Händel für Kids?! Kann das gutgehen? Womöglich, wenn man die richtige Person für den Job findet. Da ist KiKA-Moderator Juri Tetzlaff genau der, nach dem sie gesucht haben. Der charismatische TV-Host weiß mit seiner fantastisch-abenteuerlichen Art genau, wie man die Kleinen begeistern kann. Nicht ohne Grund moderierte er jahrelang Kindersendungen wie »KiKA Baumhaus« oder »TRICKBOXX«. Den Richtigen haben sie schon mal. Na dann, Vorhang auf für Juri Tetzlaff, der das junge Publikum mitnimmt auf eine Zeitreise in die Welt der großen Opern. Aber Moment mal?! Alte Barockopern? Und dann auch noch eine unbekannte namens »Sarrasine« mit einer Sängerin, die in Wahrheit ein Mann ist. Kann man solch eine Handlung überhaupt schmackhaft machen für die Kids?
Aber hallo! Gruselige Gespenster, Zeitreisen, pompöse Kostüme inklusive und auch… Taylor Swift?! Was sich zunächst nach einem wirren, kunterbunten Mix anhört, war aber gewiss ein richtig aufregendes und lehrreiches Theatererlebnis für Groß und Klein. »Sarrasine: Familienfassung der Festspieloper« wurde am 20. Mai im Deutschen Theater aufgeführt.
In musikalischer Hinsicht stand diese „Mini-Version“ der langen „Erwachsenen“-Fassung in nichts nach. Dank der Moderation von Juri Tetzlaff wurde die Handlung natürlich in einer leicht verständlicheren Variante präsentiert. Die großen Arien gibt es aber dennoch. Myrsini Margariti als Mme de Rochefide überzeugte bereits am Anfang mit einer imponierenden Arie und sorgte für ordentlich Starappeal auf der Bühne. Margariti hat eine mächtige Sopranstimme, die sehr agil ist und die sie mühelos artikulieren kann. In ihrem üppigen Kleid ist die Sopranistin ohne Frage ein wahrer Hingucker und wirkt wie ein richtiger Star. Das passt sich sehr gut, schließlich spielt sie die „Taylor Swift“ des Barockzeitalters. Die griechische Sängerin erklärte dem jungen Publikum in einer kurzen Pause, dass die Opernsänger damals die Popstars ihrer Zeit waren wie Taylor Swift oder Lady Gaga heute. Diese kleine Musikstunde machte den Besuch für die Kleinen natürlich umso attraktiver, so konnten sie noch viel dazulernen. Myrsini Margariti demonstrierte eindrucksvoll ihre Koloratur-Fähigkeit und die Beweglichkeit ihrer Stimme und gab den jungen Zuschauer:innen sogar eine kleine Gesangsstunde zwischendurch.
Auch die Mitglieder des Kammerchors der Universität Göttingen trugen viel zur überwältigenden, majestätischen Atmosphäre bei mit ihrer verspielten Attitüde und ihren prunkvollen Gewändern. Während das Geschehen auf der Bühne fortsetzte, erschienen sie plötzlich sogar ganz nah bei den Rängen des jungen Publikums und sorgten für gute Unterhaltung. Damit war das Theatererlebnis auch sehr immersiv. Sogar der serbische Bass-Bariton Sreten Manojlivić klatschte mit den Jungs und Mädels ab, die nah der Bühne saßen. Auch er überzeugte mit seiner ergreifenden, warmen Klangfarbe. Daneben beeindruckte Tenor Juan Sancho als liebesbesessener Sarrasine mit großem Stimmumfang. Allen die Show gestohlen hat aber eindeutig Samuel Mariño als Zambinella. Ihm ist die Rolle des Kastraten mit entzückender Stimme sozusagen auf den Leib geschrieben. Der venezolanische Sänger ist einer der wenigen männlichen Soprane auf der ganzen Welt. Diese engelsgleichen Klänge hört man mit Sicherheit nicht jeden Tag. Er ist einfach eine wahre Koryphäe. Mit seiner zarten, agilen Stimme im hohen Register verzauberte er sowohl das junge als auch das alte Publikum. Somit war es ein sehr besonderes Erlebnis, dieses Ausnahmetalent hier in Göttingen auf der Bühne zu sehen!
Aber kommen wir nochmal zum Anfang zurück. Überragende Opernstimmen und prunkvolle Kleider sind natürlich schön und versprühen eine fürstliche Atmosphäre, aber wie soll all das ausgerechnet Kinder ansprechen?
