Das Junge Theater Göttingen hat sein Ensemble-Mitglied Thyra Uhde verloren. Die Schauspielerin und Musikerin verstarb völlig unerwartet in der Nacht zum 10. April 2026 – im Alter von nur 35 Jahren. Wer sie auf der Bühne erlebt hat, etwa als einsame Doris im »Kunstseidenen Mädchen« oder mit leuchtender Stimme im Chanson-Abend »Barbara«, weiß, welche Lücke sie hinterlässt. Das kleine Ensemble in der Bürgerstraße verliert nicht nur eine außergewöhnlich vielseitige Künstlerin, sondern auch eine geschätzte Kollegin. Der Spielbetrieb ist bis zum 23. April eingestellt.
Eine Künstlerin mit einzigartiger Bandbreite
Als Thyra Uhde zur Spielzeit 2023/24 als festes Ensemble-Mitglied ans Junge Theater Göttingen kam, brachte sie etwas mit, das man nicht an einer Schauspielschule lernen kann: eine Bühnenpräsenz, die gleichermaßen von Kraft und Verletzlichkeit geprägt war. In nur knapp drei Spielzeiten wurde sie zu einer tragenden Säule des kleinen Ensembles in der Bürgerstraße – und zu einem Gesicht, das das Göttinger Publikum ins Herz geschlossen hatte.
Besonders eindrucksvoll war ihr Solo in »Das kunstseidene Mädchen« nach Irmgard Keun, einem musikalischen Monolog unter der Regie von Isabelle Küster. Thyra Uhde trug die gesamte Inszenierung allein – hundert Minuten lang verkörperte sie die junge Doris, die im Berlin der 1930er-Jahre zwischen Aufstiegsträumen und Überlebenskampf pendelt. Die Kritik lobte ihren „Balanceakt zwischen einfältigem Wesen und überraschender Klugheit" und sprach von „Mut und Leidenschaft". Es war eine Rolle, die wie für sie geschrieben schien.
Stimme, Spiel und Spielfreude
Thyra Uhde war weit mehr als eine Schauspielerin im klassischen Sinn. Sie war Sängerin, Musikerin, Performerin – eine Künstlerin, die Genregrenzen als Einladung verstand. Im Chanson-Abend »Barbara«, mit dem das Junge Theater den 60. Jahrestag von Barbaras legendärem Göttinger Konzert feierte, fiel sie durch ihren besonders hellen, klaren Klang auf. In der Musikshow »Heartbreak Club«, die erst im Februar 2026 Premiere feierte und bei der das Publikum Standing Ovations gab, gehörte sie zum vierköpfigen Ensemble, das Powerballaden und Liebeslieder mit theatraler Wucht auf die Bühne brachte.
In »Stolz und Vorurteil* (*oder so)«, Isobel McArthurs feministischer Neuerzählung des Jane-Austen-Klassikers, bewies sie als Teil des rein weiblichen Ensembles erneut ihre Wandlungsfähigkeit. Das Göttinger Tageblatt schrieb über die „sprudelnde Spielfreude" des Ensembles, die HNA lobte „starkes Spiel und starke Stimmen". Auch in »Das Kind in mir will achtsam morden« und in der Meyerhoff-Adaption »Man kann auch in die Höhe fallen« war sie besetzt – mal in tragenden Rollen, mal als vielseitige Ensemblespielerin, die nahtlos zwischen Live-Sounddesign und Nebenrollen wechselte.
Eine Lücke, die nicht zu schließen ist
„Wir alle sind zutiefst erschüttert und das ganze Junge Theater ist in Schockstarre versetzt durch den plötzlichen und unerwarteten Tod von Thyra Uhde", sagte Intendant Nico Dietrich. „Sie gab immer vollen künstlerischen Einsatz in allen Theaterproduktionen. Ihr Leben war in besonderer Weise dem Schauspiel gewidmet. Es ist unglaublich tragisch, dass wir eine solche Künstlerin verlieren. Sie hätte sicher noch einen großen Weg als Schauspielerin vor sich gehabt."
Das Junge Theater hat seinen Spielbetrieb bis einschließlich 23. April eingestellt. Über Änderungen im weiteren Spielplan will das Theater gesondert informieren. Geschäftsführer Tobias Sosinka bat das Publikum um Verständnis für die Spielpause und dankte für die Anteilnahme.
Was in den offiziellen Worten nicht mitschwingt, aber jeder ahnt, der das Junge Theater kennt: In einem Ensemble dieser Größe ist jedes Mitglied unersetzlich – menschlich wie künstlerisch. Thyra Uhde war an zahlreichen laufenden Produktionen beteiligt, darunter »Das kunstseidene Mädchen«, das sie als Solistin allein trug. Diese Stücke können nicht einfach ohne sie weitergespielt werden. Der Verlust trifft das Theater auch organisatorisch bis ins Mark.
Unser Mitgefühl
Das Kulturbüro Göttingen ist tief betroffen vom Tod Thyra Uhdes. Unser aufrichtiges Beileid gilt ihrer Familie und allen ihr Nahestehenden. Und es gilt dem gesamten Team des Jungen Theaters – den Kolleginnen und Kollegen auf und hinter der Bühne, die in diesen Tagen nicht nur eine Künstlerin, sondern einen Menschen verloren haben, mit dem sie täglich eng zusammengearbeitet haben. Wir wünschen allen Beteiligten viel Kraft für die schwierige Zeit, die vor ihnen liegt.
Foto: Jochen Quast