»Wild, edel, heiter«: Unter diesem Titel entfaltete das Collegium musicum der Universität Göttingen in der Aula ein Konzert, das vermeintlich „fremde" Welten aus europäischer Perspektive heraufbeschwor – von „China" bis „Amerika", von „Türken" bis „Inkas". Doch was hier erklang, war weniger ethnografische Wirklichkeit als vielmehr ein faszinierendes Spiegelkabinett barocker Vorstellungskraft. Das Konzert »Wild, edel, heiter: Barockmusik ›aus‹ Amerika und Fernost« fand am 18. April in der Aula der Universität statt.
Purcells »The Fairy Queen«: Fernost im Spiegel barocker Pracht
Geleitet vom Cembalo aus führte Antonius Adamske das Kammerorchester durch ein Programm, das zwischen tänzerischer Leichtigkeit, theatraler Pracht und feinsinniger Ironie changierte.
Mit Rausch-Effekten und durch Pfeifen erzeugten Vogelgeräuschen entführte das Kammerorchester in die fernöstliche Musikwelt von Henry Purcells (1659–1695) »The Fairy Queen«. Basierend auf William Shakespeares »A Midsummer Night's Dream« entfaltete das Collegium musicum eine wahrhaft majestätische und festliche Atmosphäre in der Aula, die die Maskenspiele, Tanzszenen und die höfische Pracht der Oper in Tönen einfing. Anschließend präsentierte das Orchester die „exotischen" Figuren – die chinesischen Charaktere in »Chaconne for Chinese Men & Women«, sinnlich in Szene gesetzt durch die leidenschaftlichen Streicher. Natürlich wirken diese Repräsentationen wie auch die nachfolgenden Werke eher stereotypisch – wie ein Ausdruck europäischer Imagination statt realer Wahrnehmung. Dies bestritt Antonius Adamske aber auch nicht, dennoch schmälert diese Tatsache die Schönheit von Purcells Musik nicht: Die Darbietung des Collegium musicum war ein wahres Fest für die Ohren und lockte auch viele junge Besucher:innen in die Aula, zumal genau diese festliche Barockmusik an die Maskenbälle in der beliebten Serie »Bridgerton« erinnert. Darüber hinaus bezauberte Sopranistin Nalini Kratzin in einem anspruchsvollen Purcell-Solo das gesamte Publikum mit ihrer virtuosen, nymphenartigen Stimme.
Imposante Klangbilder und militärische Anklänge der Osmanen
Mit dem Marsch der Türken, »Marche pour la cérémonie turque«, wurde es anschließend besonders imposant. Bei den Ausschnitten aus Jean-Baptiste Lullys (1632–1687) Oper »Le Bourgeois gentilhomme« kam die Percussion voll zur Geltung: Mächtige, kriegerische Paukenschläge kündigten das Erscheinen der Türken an. Hierbei hörte man zudem Anklänge an die osmanische Janitscharenmusik. Auch das Klirren eines Kronleuchters verstärkte die kraftvolle Atmosphäre. Mit dem Schlag auf einem chinesischen Gong traten die Osmanen schließlich ein, und die Streicher luden erneut zu einem schnellen Tanz ein! Besonders dieser Einsatz von speziellen Instrumenten, die man nicht so oft in einem Barockkonzert zu hören bekommt, machte diesen Abend zu einem besonderen Erlebnis.
Telemanns »Les Nations«: Musikalische Charakterstudien Europas
Auch in Georg Philipp Telemanns (1681–1767) Suite in B-Dur »Les Nations, TWV 55:B5« traten die mächtigen »Les Turcs« in Erscheinung. Hier waren neben schnellen Streichern erneut Militärpaukenschläge zu hören. Das Menuett stellte wiederum einen höfischen Tanz dar, getragen von Streichern und Flöten. Bei den Schweizern, »Les Suisses«, kamen schließlich Kuhglocken zum Einsatz, eine verspielte Darstellung dieser Nation. Das dramatische Spiel der Streicher sorgte danach aber für eine ordentliche Prise Leidenschaft. Bei »Les Moscovites« spielte das Fagott dann ein Motiv, das Saxophon-ähnliche Züge besaß, und bei den Portugiesen, »Les Portugais«, kreierten Peitschen-Instrumente und Cembalo eine einzigartige „exotisch"-musikalische Note.
Rameaus Inkas: Traum und Drama im exotischen Gewand
Anschließend nahm das Collegium musicum die Zuhörer:innen mit in das Reich der Inkas mit Jean-Philippe Rameaus (1683–1764) Ballettoper »Les Indes galantes«. Als die Inkas bei »Adoration du soleil« die Sonne anbeteten, schufen Streicher und Blasinstrumente eine zutiefst träumerische Stimmung. Mit »Danse du grand calumet de paix exécutée par les sauvages« führte das gesamte Orchester ein wildes, dramatisches Tanz-Thema auf, bei dem Mezzosopran Leonie Trzeba und Bariton Quentin Burandt ein lebendiges, energiegeladenes Duett hatten.
Und zum großen Finale präsentierte das Orchester »Le Triomphe de la République« von François-Joseph Gossec (1734–1829), in dem Orchester und Chor ein Klatsch- und Stampf-Motiv vorführten, das das Publikum sichtlich verblüffte. Auch bei der Darstellung der Texaner und Afrikaner wurde das Collegium musicum kreativ: Zikaden-Instrumente zeichneten die Amerikaner aus, während bei den »Africains« Antonius Adamske dem Cembalo perkussive Schläge entlockte und für ordentlich Stimmung sorgte.
»Wild, edel, heiter: Barockmusik ›aus‹ Amerika und Fernost« war ein klanglich farbenreiches Konzert, das die Fantasiewelten des Barock lebendig werden ließ und durch seine kreative Instrumentierung begeisterte.