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Janosch Schobin, Bernhard Pörksen und Svenja Flaßpöhler | © Photo: Bruschek
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Literarisches Zentrum

Das Einmaleins des Streitens

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Philosophin Svenja Flaßpöhler und der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zu Gast im Literaturhaus
von Marie Bruschek, erschienen am 19. Juni 2025

Gutes Streiten und gutes Zuhören, das gehört nicht nur zusammen, das muss auch gelernt und geübt werden. Intensiv befasst mit beiden haben sich Philosophin Svenja Flaßpöhler und der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Im Göttinger Literaturhaus waren sie am 17. Juni zu Gast, und teilten (auch im Streit-)Gespräch ihre Ansichten über gesunde Diskussionskultur und gesellschaftlichen Konflikt mit dem außergewöhnlich vollen Saal. Allein diese große Nachfrage zeigt: Die Polarisierung der ‘Gesellschaft’ ist nicht bloße Abstraktion, sondern betrifft zahlreiche Individuen. Corona-Pandemie, Ukraine-Konflikt, Klimawandel: Sich über hochbrisante Themen zu streiten, kann nicht nur für kurze Konfrontationen sorgen. „Partnerschaften gehen auseinander, Freundschaften entzwei, Familien kaputt”, so beschreibt Flaßpöhler die Konsequenzen der aktuellen Krisenlage. 

Streiten, um zu bleiben

Moderiert wird das Gespräch von dem Soziologen und Freundschaftsforscher Janosch Schobin. Er erklärt die „Choreografie” des Abends: Abgesehen von einem kurzen Vorgespräch gibt es keine gemeinsame Vorbereitung oder Absprachen, noch ist klar, zu welchem Zeitpunkt beide aus ihren Büchern vorlesen. Schobin stellt eingangs noch klare Fragen, überlässt Pörksen und Faßpöhler jedoch immer weiter den Verlauf der Konversation – was mal mehr, mal weniger gut funktioniert. Am Ende reicht die Zeit nur für eine Frage aus dem Publikum. 

Pörksen liest aus Zuhören vor. Er plädiert im Gespräch immer wieder für das aktive Zuhören, den Perspektivwechsel, sich auf andere einzulassen und mit dem „Du-Ohr” dem Gegenüber zu lauschen. In der ausgewählten Passage präsentiert er seinen E-Mail-Verlauf mit einem Ukrainer, der ein Projekt genau über dieses Thema gestartet hat, wird hier an Stellen jedoch kitschig: „[...] dass man Fragen austauschen kann, aber existentielle Erfahrungen nicht.” Öfter wirkt der Wissenschaftler etwas unorganisiert, gibt dem Gespräch dennoch wichtige Impulse. Streiten, also ähnlich kreativ betitelt, heißt das Buch seiner Gesprächspartnerin: Sie stellt methodische Ansätze vor, erklärt die Etymologie des Wortes und die Grundzüge des Phänomens. So könne man im Modus der Feindschaft, der Destruktion, streiten oder sich als Gegner auf argumentativer Ebene bewegen. Ganz frei von Affekten sei man nie, Aggression sei Grundantrieb des Streits  – wer behauptet, rational zu sein, ist „einer von den ganz schlimmen.” Hier lacht das Publikum, wie mehrmals an diesem warmen Sommerabend.

Der Versuch der Veranstaltung: Guten Streit und gutes Zuhören in ihrem Zusammenhang zu erklären und so einen Raum zu schaffen, wo sich das Publikum aktiv mit zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen befasst. Beide Bücher haben einen persönlichen Ton, so ist es Pörksen schwer gefallen, sich – entgegen den Maximen des wissenschaftlichen Arbeitens – selbst in den Text einzubringen. Faßpöhler berichtet von ihrer Mutter, die mit destruktivem Streit Partnerschaften zum Bruch brachte. Doch: „Man könnte auch denken, dass ich ganz harmoniebedürftig geworden bin, doch ich streite auch gerne. Ich streite aber, um zu bleiben.” Guter Streit kann wie aktiver Diskurs Menschen zusammenbringen und dafür sorgen, „dass man weiter in einer Welt lebt.”

Der Name ist Programm

Heute, so die Berlinerin, wird die Kommunikation vor allem durch die erhöhte Sensibilisierung der Gesellschaft gestört, die Gespräche immens einschränken kann. Digitalisierung trage ebenfalls zu den Problemen der Streitkultur bei. Die Krisenzeit, in der wir leben, betont Faßpöhler jedoch besonders in ihrer Analyse. Gibt es viele Krisen, bestehe ein sogenannter Konformitätsdruck, „wir fragen uns: haben wir jetzt gerade überhaupt die Zeit, uns zu streiten?”. Dieser Druck ist laut der Philosophin eine Herausforderung für die Demokratie. Zuhören, das klingt oft empathisch, kann aber auch statt Verständnis zur Verurteilung führen, betont Pörksen, und damit dem Diskurs schaden. 

Bis dahin läuft alles harmonisch, doch zu Ende des Abends gibt es – was auch sonst – einen Streit. Ganz auf einer Seite sind die Gäste der Veranstaltung natürlich nicht, sonst würden beide Bücher gleich heißen. An dieser Stelle geht es um Talkshows und Panels, darum, wer eine Plattform bekommt, und wer keine. Pörksen meint dazu: „Man muss nicht immer wen dazu nehmen, der die Staubwolke des Unwissens erhöht. Das ist ganz schnell propagandistisch, alle vertreten zu wollen.” Dem entgegnet Faßpöhler: „Die Medienkrise, bei wir Menschen an wirklich problematische Alternativmedien verlieren, entsteht unter anderem durch fehlende Repräsentation. Dethematisierung und Isolierung funktioniert einfach nicht; man kann in der Staatsform Demokratie nun mal nichts von oben verordnen.”

Auch über Konsensbildung und Kompromisse geraten beide in Konflikt. Mit einer vorbildlichen Versöhnung endet dieser Abend und mit viel Applaus verabschieden die Göttingerinnen und Göttinger das Duo. Mitnehmen kann man sicherlich vieles: doch besonders in Erinnerung bleibt, wie produktiv sich Konflikte austragen lassen, finden sie in einem respektvollen und wertschätzenden Rahmen statt. „Jetzt seid ihr aber weit vom Thema ab”, befindet Schobin zwischendurch. „Aber wir streiten doch!”, entgegen Faßpöhler lachend. 

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