In der jüngsten Sitzung hat der Verwaltungsausschuss der Stadt Göttingen die Prüfung mehrerer Sanierungsvarianten für das Deutsche Theater (DT) beschlossen. Zuvor hatte bereits der Bauausschuss die von Stadtbaurat Frithjof Look vorgeschlagenen drei zusätzlichen Prüfaufträge positiv beschieden. Ziel ist es, kostengünstigere und dennoch funktionale Alternativen zu der bisher diskutierten Vollsanierung zu entwickeln.
Geprüft werden sollen nun:
- Sanierung des Brandi-Anbaus, der bisher als bauliches und funktionales Nadelöhr gilt.
- Zukunft der Theaterwerkstätten, mit der Frage, ob sie am Standort verbleiben oder ausgelagert werden.
- Verlagerung der Raumbühne, die wegen brandschutztechnischer Mängel in ihrer jetzigen Form nicht weiter betrieben werden kann – ein Umzug ins Güterverkehrszentrum (GVZ) wird erwogen.
Die Verwaltung unterstreicht, dass die baulichen und technischen Mängel am Deutschen Theater eine Sanierung unumgänglich machen. Dabei sollen die Konzepte nicht nur wirtschaftlich tragfähig, sondern auch förderfähig sein: Für Teilsanierungen wie die Tragkonstruktion oder die Werkstatthalle stehen Fördermittel in Höhe von 4,5 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „KulturInvest“ bereit – vorausgesetzt, es liegt eine belastbare Gesamtkonzeption vor. Die Gesamtkosten der jetzt anvisierten Maßnahmen belaufen sich auf rund 9 Millionen Euro, die je zur Hälfte von Bund und Stadt getragen werden sollen.
Der ursprüngliche Sanierungsfahrplan, vorgestellt im Juni 2024, sah den Abriss des Brandi-Baus sowie eine umfassende Sanierung und Erweiterung des Theaters vor. Die Gesamtkosten: 178,3 Millionen Euro. Dieser Plan wurde jedoch im August 2024 von Oberbürgermeisterin Petra Broistedt selbst auf Eis gelegt – offenbar, weil die Finanzierung nicht gesichert war.
Stadtbaurat Look hatte das Konzept noch im Sommer öffentlichkeitswirksam vorgestellt, begleitet von der OB. Nur wenige Wochen später zeigte sich: Die Stadt konnte das Vorhaben finanziell nicht stemmen – und nun folgt ein neuer Prüfmarathon.
Für die Entwicklung der neuen Varianten stellt die Stadt 250.000 Euro in den Haushaltsjahren 2025 und 2026 zur Verfügung. Weitere 2,04 Millionen Euro fließen vorab in notwendige technische Investitionen, um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten.
Oberbürgermeisterin Broistedt betont dennoch den hohen Stellenwert des Theaters für die Stadtgesellschaft: „Das Theater ist kein Luxus“, so Broistedt. Es sei „ein Kern der Stadtidentität“ und erfülle wichtige kulturelle, bildungspolitische und gesellschaftliche Funktionen. Auch Stadtbaurat Look versichert: „Das Deutsche Theater bleibt ein zentraler Ort für Kunst, Kultur und gesellschaftlichen Dialog.“
Kommentar: Die Kunst des Verschleppens
Man muss kein Zyniker sein, um den Verdacht zu hegen: Die groß angekündigte „Gesamtsanierung“ des Deutschen Theaters war mehr politische Symbolik als realistisches Vorhaben. Dass nun neue Prüfaufträge erstellt werden – wenige Monate, nachdem ein 178-Millionen-Konzept aus Kostengründen beerdigt wurde – wirft kein gutes Licht auf die Planungs- und Finanzpolitik der Stadt.
Das Deutsche Theater Göttingen ist nicht nur ein Ort der Kunst, sondern auch der Demokratiebildung. Während man sich politisch zur Bedeutung des Hauses bekennt, werden genau die Programme gekürzt, die junge Menschen für Demokratie und Gesellschaft sensibilisieren sollen. Fördermittel für Tarifanpassungen werden nicht übernommen, notwendige Investitionen aufgeschoben.
Es ist eine bittere Ironie: Ausgerechnet ein Ort, der für Dialog, Teilhabe und kulturelle Bildung steht, wird von jener Stadtpolitik ausgebremst, die sich gern mit Theaternähe schmückt. Die Prüfaufträge sind notwendig – aber sie sind auch ein Eingeständnis politischen Scheiterns. Und ein Armutszeugnis für die Kulturstadt Göttingen.