In der St. Jacobikirche wurde am vergangenen Wochenende das 12. Bach-Fest gefeiert. Erneut hat Kantor Stefan Kordes Kantaten von Johann Sebastian ausgewählt. Insgesamt erklangen an den drei Tagen acht Kantaten, die alle für Januar-Sonntage komponiert worden sind.
Den Auftakt machten am Freitag zur gewohnten Zeit um 18 Uhr die Kantaten BWV 153, 58 und 154. Im Festkonzert am Samstag erklangen BWV 16, 123 und 65, im Gottesdienst am Sonntag dann BWV 155 und 3.
Eingeladen hatte Kordes die bewährten Solist:innen Anna Nesyba (Sopran), Annekathrin Laabs (Alt) und Thomas Laske (Bass). Erstmals dabei war der Tenor Daniel Johannsen, der im Vorfeld als „Startenor“ angekündigt wurde.
Der Kammerchor St. Jacobi übernahm erneut die Chorpartien in den Kantaten. Das Göttinger Barockorchester bildete den instrumentalen Grundstock – und weit mehr als das: in nahezu allen Stimmen erklangen die Instrumente in solistischen Partien. Hervorzuheben sind hier das Solo der Viola mit Alice Vaz und dem Fagott mit Markus Pauk.
Die Choralkantate BWV 153, „Schau, lieber Gott, wie meine Feind”, komponiert für den 2. Januar, bildete den Auftakt. Ganz ungewöhnlich begann sie mit einem Choral statt mit einer Sinfonia. Die eher schlichte Gestaltung dieser Kantate führte sehr gut ein in die kommenden Werke. Ebenfalls für den Sonntag nach Neujahr ist die Kantate BWV 58, „Ach Gott, wie manches Herzeleid”. Hier sind sängerisch nur die Sopranistin Anna Nesyba und der Bass Thomas Laske beteiligt, die miteinander in den Dialog über die Leiden und Anfechtungen des Lebens. Den Abschluss bildete am Freitag die Kantate BWV 154 „Mein liebster Jesu ist verloren“, komponiert für den ersten Sonntag nach Epiphanias. Die herausragenden Leistungen aller vier Solist:innen begeisterten das Publikum der vollbesetzten Jacobikirche – langanhaltenden Applaus gab es am Ende für alle Beteilgten.
Die Begeisterung setzte sich am Samstag im Festkonzert fort. In der festlichen Kantate zum Neujahrstag BWV 16 “Herr Gott, dich loben wir“ begeisterte insbesondere Daniel Johannsen, der mit großer Leichtigkeit und starkem emotionalen Ausdruck seine Arie „Geliebter Jesu, du allein sollst meiner Seelen Reichtum sein“ gestaltete. Nach einer eingeschobenen Alt-Arie aus der Kantate BWV 200 „Bekennen will ich seinen Namen“ erklangen die beiden Kantaten zu Epiphanias BWV 123 „Liebster Immanuel, Herzog der Frommen“ und BWV 65 „Sie werden aus Saba alle kommen“.
Während die Sopranistin Anna Nesyba am Samstag pausieren musste, durfte sie im Gottesdienst am Sonntag gleich den Auftakt gestalten: die Kantate BWV 155 „Mein Gott, wie lang, ach lange“ beginnt mit einem wunderschön gestalteten, klagenden und introspektivem Sopran-Rezitativ. In BWV 3 „Ach Gott, wie manches Herzeleid“ konnte der Kammerchor St. Jacobi seine Qualität im kunstvollen Eingangschor unter Beweis stellen, während in den folgenden Nummern die vier Gesangssolist:innen noch einmal das große Spektrum der Emotionen aufzeigten: ein klagendes Rezitativ, eine ausdrucksstarke Arie, Trost und Hoffnung im Duett – und zum Abschluss die Bitte um Glaubensstärke im Choral.
Stefan Kordes ist seinem Ziel nähergekommen, alle Kantaten Bachs einmal aufgeführt zu haben. Der große Zuspruch zu den Aufführungen zeigt, dass viele Menschen ihm auf dem Weg zu diesem Ziel begleiten möchten. Und wenn die Zusammenstellung der einzelnen Kantaten in den Bach-Festen so schlüssig ist und die Qualität der Aufführungen ein solch hohes Niveau haben, ist das für Göttingen ein großer Glücksfall.