Campino beim Göttinger Literaturherbst | © Photo: D'Amico
  • Dieser PLUS-Artikel ist inzwischen frei verfügbar
Information
Literaturherbst

Punk trifft Poesie: Die Melodie der deutschen Gebrauchslyrik 

Information
Lesung von Campino »Kästner, Kraftwerk, Cock sparrer«
von Jasmin D'Amico, erschienen am 27. Oktober 2024

Zwischen Humor und Ernsthaftigkeit, zwischen heiteren Momenten und berührenden Passagen, zwischen Erich Kästner und Kraftwerk entfaltet sich eine Geschichte, die eine Hommage an die deutsche Sprache und die sogenannte Gebrauchslyrik darstellt. Gekennzeichnet durch einfache Texte, die sich mit den Problemen ihrer Zeit auseinandersetzen, bietet sie einen zugänglichen Leitfaden für das Leben und ist ein großer Bestandteil des Buches »Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer- eine Liebeserklärung an die Gebrauchslyrik« des Leadsängers der Toten Hosen – Campino.

Mehr als nur eine Lesung: ein Abend voll Musik und Erzählkunst

Am 25. Oktober stellte Andreas Frege alias Campino sein Werk im Rahmen einer Lesung des Göttinger Literaturherbsts in der ausverkauften Sheddachhalle vor. Erwartungsgemäß blieb die Lesung des Frontmanns der Düsseldorfer Band alles andere als konventionell – und genau darin lag auch ihr besonderer Reiz. Zusammen mit Bandkollege Kuddel (Andreas von Holst) betrat er die Bühne, sodass spätestens dann jedem klar gewesen war: Hier würde nicht nur vorgelesen, sondern auch Musik gespielt werden. Passender könnte es nicht sein, da das Buch tiefe Einblicke in die Entstehungsprozesse der Songtexte gibt, die vor allem auch persönlich Erlebtes verarbeiten.

Die Deutsche Dichtung als Quelle der Inspiration

So wird deutlich, dass vor allem große deutsche Schriftsteller und Dichter eine wesentliche Inspiration für Campino waren. Wo als Kind einst noch Abneigung gegen das Auswendiglernen von lyrischen Texten wie zum Beispiel „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ bestand, wuchs auf der anderen Seite über die folgenden Jahre eine Leidenschaft für die deutsche Dichtung. Schnell war klar, dass die Texte der Band in der eigenen Sprache – auf Deutsch - geschrieben werden sollten. Zwar hatten die jungen Punks zur damaligen Zeit eine große Verbindung und Liebe zu den englischen Ursprüngen der Musik, da sie vor allem durch britische Punkrockbands geprägt wurden. Doch man wollte etwas Eigenes schaffen, keine Kopie des Originals sein.

Zwischen Tucholsky und Punk: Die Suche nach dem eigenen „Sound

In seinem Buch stehen dabei auch immer wieder die Texte von Autoren wie zum Beispiel die von Kurt Tucholsky im Zentrum -Texte, die ihn bewegten und ihn und die Band ermutigten auch kritische und politische Texte zu formulieren. Diese Suche nach dem eigenen „Sound“ und die Einordnung in die Geschichte der Musik nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, gab darüber hinaus einen interessanten Einblick in die Entwicklung der Musik im 20. Jahrhundert. Diese wurde in der damaligen Zeit von vielen verschiedenen Einflüssen geprägt. Der Ausschnitt stellte jedoch anhand des persönlichen Beispiels nicht nur trockene Lehre dar, sondern gab einen nahbaren Einblick in jene Zeit.

Symbiose aus Musik und persönlichen Erlebnissen

Über 600 Menschen hörten dem Sänger und Autor zu, während er abwechselnd aus seinem Buch vorlas, private Einblicke gewährte oder die angesprochenen Liedtexte mit Kuddel an der Gitarre zum Besten gab. Dadurch entstand eine Kombination aus dem charismatischen und humorvollen Auftreten des Musikers, den interessanten Textpassagen aus seinem Leben und der berührenden Musik, die diese Lesung zu etwas ganz Besonderem machten. So wurde das sehr persönliche und private Lied »Unser Haus«, das sich um das Elternhaus des Sängers dreht und vor 25 Jahren geschrieben wurde in Göttingen erstmals auch live präsentiert. An anderer Stelle bewegte die Buchpassage über die versöhnliche letzte Umarmung mit seinem Vater, der kurz darauf starb, und das davon handelnde Lied »Draußen vor der Tür« das Herz. Die starken Momente des Abends lagen daher besonders in diesen emotionsreichen Minuten, was sich auch im tosenden Applaus des Publikums widerspiegelte.

Eine Hommage an die deutsche Sprache

Der Abend in der Sheddachhalle zeigte, wie vielfältig die deutsche Sprache ist und wie tief die Hintergründe hinter Musik und ihren Texten reichen. »Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer – eine Liebeserklärung an die Gebrauchslyrik« ist daher genau das: eine Wertschätzung gegenüber der Dichtung, bereichert durch persönliche Anekdoten und geprägt durch Witz und Ehrlichkeit. Die knapp zweistündige Lesung entpuppte sich nicht nur als Buchpräsentation, sondern zusätzlich als privates, intimes Konzert, das die Zuhörer sowohl zum Schmunzeln brachte, aber auch nachdenklich stimmte, sodass die Besucher:innen gerne ein Exemplar am Büchertisch kauften.

Keine Kommentare

<h2>Warum kann ich diesen PLUS-Artikel lesen?</h2>

PLUS-Artikel sind Texte, für die eine freie Mitarbeiterin oder ein freier Mitarbeiter bezahlt wird. Die Umsätze unserer Abonnent:innen dienen zur Finanzierung dieser Leistung. Nach einem Zeitraum von ca. 4 Wochen erlischt die Beschränkung, so dass die Texte ohne Bezahlung zu lesen sind. Wir freuen uns natürlich dennoch über ein Abonnement, um diesen Service auch zukünftig anbieten zu können.

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.