Was haben Orgien mit der Coronakrise zu tun? Mit solchen tiefgründigen Fragen beschäftigte sich der Freiburger Kabarettist und Autor Jess Jochimsen im alten Rathaus. Sein kabarettistischer Gedankenaustausch »Meine Gedanken möchte ich manchmal nicht haben« fand im Rahmen des Göttinger Kultursommers am 19. Juli statt.
Wer jetzt denkt, der redet nur irgendeinen Stuss, liegt vollkommen falsch: Jess Jochimsen setzte sich intensiv mit unserer politischen Lage und der Post-Corona-Ära auseinander, und sprach das aus, was viele von uns denken. Dies tat er mit viel Witz, Schadenfreude und seiner wundervollen musikalischen Untermalung. Mal holte er das Akkordeon und Xylophon raus, mal beeindruckte er das Publikum mit einem Countrysong auf seiner Wandergitarre.

Kabarett rund um Corona
In Gaza und in der Ukraine toben Kriege, ein rassistischer Präsident ist wieder im Amt. Bei all den schlechten Nachrichten hatte Jess Jochimsen einen erschreckenden Gedanken, den er mit dem Publikum teilte: „Ich hätte gerne Corona wieder.“ Denn während dieser Zeit habe zumindest etwas wie Normalität. Aber so normal war diese Zeit natürlich nicht: „Ich habe zur Coronazeit einen Auftritt bei einem Autokino bekommen. Läuft doch! Und dann habe ich Autos Witze erzählt... eine demütigende Grenzerfahrung.“ Solche selbstironischen Witze haben Jochimsen besonders sympathisch gemacht.
Aber nochmal zu der eingangsgestellten Frage: „Wenn wir wüssten, wo wir in Krisensituationen stehen, wäre es vermutlich gar nicht mehr so schlimm,“ so Jochimsen. „Denn Epidemien sind nicht neu. Wir hatten ja die spanische Grippe und... die Pest. Während der Pest habe die Leute Orgien veranstaltet, da sind wir noch nicht,“ erklärte er schadenfreudig. „Ich selbst bin kein Orgien-Typ, aber ich gönne es allen, die es gerne machen wollen. Dann ist zumindest was los in der Nachbarschaft!“ Und das Publikum kriegte sich kaum ein vor Lachen.
Dazu beschäftigte sich der Kabarettist mit mathematischem Denken und erklärte Umkehrungen und Vereinfachungen. Er erzählte, dass Menschen, die joggen, zwei Jahre länger leben... dafür aber vier Jahre länger laufen müssen.
Sketche zum Nachdenken
Die ernsten Themen (in heiterer Verpackung) kamen aber auch noch dran. Zum Beispiel parodierte er Markus Söders Kreuzerlass. „Überall Kreuze, aber mehr Waschbecken hätten auch nicht geschadet. Schließlich hatte Bayern die höchsten Infektionszahlen.“ Dazu machte er so manchen Zuschauer nachdenklich: „Wenn ihr jemand mit Maske seht, reagiert ihr hysterisch oder denkt ihr, das ist ein vernünftiger, rücksichtsvoller Mensch?“
Und natürlich ist die neue Bundeskanzlerin wieder ein Mann. Da konnte Jess Jochimsen nicht anders als die freudigen Worte von Friedrich Merz zum Wahlergebnis zu zitieren: „Rambo Zambo!“ Friedrich Merz und Olaf Scholz zählten sich selbst zur gehobenen Mittelschicht. „Wozu zählen wir dann? Zur untersten Unterschicht? Die Einordnung ist schwierig geworden! Denkt trotzdem jemand von Ihnen reich zu sein? Nein. Denn reich sein ist unanständig, weil es ungerecht ist.“ Wahre Worte.
Aus die Maus
Da lohnt sich wohl eine Erbschaft! Deshalb setzte er das Publikum in Kenntnis, dass man in Asien einen Todesbrief am Sterbebett rezitiert. Wir Deutsche sind dazu aber wohl vollkommen ungeeignet, so Jochimsen. Da kommt wohl eher ein Reim wie „aus die Maus“ oder ein Facebook-Kommentar gegen das Gendersternchen bei raus, bis man endlich ins Jenseits treten darf.