Ein Schloss in der Nacht. Ein seltsamer Butler. Ein Wissenschaftler in Korsett und Netzstrümpfen. Und ein Publikum, das ausdrücklich aufgefordert wird, mitzumachen. »The Rocky Horror Show« ist kein Theaterabend, bei dem man still sitzt – es ist ein Ereignis, bei dem die Grenze zwischen Bühne und Saal, zwischen Freiheit und Konvention, zwischen Schauer und Ekstase lustvoll aufgelöst wird. Let's do the Time Warp again!
Brad und Janet, ein braves junges Pärchen mit Verlobungsring und guten Absichten, suchen nach einer Autopanne in einem abgelegenen Schloss Zuflucht. Was sie dort erwartet, sprengt jede bürgerliche Vorstellung: Riff Raff, der unheimliche Butler; Magenta, die rätselhafte Hausangestellte; und allen voran Dr. Frank-N-Furter, Transvestit, Wissenschaftler und Rockstar aus dem Weltall, der gerade dabei ist, sich sein perfektes Muskelpaket Rocky zu erschaffen. Eine Nacht, die nichts so lässt, wie es war.
»The Rocky Horror Show« feierte 1973 in einem kleinen Theaterraum des Londoner Royal Court seine Uraufführung – heute gehört es zu den meistgespielten Musicals der Welt. Die 1975 verfilmte Version mit Tim Curry in der Hauptrolle machte das Stück zum globalen Kultphänomen: Generationen von Fans kamen mit Wasserpistolen, Toast und Zeitungsblättern ins Kino und erfanden eine eigene Mitmach-Kultur, die seither untrennbar mit dem Stoff verbunden ist.
Am Deutschen Theater Göttingen hat Regisseur Moritz Franz Beichl im Januar 2026 eine Inszenierung herausgebracht, die dieser Energie voll entspricht. Keanu Demuth schrieb in seiner Kritik für das Kulturbüro: »Zwischen Glamrock, Grusel und großer Lust am Tabubruch entfaltet sich eine Feier der radikalen Freiheit, die zum Mitmachen, Mitfeiern und Mitfühlen einlädt.« Das Göttinger Tageblatt hob besonders Moritz Schulze in der Titelrolle hervor: »das Publikum war offensichtlich dieser Meinung. Die Besucher feierten das Regieteam, das Ensemble und vor allem Moritz Schulze lautstark, sehr ausdauernd und im Stehen.« (Peter Krüger-Lenz, GT, 25.1.2026). Die HNA sprach von einem »Fest für die Sinne« mit zehnminütigem Schlussapplaus und Standing Ovations (Ute Lawrenz, 31.1.2026).
Das opulente Bühnenbild stammt von Valentina Pino Reyes, die Kostüme von Elena Kreuzberger, Choreografie von Felicitas Madl – und die Musik kommt live von einer siebenköpfigen Band unter der Leitung von Michael Frei. Hits wie »Time Warp«, »Sweet Transvestite« und »Touch-a, Touch-a, Touch Me« klingen im dt.1 vermutlich anders, als sie je auf einem Tonträger geklungen haben.
[ecr=38,47,48,53]Richard O'Brien und die Entstehung eines Kultstücks
Richard O'Brien, geboren 1942 in Cheltenham, wuchs in Neuseeland auf und kehrte als junger Mann nach England zurück – mit dem Traum, Schauspieler zu werden. Tatsächlich war er 1973 arbeitslos, als er die erste Version der »Rocky Horror Show« schrieb. Er tat es für sich selbst: als Liebeserklärung an die Science-Fiction- und Horrorfilme der 1950er Jahre, an Glamrock und an alles, was seine Umwelt für sonderbar hielt. Das Stück wurde in einem winzigen Raum des Londoner Royal Court uraufgeführt, mit einem Budget von 2.500 Pfund. Der Zulauf war sofort enorm.
O'Brien spielt selbst im Stück die Figur des Riff Raff – in der Originalproduktion ebenso wie im Film von 1975, in dem er die Rolle neben Tim Curry als unvergesslichem Frank-N-Furter verkörperte. Der Film wurde zunächst vom Publikum ignoriert, avancierte aber durch wöchentliche Mitternachtsvorstellungen in New York zum längsten laufenden Kinofilm aller Zeiten im „midnight movie"-Format. Es war das Publikum selbst, das ihn zum Kultfilm machte: Fans begannen, Dialoge mitzusprechen, Toast zu werfen (bei der Szene mit dem getoasteten Toast), Wasserpistolen zu zücken (wenn es im Film regnet) und in Kostüm zu erscheinen. Diese Partizipationskultur ist heute fester Bestandteil jeder »Rocky Horror«-Aufführung – ob im Kino oder auf der Bühne.
Die Göttinger Produktion
Regisseur Moritz Franz Beichl, der sich in Göttingen zuletzt mit »Die ersten hundert Tage« als Regisseur profilierte, hat das Stück mit klarem Fokus auf sein Kernthema inszeniert: radikale Freiheit als Lebensform. Franziska Sordon schrieb für den Scharfen Blick / Kritiker*innenclub: »Das Ensemble trägt den Abend mit großer Spielfreude und sichtbarer Lust am überdrehten Spiel. In ständigem Wechsel zwischen ironischer Distanz, überzeichnetem Horror und ausgelassener Musicalnummer entsteht eine Dynamik, die die Bühne nie zur Ruhe kommen lässt.« (9.3.2026)
Moritz Schulze spielt Frank-N-Furter – eine der anspruchsvollsten Rockmusical-Rollen überhaupt, die Charisma, Gesang, Körpereinsatz und komödiantisches Timing verlangt. Michael Frei übernimmt neben der musikalischen Leitung auch die Rolle des Riff Raff und sitzt im Orchestergraben. Die Deutsche Fassung stammt von Frank Thannhäuser und Iris Schumacher.
[/ecr] [ecr=8,38,47,48,53|toggle] +HintergrundDa ist noch mehr.
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