Der merkwürdige Titel dieser Messe heißt, umgekehrt gelesen, Jerusalem, die Stadt also, die als spirituelles Zentrum der Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam gilt. Das 90-minütige Werk basiert zum einen auf der „Missa Papae Marcelli“ von Giovanni Pierluigi da Palestrina, zum anderen auf Neukompositionen von Maximilian Guth, Ehsan Ebrahimi sowie von traditioneller Musik aus dem Islam, neu interpretiert von Abdulramin Aljouja und Justus Czaske. Ja es gibt sogar einen kleinen Ausflug in die Musik der russisch-orthodoxen Kirche.
Dem Asambura-Ensemble, das sich 2013 in Hannover zusammengefunden hat, gehören derzeit vor allem Musikerinnen und Musiker mit Instrumenten aus Europa und Asien an. Ihr Hauptanliegen ist der Dialog europäischer Musik mit außereuropäischen Musikkulturen. Die Missa Melasurej, die erstmals 2019 in Peine erklang, gehört zu den meistaufgeführten Projekten dieses Ensembles, das dafür mit unterschiedlichen Vokalensembles zusammengearbeitet hat. Die Gruppe „polyLens vokal“, in Alfeld mit sieben Vokalisten vertreten, ist in Frankfurt beheimatet und hat 2024 mit Asambura ein interreligiöses Requiem über Ewigkeit auf Grundlage des Brahms-Requiems herausgebracht.
Die Missa Melasurej beginnt und endet mit geflüsterten Friedensgebeten, aus denen sich Instrumentalklänge erheben, die orientalisch anmuten, gespielt auf einer Marimba, einem Santur – einer Art Hackbrett, das vom Iran über Kaschmir bis nach Indien verbreitet ist –, einer Querflöte in tiefer Lage, einem Englischhorn und einer Kamancheh. Die gehört zur Geigenfamilie, ist zu Hause im Iran, Aserbaidschan und zentralasiatischen Regionen. Sie besitzt einen runden Resonanzkörper, wird auf einem Metallstachel aufgestellt und daher auch Stachelgeige genannt.
Hinter diesen Tönen vernimmt man bald ein deutliches Wort, nämlich „Kyrie“: damit geht die Musik über in das Kyrie der Palestrina-Messe. Die Klänge fließen ineinander, was nicht nur am Hall im Kirchenschiff liegt, sondern auch an der Machart der Missa Melasurej, in der musikalisch alles ineinander verwoben ist, wo Instrumente den Gesangston gleichsam fortsetzen und in neue musikalische Richtungen führen, in das jüdische Kaddish-Gebet etwa, in vertonte iranische Gedichte oder traditionelle islamische Melodien aus Syrien.
Auf weite Strecken ist das Zeitmaß auffallend ruhig, Klänge werden lang ausgehalten, verschwimmen, wechseln ihre Farben, etwa durch das Hinzutreten von Bassklarinetten, durch ein Cellosolo oder durch fremdartige ätherische Töne, die entstehen, wenn man die Klangplatten der Marimba mit einem Bogen streicht. Ein strukturierender Grundrhythmus fehlt meistens, Dirigent Joss Reinicke gibt das Zeitmaß vor, nicht einen Takt. Nur wenige Passagen fallen aus dem breiten musikalischen Strom heraus, in denen tatsächlich etwas Tanzartiges anklingt.
Die Palestrina-Sätze, vom Ensemble polyLens sehr professionell, ausdrucksstark und mit großer Intonationssicherheit gestaltet, wirken wie ein Stück musikalischer Heimat im fremden Land. Die fremdartigen Klänge – nicht nur die der orientalischen Instrumente, sondern auch der persische Sologesang mit dem virtuos artikulierenden Hossein Arabzadeh – sind faszinierend, auch wenn man die Texte (die im Programmheft nicht durchweg übersetzt waren) nicht versteht.
Doch klaffen in diesem Projekt Anspruch und Wirklichkeit auseinander: Das musikalisch heraufbeschworene friedliche Miteinander dreier Religionen, die im wirklichen Leben nur ausnahmsweise miteinander harmonieren, dürfte auch nach weiteren Aufführungen der Missa Melasurej kaum merkbare Fortschritte machen.
Das wurde auch im anschließenden Podiumsgespräch, klug moderiert von der islamischen Theologin Hamideh Mohagheghi, deutlich. Auf ihre Frage, ob denn Musik die Wirkkraft besitze, die Welt endlich zum Frieden zu führen, antworteten Mitglieder des Asambura-Ensembles mit einem klaren Nein. Was Festivalintendant Utz Köster ein Stück relativierte: „Wenn man Musik mag, kann man nicht gewaltsam sein.“ Dem schloss sich konkretisierend Janis Berzins von der Hildesheimer St.-Andreas-Gemeinde an: „Wenn man miteinander Musik macht oder betet, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass man sich die Köpfe einschlägt.“