Nachdem ich Ihnen nun in drei Folgen die Geschichte der Orgeln AUS Göttingen erzählt haben, beginnen wir heute mit der Vorstellung der ersten Orgel IN Göttingen. Und das möchte ich natürlich mit „meiner“ Orgel, an der ich seit 2006 regelmäßig die Gottesdienste gestalten darf, tun. Auch wenn ich Sie dafür, nach all den Namen in den letzten Folgen, schon wieder mit einem neuen Orgelbauer bekannt machen darf. Aber alles der Reihe nach.
Die Martinskirche in Geismar ist einer der ungewöhnlicheren Sakralbauten der Stadt. Der 1743 geweihte Barockbau ist mit seinem kreuzförmigen Grundriss eine wirkliche Gemeindekirche, in der sich die Gottesdienstgemeinde in die Augen sehen kann und die Pastorin oder den Pastor in ihrer Mitte hat. Die großen Emporen erlauben immerhin um die 500 Personen in der recht klein wirkenden Dorfkirche Platz zu nehmen. In Anspruch genommen wird das freilich heute nur noch an Heiligabend, wenn man mit den Engeln des Krippenspiels auch die einzigen Nutzer der Kanzel des großen barocken Kanzelaltars bewundern kann.
Ihm gegenüber finden wir im westlichen Kreuzarm die Orgel. Der geneigte Kunsthistoriker wird sofort Stilbrüche im Prospekt, also der Schauseite, finden: Das mit barocken Gesimsen eine Wellenform bildende Gehäuse ist in seiner Form typisch barock, über den Pfeifen finden sich aber Verzierungen mit neugotischen Spitzbögen. Die Orgelgeschichte von St. Martin ist nicht lang, aber anhand dieser stilistischen Heterogenität optisch genau nachzuvollziehen
Im Jahr 1743 hatten die Geismaraner endlich ihre neue Kirche, aber noch keine Orgel und vor allem viele Schulden bei den Patronen, den Grafen von Hardenberg – die übrigens auch für die für eine Kirche doch ungewöhnliche Bekrönung des Hauptportals durch zwei sandsteinerne Wildschweinköpfe verantwortlich zeichnen. Erst 1776 kam durch die Vergütung, die die Gemeinde für die Beherbergung eines durchziehenden hessischen Regiments auf dem Weg nach Amerika erhielt, wieder Geld in die Kasse, dass in der Folge als Grundstock für die neue Orgel verwendet wurde.
Die erste Geismarer Orgel wurde dann 1777 durch den Duderstädter Orgelbauer Johann Michael Kahlert errichtet. Das Geld reichte nur für ein kleineres Instrument mit einem Manual (Klaviatur für die Hände) und Pedal (Klaviatur für die Füße). Kahlert baute dabei das Hauptwerk, das vom Manual angespielt wird, in die Mitte des Gehäuses, das Pedalwerk stellte er dahinter auf. Die Pfeifenflächen rechts und links des Hauptwerks blieben frei, vermutlich um Platz zu haben, die Orgel irgendwann auf zwei Manuale zu erweitern – wobei das nicht ganz richtig formuliert ist, denn die zweite Klaviatur wurde gleich schon mit eingebaut. Getreu dem Motto „entweder gleich richtig oder gar nicht“ blieb es natürlich bei der Absichtserklärung zur Erweiterung und somit bei 14 Registern (also 14 sich durch Pfeifenform und Tonlage unterscheidende Klangfarben), die sich auf zehn im Manual und vier im Pedal verteilten.
Im Jahr 1845 wurde der Orgelbauer August von Werder aus Elliehausen um einen Kostenvoranschlag zur Reparatur und Optimierung des Instruments gebeten, aber dieses Vorhaben scheiterte wieder am Geld.
Am Geismarer Pfarrhaus prangt eine der vielen Göttinger Namenstafeln: Philipp Sander, der Geismarer „Dorfheilige“. Er bekleidete nicht nur 40 Jahre die Pastorenstelle, wirkte viele gute Taten im Dorf und verkehrte mit den Brüdern Grimm, sondern er initiierte auch, nun erfolgreich, den Neubau der Orgel. Dazu brachte er einen guten Bekannten aus seinem Heimatort Elze ins Spiel, den Orgelbauer Philipp Furtwängler – Ein Name, der in Göttingen nicht nur dadurch bekannt ist, dass eine gleichnamige und entfernt verwandte Tatortkomissarin seit kurzem ihr Büro in der alten SUB hat, sondern auch, weil seine Nachfahren später die schon angesprochene Göttinger Orgelbaufirma Giesecke besaßen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Furtwängler stamme aus Gütenbach im Schwarzwald und war – wie sollte es bei der Herkunft anders sein – gelernter Uhrmacher. Um 1830 zog er nach Elze, wo er fortan neben Kirchturm- und Bahnhofsuhren auch mechanische Instrumente und Kirchenorgeln baute – letztere als Autodidakt. Als Pastor Sander ihn 1858 kontaktierte, war er aber im Königreich Hannover längst etabliert und hatte gerade große Orgeln in Gronau (Leine) und Buxtehude im Bau oder in Planung. Im Süden aber war er noch nicht so groß im Geschäft, weswegen er Philipp Sander sicherlich dankbar war für die Tür, die er ihm öffnete.

