Götter, Helden, Athleten: In der griechischen Antike sollten Bronzestatuen lebendig wirken. Farbige Oberflächen, eingelegte Augen und verschiedene Metalle sorgten für eine körpernahe Wirkung, die heute kaum noch sichtbar ist. Die Ausstellung „hautnah. Die farbigen Bronzestatuen der Griechen: Kunst und Technik“ in der Sammlung der Gipsabgüsse der Universität Göttingen greift diese verlorene Farbigkeit auf und macht sie anhand neuer Rekonstruktionen anschaulich.
Im Mittelpunkt stehen vier bedeutende Figuren der Bronzeplastik: die beiden 1972 vor Riace entdeckten Krieger, ein erschöpfter Faustkämpfer und der sogenannte Thermenherrscher. Die präsentierten Stücke sind detailgetreue Kopien, die im Rahmen eines Forschungsprojekts am Frankfurter Liebieghaus entstanden. Dort werden seit vielen Jahren Methoden der antiken Farbgestaltung untersucht, um die farbliche Erscheinung griechischer und römischer Skulpturen nachvollziehbar zu machen.
Die Ausstellung verknüpft diese Rekonstruktionsarbeiten mit archäologischen Grundlagen: Wie entstanden großformatige Hohlbronzen? Welche Füllmaterialien und Gerüststrukturen stabilisierten den Guss von innen? Und welche Rolle spielte die farbige Fassung für die Wahrnehmung der Figuren in Heiligtümern und auf öffentlichen Plätzen? Anhand der vier ausgestellten Bronzen wird sichtbar, wie komplex die Kombination aus Metallguss, Materialeinsatz und farbiger Gestaltung war.
Ein Schwerpunkt liegt zudem auf aktuellen Forschungen des Göttinger Archäologischen Instituts. Ergebnisse aus Grabungen in Attika und Sizilien liefern Hinweise auf Arbeitsprozesse in antiken Bronzewerkstätten. Werkstattspuren wie Gusskanäle oder Bronzeabschläge werden mit den ausgestellten Rekonstruktionen in Beziehung gesetzt. Damit greifen die Kuratoren die Frage nach der Herkunft der Riace-Krieger auf – ein archäologisches Rätsel, das bis heute nicht endgültig gelöst ist.
Die Ausstellung ist eingebettet in die traditionsreiche Gipsabgusssammlung der Universität Göttingen. Sie gilt als älteste universitäre Sammlung ihrer Art und umfasst mehrere Tausend Abgüsse antiker Skulpturen. Inmitten dieses historischen Bestands eröffnet „hautnah“ einen Blick auf moderne Rekonstruktionstechniken, aktuelle Forschungsfragen und die wandelnde Wahrnehmung antiker Kunst.
Die Präsentation ist Teil der Sonntagsspaziergänge der Universität Göttingen. An jedem Öffnungstag wird eine Führung angeboten, ergänzt durch thematische Kurzvorträge. Den Auftakt übernimmt Daniel Graepler mit einem Beitrag zur Farbigkeit und zum Realismus griechischer Bronzeplastik. Weitere Informationen sind auf der Website der Universität zu finden.