True-Crime-Podcasts haben sich im Laufe der Zeit von einem Nischenformat zu einem Genre entwickelt, das Millionen begeistert. In Deutschland gehören sie inzwischen zu den meistgehörten Formaten in der Podcast-Szene und gewinnen kontinuierlich an Popularität. Die Faszination für das Unbekannte, die Spannung und der investigative Charakter vieler dieser Formate ziehen die Zuhörer:innen in ihren Bann. Gleichzeitig regen die psychologischen Hintergründe der Straftaten zum Nachdenken an und wecken ein tiefergehendes Interesse an den Abgründen der menschlichen Natur. Es ist daher wenig überraschend, dass das Genre längst nicht mehr nur auf Streaming- oder Audio-Plattformen zu finden ist. Vielmehr hat es seinen Weg auf die Bühne gefunden, um ein Live-Erlebnis zu ermöglichen.
Ein spannendes Live-Format
Es ist der 26. November, 20 Uhr. Normalerweise würde man Constantin Schreiber - Nachrichtensprecher und Schriftsteller - im Hamburger Studio der Tagesschau erwarten. Stattdessen führte ihn sein Weg zusammen mit dem Münchener Rechtsanwalt Dr. Alexander Stevens nach Göttingen, wo sie sich gemeinsam die Frage stellten: „Schuldig oder nicht?“ Im Rahmen ihrer Live-Podcast-Tour »Angeklagt – Schuldig oder nicht?« besprechen die gelernten Juristen einen echten Kriminalfall und füllen die Göttinger Stadthalle mit einem breitgefächerten Publikum.
Ein kurioser Fall
Das Konzept des Live-Podcasts geht jedoch weit über die bloße juristische Fallanalyse hinaus. Hier wird das Prinzip einer amerikanischen Gerichtsverhandlung lebendig, in der Constantin Schreiber die Rolle des Staatsanwalts übernimmt und Alexander Stevens seine gewohnt berufliche Rolle als Strafverteidiger präsentiert. Beide sind nicht nur durch ihre Expertise, sondern auch durch ihre charismatische Bühnenpräsenz und ihr humorvolles Zusammenspiel das Highlight des Abends.
Der thematisierte Kriminalfall „der Dreifachmord von Starnberg“ wird dabei anschaulich mit einem Video dargestellt. Hier wird sich auch nicht gescheut, echte Tonaufnahmen abzuspielen, sowie Originalfotos der Ermittlungen zu zeigen. Zunächst liefern Schreiber und Stevens einen umfassenden Überblick und erklären, warum der Mord, der zunächst wie ein erweiterter Suizid schien, weit komplexer war als gedacht. Sie tauchen in spannende Ermittlungsdetails ein, die den Fall besonders faszinierend und vielschichtig machen. Diese Kombination aus dem packenden Narrativ eines True-Crime-Podcasts und einem visuellen Erlebnis zieht das Publikum tief in den Fall hinein und lässt es die Geschehnisse hautnah miterleben.
Vom Zuschauer zum Jury-Mitglied
Die verschiedenen Perspektiven der Kontrahenten, die ihre Standpunkte immer wieder argumentativ und mit viel Überzeugungskraft vertreten, machen es dem Publikum nicht leicht, eine klare Antwort auf die Frage des Unrechts zu finden. Wichtig wird das vor allem vor dem Hintergrund, dass die Besucher:innen ganz nach dem amerikanischen Rechtssystem als Jury fungieren. Interaktiv kann über einen QR-Code immer wieder über die Schuldigkeitsfrage abgestimmt werden, was zu interessanten Ergebnissen führt und zum Nachdenken anregt. Die stetige Beteiligung und die verschiedenen Sichtweisen die Stevens und Schreiber aufdecken, verdeutlichen die Komplexität des Rechtssystems und die Herausforderung eine faire und objektive Entscheidung zu treffen. Dadurch werden nicht nur juristische Einblicke gegeben und Fragestellungen aufgeworfen, sondern auch das moralische Dilemma und die Schicksale dahinter beleuchtet.
Eine Frage die bleibt
Der Live-Podcast in Göttingen verdeutlichte, wie sehr sich das Genre des True-Crime von der bloßen Unterhaltung auch zu einer Plattform für Auseinandersetzungen mit rechtlichen, moralischen und psychologischen Fragestellungen entwickelt hat. Durch die Kombination von juristischem Wissen, interaktiver Beteiligung und dem charmanten und überzeugenden Auftreten von Constantin Schreiber und Alexander Stevens wurde das Publikum nicht nur in den Fall des „Dreifachmord von Starnberg“ hineingezogen, sondern auch dazu angeregt, über die Komplexität der Justiz und die oft schwierige Unterscheidung zwischen Schuld und Unschuld nachzudenken und ihr eigenes Judiz zu hinterfragen. Sodass sich das begeisterte Publikum am Ende, auch nach Aufklärung des Falles, weiterhin die Frage stellte: schuldig oder nicht?