Die Aufgabe, die er, genauso wie der örtliche Konkurrent Carl Giesecke, gestellt bekam, war aber keine leichte. Das Geld war immer noch knapp, sodass der Kirchenvorstand die Kosten bei 800 Reichstalern deckelte. Während Giesecke einen Kostenvoranschlag für ein Instrument mit nur neun Registern auf zwei Manualen und Pedal sowie stummen Prospektpfeifen (die sichtbaren Pfeifen sind dabei nur Attrappen, wodurch man teures Zinn sparen kann) unterbreitete, plante Furtwängler die Übernahme von einigen Bauteilen der alten Kahlert-Orgel ein: Gehäuse, Bälge und das Pfeifenmaterial. Da damals von geheimen Ausschreibungen noch keine Rede war, kannten die Konkurrenten die gegenseitigen Angebote, und es ist durchaus unterhaltsam in den Akten zu lesen, wie sich zum Beispiel Giesecke darüber beklagt, mit dem Autodidakten Furtwängler in eine Reihe gestellt zu werden, während dieser Gieseckes Entwurf für die Orgel „erbärmlich“ nennt und den Stummen Prospekt mit einem Holzbild vergleicht, das man ja auch nicht vor einen Pastor stellen würde, wenn er predigt – Furtwängler war nicht nur erfolgreicher Orgelbauer, sondern auch sprachlich bewandert und argumentationsfreudig.
Nun, im Ergebnis entschied sich der Kirchenvorstand für das Angebot Furtwänglers für eine Orgel mit 18 Registern auf zwei Manualen und Pedal, wobei am Ende sogar noch vier weitere Register kostenlos hinzugefügt wurden. Nachdem das Instrument mit der Bahn von Elze angeliefert und durch Philipps Söhne Wilhelm und Pius Furtwängler aufgebaut worden war, fand im Herbst 1861 die Abnahme durch den Göttinger Jacobiorganisten Streitwolf statt, der in seinem Gutachten den Erbauer attestierte „mit den jetzt lebenden ersten Orgelbauern Deutschlands in eine Reihe zu stellen“ sei. Furtwängler wird, trotz der Wiederverwendung der alten Orgel und der Begrenzung des Tonumfangs der Klaviaturen (was Pfeifen spart), mit diesem Auftrag nicht viel verdient haben. Die Geismarer Gemeinde hatte aber fortan eine prächtige Orgel, die für den gar nicht so großen Kirchenraum üppig bemessen ist und unter allen Dorforgeln der Umgebung deutlich hervorsticht – von einer Eingemeindung nach Göttingen war damals ja noch keine Rede.
So wurde die Orgel von den Geismaraner Organisten und Schulmeistern fleißig genutzt, wovon nicht zuletzt ein Karton mit handschriftlichen Orgelnoten aus dem 19. Jahrhundert zeugt, den ich zu Beginn meiner Organistentätigkeit in der Orgel fand. Aber, Sie erinnern sich an Folge 2 des Prologs, im 20. Jahrhundert beginnt im nicht fernen Göttingen die Orgelbewegung. Die Geismarer Orgel – trotz eigentlich sehr klassischer Anlage doch ein romantisches Instrument – wurde „out“, und so kam pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag der damalige Jacobikantor und Orgelsachverständige Hans Jendis mit einem Gutachten hervor, das die Orgel als zwar im Kern als gut, aber mit sichtbaren Tendenzen hin zur romantischen „Fabrikorgel“ beschreibt. Deshalb sollten allerlei Änderungen an der Disposition, also der Zusammenstellung der Register, gemacht werden, die das Konzept deutlich zu einer in der Orgelbewegung bevorzugten Barockorgel verändert hätten. Doch, wie schon 100 Jahre zuvor, passierte erstmal nichts, denn zuerst musste die Kirche saniert werden. Als 1968 das Thema wieder auf den Tisch kam, nahm die Geschichte eine im Nachhinein glückliche Wendung. Der überregional tätige Orgelsachverständige Helmut Winter aus Hamburg schaltete sich in die Diskussion um die Renovierung der Orgel ein. Winter hatte die strenge Ideologie der Orgelbewegung bereits überwunden und kritisierte zunehmend die das historische Material oft stark entstellenden „Restaurierungen“ dieser Generation. Und so war fortan in den Gutachten und Kostenvoranschlägen keine Rede mehr von einer Veränderung der Orgel im Sinne der Orgelbewegung, sondern sie wurde stattdessen als damals älteste Orgel im Göttinger Stadtgebiet unter Denkmalschutz gestellt. Die von Paul Ott durchgeführte Restaurierung war dann, bis auf ein paar Dinge, die man unter „sie wussten es halt nicht besser“ verbuchen kann, so gestaltet, dass das Instrument mit allen Pfeifen original erhalten blieb. Und das durch Ott auf noch verfügbarem Platz ergänzte Trompetenregister war letzten Endes auch ein Gewinn.

