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Göttingen verliert seinen Spielemacher

Der Göttinger Geologe und Spieleerfinder Reinhold Wittig ist mit 89 Jahren gestorben – er hat die Brettspielkultur weltweit verändert.

Reinhold Wittig | © Bildquelle: Wikipedia

Am 11. April 2026 ist Reinhold Wittig gestorben – der Mann, der Göttingen zur heimlichen Hauptstadt der Brettspielkultur machte. Wer durch die Fußgängerzone geht, läuft an seiner Bronzelokomotive vorbei. Wer den Planetenweg entlangspaziert, folgt seiner Idee. Und wer heute ein Brettspiel kauft und den Namen des Erfinders auf der Schachtel liest, hat das auch ihm zu verdanken.

Ein Geologe, der spielen wollte

Reinhold Wittig wurde am 2. Januar 1937 in Göttingen als Sohn des Feinmechanikers Carl Wittig und seiner Frau Magda geboren. Er studierte von 1957 bis 1963 Geologie an der Georg-August-Universität, promovierte 1969 und arbeitete als Akademischer Oberrat am Geologischen Institut – bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2002. Seine Forschungsreisen führten ihn immer wieder nach Afrika, vor allem nach Namibia, wo er sich mit prähistorischen Erdbeben beschäftigte.

Doch neben der Geologie gab es von Anfang an eine zweite Leidenschaft: das Spiel. Schon Ende der 1950er-Jahre entwarf Wittig seine ersten Spiele – „Wikingerschach" und „Piratenbillard". Was als Hobby begann, wurde bald zur zweiten Karriere.

Edition Perlhuhn – ein Verlag für das schöne Spiel

Am 26. September 1976 gründete Reinhold Wittig gemeinsam mit Hubertus Porada die „Edition Perlhuhn", einen kleinen, feinen Spieleverlag in Göttingen. Der Name war Programm: Hier ging es nicht um Massenware, sondern um Spiele mit ästhetischem Anspruch, oft aus hochwertigen Materialien, nicht selten in Handarbeit gefertigt. Über die Jahrzehnte erschienen dort mehr als 100 Titel.

Zu den bekanntesten gehören „Das Spiel" – eine ikonische Würfelpyramide aus dem Jahr 1980, die zum Bestseller wurde –, „Wir füttern die kleinen Nilpferde" (1983), „Müller & Sohn" (1986), „Kula Kula" (1993) und „Doctor Faust" (1994). Gleich fünf seiner Spiele erhielten den Sonderpreis „Schönes Spiel" der Spiel-des-Jahres-Jury – eine Auszeichnung, die herausragende Gestaltung und Materialqualität würdigt.

Später gründete Wittig in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Driehoek auch „Namibian Games" – eine Spieleproduktion, bei der einheimische Handwerkerinnen und Handwerker mit regionalen Materialien arbeiteten. Die Verbindung zwischen seiner geologischen Feldforschung in Afrika und seiner Spieleleidenschaft schloss sich hier zu einem Kreis.

Der Mann, der den Spieleautoren einen Namen gab

Reinhold Wittigs Bedeutung reicht weit über seine eigenen Spiele hinaus. Er war es, der in den späten 1970er-Jahren den Begriff „Spieleautor" prägte – und damit einen Berufstand sichtbar machte, der bis dahin kaum wahrgenommen wurde. Wer ein Brettspiel erfand, blieb in der Regel anonym; auf den Schachteln standen Verlagsnamen, nicht die der Schöpfer.

Das änderte sich durch die legendäre „Bierdeckel-Proklamation" von 1988: Auf einem Bierdeckel formulierte Wittig die Forderung, dass der Name des Spieleautors oben auf jeder Spieleschachtel stehen müsse. Dreizehn Autorinnen und Autoren unterschrieben. Dieser Bierdeckel wird heute im Deutschen Spielearchiv in Nürnberg aufbewahrt – als Gründungsdokument einer Emanzipationsbewegung.

Bereits 1983 hatte Wittig gemeinsam mit seiner Frau Karin das „Göttinger Spieleautorentreffen" ins Leben gerufen, ein jährliches Treffen, bei dem Spieleerfinder aus ganz Deutschland zusammenkamen, um Prototypen zu testen, Erfahrungen auszutauschen und sich zu vernetzen. Über drei Jahrzehnte, bis 2016, fand dieses Treffen statt – und wurde zur Keimzelle der 1991 gegründeten „Spiele-Autoren-Zunft" (SAZ) und der Fachzeitschrift „Spiel & Autor". Was heute eine selbstbewusste Berufsgruppe mit Verhandlungsmacht gegenüber den Verlagen ist, hat seine Wurzeln in Göttingen, in Reinhold Wittigs Wohnzimmer.

Im Jahr 2020 wurde Wittig für sein Lebenswerk in die Hall of Fame der Academy of Adventure Gaming Arts & Design aufgenommen – die höchste internationale Auszeichnung der Brettspielbranche.

Mehr als Spiele – ein Göttinger Kulturmensch

Reinhold Wittig war nie nur Spieleerfinder. Er war ein Mensch, der seine Umgebung gestaltete – buchstäblich. 1964 gründete er sein Marionettentheater „Collegium magicum" und baute im Laufe der Jahrzehnte rund 200 fantastische Marionetten aus Metall, Holz und Fundstücken. Noch vom 5. bis 19. März 2026, wenige Wochen vor seinem Tod, zeigte das Kunsthaus Göttingen 22 seiner Figuren in der Kabinettausstellung „Marionetten für München" – ein Abschied: Die Leiterin der Puppentheatersammlung des Münchner Stadtmuseums hatte die Werke im Vorjahr persönlich in Göttingen ausgewählt. Sein Sohn Matthias Wittig, der 2023 den Bildband „Reinhold Wittigs Collegium magicum" im Verlag Kettler veröffentlicht hatte, koordinierte die Übergabe.

In der Göttinger Fußgängerzone steht seit 1974 seine „Spiellokomotive" aus Bronze – eine Skulptur, die zum selbstverständlichen Teil des Stadtbilds geworden ist. Im Geopark der Universität schuf er 1990 „König Artus' Tafelrunde". Und 2003 initiierte er den Göttinger Planetenweg, einen maßstabsgetreuen Spazierweg durch das Sonnensystem im Verhältnis 1:2 Milliarden, der Wissenschaftsvermittlung und Stadtgestaltung auf einzigartige Weise verbindet. Ebenfalls auf Wittigs Initiative geht der Göttinger Kunstmarkt zurück.

Für sein vielfältiges Engagement erhielt Reinhold Wittig 2003 die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen.

Ein Nachmittag bei Wittig

Wer Reinhold Wittig kannte, erzählt von einem Menschen voller Ideen, von einer Werkstatt voller halbfertiger Prototypen, Schrottplatzfunde und Marionetten. Von jemandem, der Spiele nicht am Computer entwarf, sondern mit den Händen – aus Holz, Stein, Metall. Jemand, für den die Grenze zwischen Arbeit und Spiel nie existierte.

Reinhold Wittig hinterlässt seine Frau Karin und ein Lebenswerk, das in Göttingen an vielen Orten sichtbar bleibt – auf dem Planetenweg, in der Fußgängerzone, im Kunsthaus und in den Regalen von Spielesammlern auf der ganzen Welt.

+Hintergrund

Die Bierdeckel-Proklamation, das Göttinger Spieleautorentreffen und die Frage, warum Spieleerfinder heute ihren Namen auf der Schachtel stehen haben – eine Spurensuche in der Geschichte der Spieleautoren-Bewegung.

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