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Das Grieg-Quartett mit Elisabeth Dingstedt, Gunnar Harms, Christoph Vietz und Immo Schaar | © Photo: Wortmann

Wie aus einem Guss

Information
von Jens Wortmann, erschienen am 25. Juni 2023

Zum dritten Mal (das Kulturbüro berichtete 2020, 2021) gastierte in der Göttinger Corvinuskirche das Grieg-Quartett aus Leipzig. Elisabeth Dingstad (1. Violine), Gunnar Harms (2. Violine), Immo Schaar (Viola) und Christoph Vietz (Violoncello) kommen gerne, und das nicht nur wegen der verwandtschaftlichen Beziehungen von Gunnar Harms nach Göttingen. Der Kirchbau des Architekten Erwin Rohrberg erweist sich immer wieder als wunderbarer Ort für musikalische Aufführungen, auch wegen der hervorragenden Akustik.

An diesem sehr sommerlichen Sonntagnachmittag war die Anzahl der Konzertbesucher deutlich geringer als bei den ersten beiden Besuchen. Das lag vermutlich eher am Wetter – auf jeden Fall nicht an den zum Teil weniger bekannte Komponisten und Werken, die das Quartett mitgebracht hatte.

Gleich zu Beginn stand ein Werk auf dem Programm, dem sich die Mitglieder des Gewandhausorchesters in besonderer Weise verbunden fühlen: auf der Rückreise von Berlin nach Wien machte Wolfgang Amadeus Mozart Station in Leipzig. Dort dirigierte er nicht nur ein Konzert des Gewandhausorchesters, sondern begann auch die Komposition des »1. Preußischen Quartetts« KV 575, das Mozart gerne dem preußischen König gewidmet hätte, aber erst in Wien uraufgeführt und erst nach seinem Tod als Druck erschienen ist. „Ich bin stolz, dass Mozart „mein“ Orchester dirigiert hat“, schmunzelte Gunnar Harms in seiner informativen und sympathischen Einführung in die Werke.

Bereits bei den ersten Tönen dieses Quartetts zeigte sich, weshalb die Corvinuskirche so gut für Kammermusik geeignet ist: mit überaus zarten Klängen begann der erste Satz »Allegretto«. In einem anderen Raum wäre die Zartheit kaum möglich. Dadurch wurde die Musik sehr intim und zugleich sehr durchsichtig. Gerade in diesem Quartett behandelte Mozart die vier Instrumente sehr solistisch, insbesondere das Cello. Trotz dieser Sonderbehandlung der Instrumente spielte das Grieg-Quartett wie aus einem Guss. Die Phrasen wurden nahtlos an das nächste Instrument weitergegeben, die Lautstärken und Klänge waren perfekt aufeinander abgestimmt.

Das machte Lust auf mehr – beide nun folgenden Werke konnten den Erwartungen mehr als gerecht werden.

Zunächst die 1923 entstandenen »Fünf Stücke für Streichquartett« des deutschböhmischen Komponisten Erwin Schulhoff (1894–1942). Der hochbegabte Dvořák- und Reger-Schüler hatte als Soldat im 1. Weltkrieg anschließend traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, die seinen Kompositionsstil stark veränderten: er entwickelte sich zur Wiener Schule und dem Dadaismus. In seinen fünf Miniaturen für Streichquartett sind diese Einflüsse im Ansatz bereits hörbar, im Vordergrund standen aber freche Tango- und Jazzklänge. Das Grieg-Quartett hat diese Musik mit großem Vergnügen und auch Augenzwinkern gespielt. So erklang trotz des ernsten Hintergrundes gute Unterhaltung – auch, wenn der Lebenslauf Schulhoffs nicht vergessen wurde: er starb 1942 auf der Wülzburg im Deportationslager für tschechische und polnische Juden.

Nur wenige Jahre trennen das Werk von Erwin Schulhoff vom 1916 entstandenen Streichquartett Nr. 6 des schwedischen Komponisten Wilhelm Stenhammar (1871­–1927). Handelt es sich bei Schulhoff aber um das Werk „eines jungen Wilden“ (Gunnar Harms), gab es zum Abschluss des Konzertes das Werk eines gereiften Komponisten. „Die Musik Stenhammars ist schwer in die Finger zu kriegen“, beschreibt Harms die Herausforderungen für das Grieg-Quartett. Damit meinte er nicht nur die ungewöhnlich vielen Vorzeichen, sondern auch die Tonsprache des Komponisten. Harms beschreibt ihn als „nordisch mit modalen Elementen, virtuosem Kontrapunkt und überraschenden Harmonien“. Durchaus gespannt erwartete das Publikum das nun zu hörende Werk. 

Die Musik Stenhammars erwies sich zwar als komplex und anspruchsvoll, keineswegs aber als Zumutung für harmonieverwöhnte Ohren. Das mag auch an der gründlichen Durcharbeitung der Leipziger Musiker:innen liegen: hier war kein Ton zufällig so, wie er klang. Und so ergab der Klang zu jedem Zeitpunkt seinen Sinn. Ein großer Bogen spannte sich in der dichten, mit Synkopen und zahlreichen Themen versehenen Musik.

Mit etwas Glück kommt das Grieg-Quartett im Oktober erneut nach Göttingen. Es ist diesem hochklassigen Ensemble zu wünschen, dass die Kirche besser gefüllt sein wird als an diesem warmen Sommertag.

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