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Figurentheatertage

Wenn Bilder Geschichten erzählen

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Familie Flöz zeigt mit »Finale« drei wortlose Geschichten voller Poesie und Wandlung
von Kerstin Kratzsch, erschienen am 26. Februar 2026

Das Theaterprojekt Familie Flöz wählt eine unkonventionelle Kunstform in seinen Darbietungen. Es mischen sich Pantomime und Körpertheater mit Live-Musik, Tanz und Masken. Ihr neues Stück »Finale« lockt viele Neugierige ins Deutsche Theater.

Im Deutschen Theater herrscht gespannte Erwartung, die Ränge sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Publikum erwartet das Maskenspiel und Körpertheater der Familie Flöz. Die Akteure sind für die starke nonverbale Ausdruckskraft ihres Spiels bekannt und schaffen auch in ihrer neuen Produktion »Finale« eine ganz eigene Welt, die alle Facetten des menschlichen Daseins berührt, Momente einfängt und in eine poetisch kraftvolle Bildersprache übersetzt.

Es sind drei Geschichten, die den Zuschauer an diesem Theaterabend erwarten. Diese Geschichten werden zusammengehalten von einer namenlosen Figur, die mit ihrem Fotoapparat Geschehnisse dokumentiert und die handelnden Gestalten innerhalb ihrer so unterschiedlichen Welten auf Fotografien gebannt verewigt.

So ist das alles beherrschende Bühnenbild ein überdimensionaler Collage-Fotorahmen, in dem Bilder aus den wechselvollen Leben der Protagonisten in vergilbten Sepiatönen erscheinen. Dieser Rahmen vermag aber noch viel mehr: Er leuchtet in verschiedenen Farben, kreiert und trägt maßgeblich zu Lichtstimmungen bei, die die Stimmung der agierenden Figuren verdeutlichen und die jeweiligen Geschehnisse ins »rechte Licht rücken«. Weitere rahmenförmige Elemente bilden Requisiten und Räume – einen Kiosk, ein Krankenzimmer, einen Wald.

Wem begegnet das Publikum an diesem Abend? Und wie viele Charaktere vermögen drei Schauspieler mit Unterstützung durch zwei Musiker zu verkörpern?

Der Protagonist der ersten Geschichte ist ein Immigrant, der einen Späti eröffnet, der im Folgenden von skurrilen Gestalten besucht und bevölkert wird. Über die Geschehnisse ist der liebevolle Späti-Besitzer selbst erstaunt. Beispielsweise feiert eine Gruppe partywütiger Nachtvögel mit der Stammkundin, einer Oma auf Krücken, eine wilde Technoparty. Der gutmütige Spätibetreiber selbst verliebt sich in eine Kundin. Doch als er ihr in einem gewagten Tanz zu wilden flamencoartigen Rhythmen seine Leidenschaft offenbart, überhitzt die Beleuchtung des Rahmens. Zu rot-gelbem Glühen ertönt ein dröhnendes Alarmgeräusch, die Liebenden fliehen auseinander und der verstörte Protagonist bleibt allein und verloren zurück – zerstört der Kiosk, entflohen die Frau seines Herzens. Diese erste Episode ist geprägt von ausdrucksstarken Tanzeinlagen voller Komik, Leidenschaft und Erotik. Die Akteure überzeugen durch die Präzision, Anmut und Ausdruckskraft ihrer Bewegungen und eine innere Haltung, die sich gerade durch die Abwesenheit von Worten unmittelbar überträgt.

Die zweite Episode des Abends ist berührend in ihrer Dramatik. Ein dicklich watschelnder Sohn begleitet seine herrische Mutter ins Krankenhaus, wo er sie nach ihrer Untersuchung beatmet und schwerkrank im Bett wiederfindet, ihr flammendrotes Kleid hängt leblos am Garderobenhaken. Erinnerungsbilder zeigen den Jungen, der seine Mutter bittet, zu Hause zu bleiben. Diese aber lässt ihn zurück und tritt umjubelt vom Publikum als Gesangsstar auf großen Bühnen auf. Als die Mutter schließlich stirbt, vollzieht sich eine unerwartete Wandlung. Erwacht aus einer von Verlustgefühlen und Orientierungslosigkeit geprägten Schockstarre, schält sich der dickliche Sohn aus dem Korsett seines biederen Anzugs und verlässt die Bühne in einem rot-orangenen Zweiteiler, sichtlich erleichtert.

Für die dritte der Geschichten wechselt das Licht von dem hell strahlenden, sterilen Weiß des Krankenhauses zu einem dämmrigen Grün. Die Rahmen schweben auf die Zuschauer zu und werden auf der Bühne zu einem »Wald« arrangiert. Eine Wanderin trifft dort auf die Behausung zweier bäuerlicher Männer, die einen wilden Ochsen beherbergen, der die Burschen und den bärbeißigen Bauern umstößt und sich nur der reisenden Tramperin gegenüber friedlich zeigt.

Zuletzt fügen sich die schwebenden Collagenbilder wieder zu einem Ganzen zusammen und es erscheint ein Reigen von Schwarz-Weiß-Fotografien der Figuren, Erinnerungen, die wirken wie aus einem alten Album entnommen, Porträts einzelner der zahlreichen Figuren, die an diesem Abend die Bühne zum Leben erweckt haben. Ohne zu sprechen sind diese Figuren jedoch alles andere als stumm und wirken ungeheuer lebendig. Die Intensität der Emotionen, die das Spiel der Familie Flöz auslöst, ist stark. Mannigfaltig sind die sehr individuellen Zugänge. Was berührt, bewegt, erheitert, verstört, ist vom jeweiligen Betrachter abhängig. Die dargestellten Figuren grenzen an unser eigenes Leben und in uns erschließt sich die Bedeutung des Gesehenen. Die Spieler beweisen eine ungeahnte Wandelbarkeit und hinter den mindestens zwölf Gestalten zeigen sich zuletzt ohne Masken nur drei Künstler.

Die erstaunliche Darbietung begeistert und wird belohnt mit furiosem Applaus. Man verlässt das Theater mit dem Wissen, hier etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.

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