Am Vorabend von Georg Friedrich Händels 341. Geburtstag begann in der Aula der Universität Göttingen die neue Händel-Saison mit einem Kammerkonzert, das weit mehr war als ein festlicher Auftakt. Das junge Ensemble Il Parrasio spannte einen Bogen von Corelli bis Händel und ließ dessen italienische Prägungen lebendig werden. Ein Abend voller wacher Dialoge, atmender Linien und spürbarer Lust am gemeinsamen Musizieren.
Ein Konzert am Geburtstag Händels als Vorgeschmack auf die Internationalen Händel-Festspiele hat in Göttingen inzwischen Tradition. Am 22. Februar war mit Il Parrasio ein junges Ensemble zu Gast, das programmatisch wie ästhetisch ideal zu diesem Anlass passte. Die gut besuchte Aula der Universität bot dafür einen stimmungsvollen Rahmen: klar in der Akustik, direkt im Klang, mit jener Mischung aus Festlichkeit und Intimität, die kammermusikalische Konstellationen besonders trägt.
Zur Begrüßung erläuterte Festivalleiter Jochen Schäfsmeier die Bedeutung des europaweiten Förderprogramms EEEMERGING (Emerging European Ensembles), das junge Alte-Musik-Ensembles nachhaltig unterstützt. Il Parrasio wird in der Saison 2026/27 in dieses Programm aufgenommen – ein Hinweis darauf, dass hier eine Formation zu erleben war, die sich bereits international bemerkbar macht.
Das Programm folgte der Idee einer „klingenden Autobiografie“, wie sie im Programmzettel beschrieben wird: Händels Triosonaten (HWV 396, 397 und 399) wurden Werken seiner italienischen Zeitgenossen Arcangelo Corelli, Nicola Porpora und Giovanni Battista Bononcini gegenübergestellt .
Corellis Sonate da chiesa op. 3 Nr. 2 und Nr. 5, Porporas Sinfonia da camera op. 2 Nr. 3 sowie Bononcinis Triosonate g-Moll rahmten die drei Händel-Sonaten ein. So entstand ein dramaturgisch klug gebauter Parcours durch die italienisch geprägte Kammermusik um 1700 – zwischen kirchlicher Strenge und tänzerischer Leichtigkeit, zwischen kontrapunktischer Verdichtung und opernhafter Geste.
Gerade in der Gegenüberstellung wurde hörbar, wie stark Händel von seinen Italienjahren geprägt war – und wie selbstbewusst er diese Einflüsse später in London weiterentwickelte.
Il Parrasio wurde 2024 am Königlichen Konservatorium in Den Haag gegründet. Die beiden Violinistinnen Eriko Nagayama (Japan) und Ajda Porenta (Slowenien), der Cellist Luka Stefanović (USA) und der Cembalist Alessandro Papa (Italien) stammen aus unterschiedlichen musikalischen Kulturen und finden doch zu einem bemerkenswert homogenen Klang zusammen .
Nagayama und Porenta gestalteten ihre Dialoge mit blitzsauberer Intonation und großer klanglicher Sensibilität. Längere Töne entwickelten sie mit einer feinen dynamischen Binnenbewegung – fast wie ein instrumentales messa di voce, das dem Ton eine atmende Qualität verlieh. In den langsamen Sätzen entstand so eine Innigkeit, die nie ins Sentimentale kippte.
Luka Stefanović am Violoncello sorgte für ein tragfähiges Fundament, blieb dabei jedoch stets beweglich und artikulatorisch präsent. Sein Spiel verband Wärme mit klarer Kontur. Alessandro Papa am Cembalo setzte präzise Akzente, reagierte flexibel auf jede Tempoveränderung und verlieh dem Continuo jene federnde Energie, die man im schnellen Satz beinahe als „Barock-Swing“ bezeichnen möchte.
Auffällig war die ständige nonverbale Kommunikation: Blicke, minimale Körperbewegungen, spontane Rubati, klitzekleine Kunstpausen – alles wurde unmittelbar aufgenommen. Tempoänderungen wirkten organisch, dynamische Abstufungen hochdifferenziert. Man spürte das große Vergnügen der vier am gemeinsamen Spiel; es war sichtbar und hörbar.
Die schnellen Sätze – etwa in Händels D-Dur-Sonate HWV 397 oder der G-Dur-Sonate HWV 399 – erhielten eine sportliche, federnde Leichtigkeit. Tanzsätze wie Gigue oder Gavotte wirkten rhythmisch pointiert, ohne Schärfe, mit elastischer Phrasierung.
In den langsamen Sätzen dagegen entfaltete sich eine intensive Klangdichte. Gerade im Zusammenspiel der beiden Violinen, wenn sie im Duett über dem ruhigen Continuo schwebten, entstand eine beinahe vokale Expressivität. Die dynamische Bandbreite reichte von hauchzartem Pianissimo bis zu kraftvoller, doch nie forciert wirkender Steigerung.
Technisch stellen die Triosonaten mit ihren imitatorischen Passagen, schnellen Sequenzen und kunstvollen Verzierungen hohe Anforderungen an Präzision und Abstimmung. Il Parrasio begegnete diesen Herausforderungen mit bemerkenswerter Klarheit und gegenseitiger Achtbarkeit – jeder Ton schien gehört, beantwortet, weitergeführt.
Die Aula war gut gefüllt, die Aufmerksamkeit im Saal konzentriert. Nach dem offiziellen Programm folgten zwei Zugaben, begleitet von lang anhaltendem, herzlichem Applaus . Die Atmosphäre beim Hinausgehen war gelöst und anregend – man hatte nicht nur Musik gehört, sondern einen lebendigen Dialog zwischen Epochen und Persönlichkeiten erlebt.
Il Parrasio ist bei den diesjährigen Festspielen erneut zu hören: am 21. Mai um 12.30 Uhr im Lunchkonzert in der Johanniskirche sowie am selben Tag um 19.30 Uhr im Rathaus Duderstadt. Wer diesen Saisonauftakt erlebt hat, dürfte sich diese Termine vormerken.
Was bleibt, ist der Eindruck eines Ensembles, das historisches Bewusstsein mit unmittelbarer Spielfreude verbindet. Zwischen italienischer Glut und Londoner Nebel entstand ein Klangbild, das Händel nicht museal, sondern gegenwärtig erscheinen ließ. Ein Auftakt, der die Händel-Saison nicht nur eröffnet, sondern in Bewegung gesetzt hat.