Die Antwort: Juri Tetzlaff und seine fantasiereichen und spielerischen Szenen. Der KiKA-Moderator war sozusagen selbst Darsteller beziehungsweise Narrator und kommentierte stets das Geschehen. Zu schrillen, langsamen Violinen tauchte am Anfang eine schwarze unheimliche Gestalt auf die Bildfläche. „Wer ist dieser komische Typ? Ist das ein Gespenst?“ fragt Tetzlaff das junge Publikum entsetzt. Er interagierte auf kreative und amüsante Weise mit den Kids und erklärte die einzelnen Handlungsakte sehr lebendig und einfach erklärt. So konnten die Jungen und Mädchen alles mitbekommen. Wer dachte, „mein Kind wird wahrscheinlich sowieso nichts verstehen,“ der irrte sich also gewaltig.
Kinder mögen Grusel, und dann ein schwarzes Gespenst bei grellem Geisterlicht auftreten zu lassen, war einfach genial. Der Geist hätte glatt aus »Fluch der Karibik« stammen können. Beim erneuten Erscheinen des Phantoms forderte Tetzlaff die Kinder danach auf, mit ihm Geistergeheule, Hexengekicher und wilde Trampelgeräusche zu machen. Seine Aufforderungen machten das Stück zu einem lebendigen und interaktiven Erlebnis. Der Moderator war mit sehr viel Elan dabei und von Overacting gab es nicht die geringste Spur! Mit Appellen und coolen Sprüchen wie „Maestro, Tanzmusik bitte!“ oder „Let’s Party“ zeigte er, dass er ein waschechter Showman ist!
Um das Geheimnis des schwarzen Gespensts zu lüften, ließ er die Kids schließlich Detektiv spielen und nahm sie mit auf eine Zeitreise vom Jahr 1830 zurück ins Jahr 1670. Natürlich hatten die Leute im 19. Jahrhundert keine Zeitmaschine wie in »Zurück in die Zukunft«. Deshalb katapultierte er sich zusammen mit den jungen Zuschauer:innen zurück in die Vergangeheit, indem alle wild auf ihrer Brust klopften wie ein Gorilla und mächtig auf den Boden stampften. In 1670 angekommen, erklärt Tetzlaff den Kleinen, dass der Bildhauer Sarrasine unsterblich verliebt ist in die Opernsängerin Zambinella. Allerdings weiß er nicht, dass Zambinella in Wahrheit ein Mann ist, da in Opern damals nur Männer singen durften. Dies ist vermutlich für junge Zuschauer:innen zunächst schwer zu verstehen. Deshalb erläuterte Tetzlaff auf aufregende und amüsante Weise, dass nur verkleidete Männer in der Oper erlaubt waren.
Dank Juri Tetzlaffs Narration und Erklärungen lösten die Kleinen schließlich den Fall und erfuhren, dass das Gespenst in Wahrheit der alte Zambinella im Jahr 1830 ist. Dieser ist noch immer von dem Tod des verliebten Sarrasine gestürzt. Obwohl dies eine Familienfassung war, wurde die Realität nichts beschönigt. Eine kluge Wahl, und Sarrasine stirbt durch sein eigenes Schwert. Zu düster sollte es dennoch nicht werden und deshalb verlangte Tetzlaff zusammen mit den Kindern, den Bildhauer wiederauferstehen zu lassen. Sehr clever! So bekam das Publikum nicht eine halbgare Fassung und dennoch blieb es Unterhaltung für die ganze Familie. Alle Sängerinnen und Sänger, einschließlich Sarrasine waren am Ende wieder auf der Bühne und sangen feierlich zu hoheitsvollen Klängen des FestspielOrchesters „Zambinella!“
»Sarrasine« im Miniformat war ein voller Erfolg, denn die bunte Mischung aus wuchtigen Opernklängen, verspielten Ideen und interaktiven Momenten konnte vor allem die Kleinen ins Staunen versetzen! Wer braucht schon Micky Maus, wenn man ein gruseliges Gespenst, eine barocke Taylor Swift und einen zauberhaften Sopransänger hat! Es war nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch sehr lehrreich. Genau wie das bewegende Interview mit Samuel Mariño auf der Bühne. Mariño hatte als Teenager keinen Stimmbruch. Er wurde deshalb oft von anderen gemobbt. Samuel hat es aber schließlich geschafft, aus seiner Besonderheit ein Talent zu machen. Ein sehr inspirierender Moment, der den Kindern zeigte, dass man sich nicht dafür schämen muss, anders zu sein! Also Hut ab für Samuel Mariño und Juri Tetzlaff!