zu den frühen Filmen von Lotte Reiniger aus den 1920er-Jahren in Schwarzweiß. Besonders bemerkenswert ist ihr Spiel mit den Formaten: Szenen in der Küche etwa, wo Aschenputtel die guten und schlechten Linsen sortieren soll, spielen in einem Mini-Oval, dafür füllt der Tanz auf dem Schloss des Prinzen fast das ganze Bildformat aus. Wunderschön, wie sich das schlichte Mädchen aus der Küche mit dem von der Mutter herbeigezauberten Kleid zu einer strahlenden Schönheit verwandelt, umflattert von hauchfein geschnittenen ornamentalen Bändern. Man staunt, mit welch sprühender Fantasie die Scherenkünstlerin die Hässlichkeit der Stiefmutter und ihrer Töchter in Figuren umsetzt, wobei sie deren Augen etwas Krötenhaftes verleiht.
In „Jack und die Bohnenranke“ (1955) hat Reiniger die Möglichkeiten des Farbfilms genutzt: Die Hintergründe, vor denen sich die animierten Figuren bewegen, sind durchweg farbig, aber nicht so bonbonkitschig wie in manchen Disneyfilmen, sondern unsentimental kräftig. Man kann sich an dem lebendigen Schweinchen freuen, das man fast schon grunzen zu hören meint, an der liebevollen Bewohnerin des Wolkenschlosses, die Jack vor ihrem Mann, einem gewalttätigen Riesen, versteckt. Doch Jack, nicht faul, nimmt den Kampf mit ihm auf und kann ihm das Huhn stiebitzen, das goldene Eier legt. Weil Jack zwar schwächer, aber viel flinker ist als der Riese, gewinnt er am Ende die Verfolgungsjagd. Der Riese stürzt ab, Jacks Mutter hat nun keine Geldsorgen mehr.
Zu diesen Filmen hat der in Heidelberg lebende Komponist Jan Wilke (Jahrgang 1980) eine feine Musik komponiert, die dramaturgisch genau auf die Szenenfolgen zugeschnitten ist. Sie kommt mit acht Musikern aus: einem Streichquartett, dazu Flöte und Klarinette, Klavier und Percussion. Dirigent Thomas Posth koordiniert perfekt Leinwand und Partitur, die Musiker des „Orchesters im Treppenhaus“ – benannt nach ihrem früheren Auftrittsort in Hannover, dem Treppenhaus der Cumberlandschen Galerie – spielen farbig, sorgen für stimmige Atmosphäre.
Von den Lotte-Reiniger-Filmen umrahmt war die Novität, der Schattentheater-Film „Frau Holle“. Den hatten Schülerinnen und -schüler der Grundschule Kastanienhof und der Regenbogenschule Sarstedt während der Sommerferien entwickelt, betreut von Finja Schlake, Katja Jacobs und Andreas Baumgarten. Keine ganz leichte Aufgabe, denn Märchenmotive lassen sich nicht immer realistisch darstellen. Den Sprung in einen Brunnen etwa hatten sie stilisiert, indem ein Finger um die springende Figur wässerige Kreise malte. Die Dekorationen hatten die Kinder selbst gezeichnet, und man braucht auch nicht unbedingt Federbetten auszuschütteln, damit es auf der Welt schneit: Da reicht ein Taschentuch, umgeben von lauter kleinen Bleistiftkreuzen, die eindeutig Schneeflocken sind. Eine zeitgemäße gute Idee: In ihrer Fassung hat das Märchen ein Happy End, die Mutter und ihre fleißige und ihre faule Tochter tanzen zum Schluss versöhnt miteinander.
Das war die zweite Aufführung des Films an diesem Tag: Vormittags hatte der Streifen seine Premiere in der Pausenhalle der Regenbogenschule in Sarstedt vor gut 200 Schülerinnen und Schülern, die, sanft gesteuert von Schulleiterin Marion Heuer, die Aufführung konzentriert verfolgten und die Darstellerinnen aus ihrer Schule lebhaft beklatschten: Frida Jacobsen (8) als Pechmarie, Lara Azarhin (9) als Frau Holle und Evelyn Becker (8) als Mutter. Toll, wie viel kindliche Kreativität die Theaterpädagogen hier haben wecken können.
Die Live-Musikbegleitung zu „Frau Holle“ hatten sich die Musikerinnen und Musiker des Orchesters im Treppenhaus improvisierend erarbeitet und dabei, zum Teil mit bekannten Themen, die Aussage des Märchenfilms unaufdringlich akzentuiert. Dabei bewiesen sie – wie schon in der Musik zu den Reiniger-Filmen – große Einfühlsamkeit und Sinn für differenzierte Klangfarben. Die Sarstedter Schülerinnen und Schüler waren ebenso wie das Fredener Publikum von der Aufführung hellauf begeistert.