Als ich 2006 meine halbe Organistenstelle an St. Martin antrat, waren die Vorbereitungen für eine erneute Restaurierung schon in vollem Gange. Ein paar der 1970 verwendeten Materialien und Techniken hatten sich als weniger haltbar und sinnvoll herausgestellt als gedacht. Dreck war nicht nur in der Orgel, sondern auch in den Pfeifen, sodass sie teilweise nicht mehr richtig klingen konnten, und auch die Mechanik bedurfte einer Überarbeitung. So kam es, dass unter drei Orgelbauern die Firma Bente aus Helsinghausen (Kreis Stadthagen) für diese Aufgabe ausgewählt wurde – mit der interessanten Parallele, dass, wie Furtwängler, auch Jörg Bente versuchte, in Südniedersachsen bekannt zu werden. Und die Mitarbeiter erledigten diesen Auftrag so gut und leidenschaftlich, wie einst Philipp Furtwängler, sodass wir nun eine wieder fantastisch klingende „alte Dame“ in der Martinskirche haben, die nicht nur von Zeit zu Zeit von orgelinteressierten Gästen besucht, sondern auch von der Gemeinde und vor allem uns Organistinnen und Organisten geschätzt und geliebt wird.
Und weil ich schon im Studium gelernt habe, dass man es zu etwas gebracht hat, wenn man sich in Aufsätzen selbst zitiert, verlinke ich Ihnen an dieser Stelle unsere 2008 zur Wiedereinweihung der Orgel entstandene Festschrift.
Die Disposition:
Hauptwerk C, D - c´´´
Bordun 16´
Prinzipal 8´ Prospekt neu, Innenpfeifen original
Spitzflöte 8´
Rohrflöte 8´
Octav 4´
Rohrflöte 4´
Quinte 2 2/3´
Octav 2´
Terz 1 3/5´
Mixtur 3f.
Trompete 8´ Ott
Hinterwerk C, D – c´´´
Geigenprincipal 8´
Dolceflöte 8´
Lieblich Gedackt 8´
Salicional 8´
Octav 4´
Gedactflöte 4´
Waldflöte 2´
Rauschpfeife 2f.
Pedal C – c´
Subbass 16´ Holz
Octavbass 8´ Holz
Octavbass 4´ teilweise Prospekt neu
Posaune 16´
Ungewöhnlich ist für eine Orgel aus dieser Zeit vor allem das groß ausgebaute Hinterwerk. Normalerweise sind diese Werke in romantischen Orgeln, auch in den frühen Werken Furtwänglers, ausschließlich als „liturgische Klaviere“ mit vielen Registern in 8'-Lage (sprich „acht Fuß, was die Länge der tiefsten Pfeife angibt) konzipiert. In Geismar finden wir dagegen ein eigenständiges Werk bis zur sogenannten Klangkrone, der „Rauschpreife“ ausgebaut. Das mächtige Fundament bildet die Posaune 16' im Pedalwerk, die durch Jörg Bente von einem ungezügelten Schiffshorn zu einer kräftigen, aber mischungsfähigen Basis wurde.
In den folgenden Klangbeispielen hoffe ich, Ihnen die Orgel ein wenig näher bringen zu können. Bitte beachten Sie, dass ich ein „Liebhaber“ bin. Zudem musste ich feststellen, dass Improvisationen aufzunehmen, Nachteile hat: Die sonntägliche Gemeinde toleriert und überhört Unsauberkeiten, das Mikrophon konserviert sie.
Hörbeispiel 1:
Zuerst Geigenprinzipal 8' Hinterwerk, dann Prinzipal 8' Hauptwerk
Hörbeispiel 2:
Rohrflöte 4' im Hauptwerk und Gedactflöte 4' im Hinterwerk im Dialog
Hörbeispiel 4:
Plenum im Hauptwerk (alle Prinzipal- und Oktavregister und Mixtur) und Hinterwerk, dort ohne Mixture
Hörbeispiel 5:
Hauptwerk mit Trompete 8', Octave 4' und Octave 2'
Hörbeispiel 6:
Alles was geht, Hauptwerk an Pedal und Hinterwerk an Hauptwerk gekoppelt.