Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang! Ein Zitat, das in Amanda Lee Koes Roman “Die letzten Strahlen eines Sterns” von großer Bedeutung ist. Es ist eine Anspielung auf das kurze Leben der drei Hauptfiguren des Romans: Die Film-Ikone Marlene Dietrich. Die erste berühmte chinesisch-amerikanische Schauspielerin Anna May Wong, und die Regisseurin Leni Riefenstahl, die einerseits als „innovative Filmemacherin” gelobt wurde, und andererseits wegen ihrer Werke für die NS-Propaganda in harsche Kritik geriet.
Die drei Schauspielerinnen Christine Prayon, Dana Golombek von Senden, und Astrid Kohrs haben den drei Film-Ikonen in ihrer Lesung neues Leben eingehaucht. Sie deuteten erneut auf die Vergänglichkeit des Lebens und die Bedeutung der Kunst hin, die lange über den Tod hinaus fortbesteht. Die szenische Lesung “Die letzten Strahlen eines Sterns” nach dem Roman von Amanda Lee Koe fand am 09. August im Alten Rathaus statt als Teil des Göttinger Kultursommers.
“Schauspielerische” Lesung
Während Dana Golombek von Senden und Christine Prayon Marlene Dietrich und Anna May Wong lasen und verkörperten, wurde Astrid Kohrs zu Leni Riefenstahl. Durch das besonders lebhafte Vorlesen und die anschaulichen Kostüme wurde der Abend weit mehr als nur eine reine Vorlesung: Es wurde zu einer “schauspielerischen” Lesung, zu einem Live-Hörspiel! Durch ihre exzentrische Vortragsweise und divenhaften Gestiken verhandelten sich die Darstellerinnen vor den Augen der Zuschauer:innen in die drei Film-Ikonen und rissen das Publikum in ihren Bann. Offen und schonungslos konfrontierten sich die Frauen im Verlauf des Stücks gegenseitig, und das anfängliche Lachen schlug rasch in Nachdenklichkeit um.
Drei Damen, drei Perspektiven
Marlene Dietrich, Anna May Wong und Leni Riefenstahl werden zur selben Zeit Leitfiguren in der männerdominierten Filmindustrie. Auf einer Soiree in Berlin im Jahr 1928 treffen die drei Diven ein einziges Mal aufeinander. Das Zusammentreffen wird von den drei exzentrischen Damen rückblickend unterschiedlich dargestellt, auf ihre ganz persönliche Weise. Trotz ihrer Unterschiede haben die drei Frauen aber eines gemeinsam: Sie setzten sich in einer von Männern dominierten Domäne durch und prägten die Filmwelt. Denn alle drei waren Kämpferinnen und die vielleicht schillerndsten Persönlichkeiten zu ihrer Zeit!
Durch feinfühlige Dialoge und wechselnde Perspektiven entstand ein facettenreiches Bild vom Erfolg, seinem mühsamen Weg, und auch seinen Schattenseiten. Durch ihre sehr authentische und mitfühlende Vortragsweise sorgten die Schauspielerinnen dafür, dass die Zuschauer:innen die Ängste der drei Filmikonen miterlebten: Die Angst vor der Einsamkeit und der Vergänglichkeit des Ruhms, den Rückzug in den Alkohol sowie die Sorge um den körperlichen Verfall.
Nachdenkliche Unterhaltung mit Tiefgang
Schließlich blieben bei den Zuschauer:innen viele Fragen hängen: Kann ein Werk, das im Dienst politischer Zwecke steht, überhaupt frei von politischer Aussage bleiben? Wie definiert sich moralisches Handeln inmitten von Krieg und Zerstörung? Und wie mächtig ist Kunst in diesen Zeiten der Umbrüche und Kriege?
Exzentrisch, roh und extravagant . “Die letzten Strahlen eines Sterns” war eine sehr lebhafte Lesung, die die Zuschauer nicht nur sehr gut unterhielt, sondern auch nachdenklich und bewegt in den Abend entließ.